Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-10-02 · Heft 39 (2.10.1908) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425761--1047-2427376
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 39. Seite 9. zogen hat. Waren früher 'nahezu alle bedeutenden europäischen Geschäftshäuser in Jaffa und Jerusalem in deutsehen Händen, so haben sie heute vielfach jüdische n Firmen Platz gemacht. Die herrschende Stellung der Deutschen auf dem Gebiete der Pharmazie z. B. besteht schon lange n:cht mehr. Die schönen deutschen Stadtapotheken in Jaffa und Jerusalem mussten wegen jüdischer Konkurrenz geschlossen werden. Dasselbe Schicksal haben mit ihnen zahlreiche andere deutsche Geschäftsbetriebe geteilt. Das Sprichwort, dass das Handwerk einen goldenen Boden hat, gilt für Palästina schon 1-mge nicht mehr. Während vor der jüdischen Masseneinwanderung die deutschen Handwerker ein schönes Geld verdienten, sind sie heute vielfach gezwungen, sich anderen Berufen zuzuwenden. Die von den jüdischen Handwerkern gelieferte Arbeit ist zwar sehr viel schlechter, aber auch viel billiger. End der Billigkeit geht alles nach im Orient; vielleicht noch mehr als im Okzident — sogar, leider sei's gesagt, auch die Deutschen . . Es ist durchaus kein Zufall, dass weitaus die Mehrzahl der massgebenden zionistischen Betriebe unter englischem Schutze stehen. Einmal ist die Anwesenheit von 5000 deutschen Kolonisten im Heiligen Land ein wesentliches Hindernis für eine jüdische Autonomie. England hat sich auch von jeher l'ieundlich zu den zionistischen Bestrebungen gestellt. Es entspricht durchaus seiner Politik am persischen Golf, in Arabien und an der syrischen Küste, wenn ein weiterer Gebietsteil Palästina; vom türkischen Reiche losgelöst und dem britischen Kolonialbesitz angenähert -wird. Bedauerlich bleibt nur. dass bei dem zionistisch-englischen Kompromiss der deiuscjic Handel und das Deutschtum in Palästina zunächst die Leidtragenden, sind. Ob die grosse nationale Bewegung, die heute das ganze osmaivsche Reich durchbraust, stark genug sein wird, um auch den zionistischen Bestrebungen auf Palästina ein Knde zu bereiten, muss abgewartet werden." Zeitschriften-Rundschau. Die „Intervention der Mächte" In der parteizionistischen Berliner „Jüdischen Rundschau" spricht Davis Trietseh von der ^Intervention der Machte'- ganz im selben Sinne wie die in unserem Blatte veröffentlichten Artikel „Zur Revision des politischen Zionismus". Trietseh verwirft diese Intervention als geradezu schädlich. Kr meint: „Jetzt bleibt uns noch von der „Garantie der Mächte" zu reden. Hier liegt der grösste Irrtum des bisherigen Systems. Bis in die neueste Zeit hinein hat man geglaubt, der Beistand, die Fürsprache, die Interessennahme der Mächte könne uns nützen. In Wirklichkeit konnten wir n u r das M i s s t r a u e u der Türkei und der anderen Mächte damit hervorrufen, dass wir uns um die Gunst Jrgend einer oder irgend melnerer Mächte bewarben. Es ist ja auch bekannt, dass unsere Bemühungen um die Mächte uns nichts genützt h a b e 11. Weder der deutsche Kaiser, noch der badische Grossherzog, noch die Engländer, noch Herr Plehwe haben de facto auch nur versucht, uns beim Grossherrn zu ..empfehlen". Nein! Wir haben nur mit der Türkei zu verhandeln und nur auf sie zu rechnen. End ni ht mit einer neuen oder einer alten Türkei, sondern mit der Türkei, gleichviel welche Partei am Ruder ist. Unsere Parole muss sein: Gut türkisch — mit oder ohne Konstitution! Gut türkisch in jedem Falle! Alle Verhandlungen mit den Mächten haben aufzuhören, und wir werden höchstens — soweit wir es können — zu verhindern haben, dass die Mächte uns stören, oder dass die Loyalität unserer Bestrebungen bezweifelt wird." Morris Rosei feld über die jüdische Sprachkonferenc. Zur Sprachkonferenz der jüdischen Schriftsteller in Czernowitz ist gerade derjenige nicht erschienen, der ihr zur grössten Ehre gereicht hätte: Morris Rosenfeld. Aus einer Unterredung des Vertreters der „Bukowinaer Post" mit dem Dichter erfahren wir jedoch sein L'rteil: ,,Ich weiss nicht," meinte Rosenfeld, ,ob es Ihnen bekannt ist, dass diese Konferenz in Amerika im Hause meines Verlegers geboren ist. Auch ich habe eine Einladung zur Teilnahme an der Konferenz erhalten. Ich lehnte ab, weil ich keinen praktischen Nutzen in ihr erblicken konnte. Was wollte sie? Sie wollte den Druck von Werken in jiddischer Sprache in lateinischen Buchstaben propagieren? Das tue ich und tat es, ohne Konferenz. Ich brauche blos meinem Verleger den Auftrag zu geben, mit lateinischen Buchstaben zu drucken; dann tut er es. Hat denn die Konferenz die Autorität und die Kraft, ihren Beschlüssen Geltung zu verschaffen? Hat sie Garantien dafür, dass ihre Beschlüsse von dem einzig kompetenten Forum, der jüdischen Bevölkerung, sanktioniert werden? Die Konferenz beschliesst, die jiddische Sprache in den Schulen