Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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8«it« 6. „N«u© National-Zcitung" Nr. 39. gend, hinter dem schmalen Schalter keuchend, seine verantwortungsvolle Arbeit verrichten sah. Gibt es denn im ganzen Gebäude keinen Raum, der sowohl der steuerzahlenden Parteien, als auch des Kassenamtes würdiger wäre, als diese Kerkerzelle? Sind überhaupt diese beiden Ruinen einer Grossgemeinde würdig? Oder sind sie vielleicht symbolisch für den bevorstehenden Zusammenbruch der herrschenden Koterie? Um Antwort bittet ein Steuerzahler. ♦ Eine Wähler-Versammlung findet Donnerstag, den i. Oktober, 8 Uhr abends, über Einberufung des , Israel. Wählerverein" für Hernais und Ottakring in Horvats Lokal, 16. Bez., Hubergasse io statt. Tagesordnung: i. Begrüssung durch den Obmann des Israel. WäbTerverc.nes; 2. Diskussion, betreffend die Kultuswahlen. R-Ter nt: Herr A. G o I d b 1 a t t: 3. Evcntualia. NACHÜM HAMASCHGIACH. Reisen otizen,*) 11. Es ist ein schöner Tag; die Hitze