lehren zu lassen. Welche Mittel hat sie, die Kultusgeineinden zu veranlassen, in ihren Schulen Jiddisch lehren zu lassen? Gar keine! Ganz abgesehen von der Frage, ob Jiddisch oder Hebräisch die Nationalsprache sei. Die Voraussetzung für die Kultivierung einer Sprache ist vor allem ein eigenes Land, eigene Schulen und eigene Behörden. Es ist wahr, „Jiddisch" ist eine Sprache, die 8 Millionen Juden sprechen, eine lebendige Sprache. Aber das zu bestätigen ist keine Konferenz nötig. In Amerika erscheinen 6 jiddisch e Blätter, darunter der „Vorwärts", der eine tägliche Auflage von 72.000 Blatt hat. New-York besitzt 5 jüdische Bühnen, die nicht nur den ..echten" Juden, nein, auch den englischen Assimilationsjuden eine Stätte der Erholung und Erbauung bedeuten! Wozu dann also die Konferenz:" „Kennen Sie die Teilnehmer der Konferenz?" ..Persönlich nicht! Wohl aber aus ihren Werken. Ich halte Schalom Asch für einen ganz bedeutenden, genialen Dichter." „End die rinderen? Reisen, P e r e z?" „Reisen ist gleichfalls ein Talent. Perez hat viel geschrieben; zum Teil unter dem Eindruck des modernen Mystizismus, ungefähr eines Ma 'terünk; dieser hat verwirrend auf ihn gewirkt. Ebenso gibt es eine grosse Zahl junger talentloser Dekadenten, wütende, blinde Nachahmer eines Andrejew, die der jüdischen Literatur keine Ehre machen. Ich zähle einen Imber u. v. a. zu dieser Grupjx'. Ein ganz hervorragende^ "Talent, um es nochmals zu sagen, ist Schalom Asch. Wenn er gar nichts weiter aN ..Das Städte!"" gesi hriehen hätte, so wäre sein Dichterruhm begründet." Das jüdische Zeituugswesen in Palästiaa. Tu der jetzigen Zeit der politischen Umwälzungen im ottotnanisehen Reiche ist es für die Juden eine Sache politischer Klugheit, durch Gründung von eigenen Blättern die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Zur Zeit ist der Stand des jüdischen Zeitungswesens in Palästina, wie wir in der ,.Palästina" lesen, folgender: „Es ist ganz natürlich, dass unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas, das sich kulturell erst zu entwickeln bebeginnt, das Journalwesen bis vor einiger Zeit so ziemlich ärmlich war. Nicht etwa in dem Sinne, als ob man nicht das kulturelle Bedürfnis, Zeitungen zu lesen, empfunden hätte, denn wie schon erwähnt — befanden sieh in jedem Verein oder in jeder Bibliothek verschiedene europäische Zeitungen. Aber man war auf journalistischem Gebiet sehr wenig produktiv. Man hatte noch nicht die kulturelle Möglichkeit, zufriedenstellende, ihrem Berufe entsprechende Zeitschriften herauszugeben. Es existieren zwar zwei Zeitungen in hebräischer Sprache, nämlich der orthodoxe „Hab azelcth", das Organ der palästinensischen Chalukah und die literarisch-progressive (radikale) „Haschkafa", die von Ben Jehouda redigiert wird; man hat auch ein literarisch-publizistisches Sammelbuch herausgegeben; - - aber all dies liess so manches zu wünschen übrig. Erst in di r letzten Zeit ist ein vollständiger Wandel in dieser Hinsicht bemerkbar. Jener ..Drang nach Osten", welcher jüngst viele unserer Jugend nach Palästina hintrieb, veranlasste gleichzeitig eine Ansammlung hebräischer Schriftsteller im Lande unserer Zukunft, End so leben dort gegenwärtig ausser den daselbst schon längst weilenden Ben Jehouda, Jellin und Sme- 1 ian.skis, ausser einigen im Lande bereits geborenen jüngeren Literaten, der bekannte A. Z. Rabinowitsc'h, S. Ben-Zion, Radler, Wilkanski, Gnesin und andere noch. Dank dieser so günstigen Anordnung der Dinge, wie auch der bereits geschilderten, allmählich wachsenden geistigen Wiedergeburt der Judenheit Palästinas, entstanden im vorigen Jahre daselbst zwei hebräische Zeitschriften: „Haonier" und „11 apoel Hazoir". — Die erste, eine Ouartalsschrift. ist rein literarisch-wissenschaftlichen Charakters. Mit aussergewöhnücher Begeisterung in unserer Literatur aufgenommen, zeichnet sich diese Schrift durch einen sehr reichhaltigen Inhalt aus. Denselben schöpft sie fast ausschliesslich aus dem heimischen Boden, mit dem sie im inneren Konnex ist. Die Liebe zur Heimat, die mit derselben verwachsenen Sagen, das Leben der altwie der neujüdischen Bevölkerung Palästinas, die Geschichte der Kolonisation und die Bedingungen ihrer zukünftigen Entwicklung — das ist es, was den Inhalt des ..Haomer" ausmacht. — Die zweite, einstweilen eine Monatsschrift, ist $ o z i a l - aktueller Natur. Durch idie jüdischen Arbeiter in Palästina begründet, wurde sie mit grossem Beifall in der jüdischen Bevölkerung aufgenommen und erfreut sich eines guten Absatzes. Die bisher erschienenen Nummern machen einen sehr guten Eindruck. Ausser den Part^jfragenj werden sowohl Fragen allgemein-jüdischen als auch zionistischen Charakters behandelt. Linter einem national-progressiven Teil der Bevölkerung hat sich seit einiger Zeit das Bestreben geltend gemacht, ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.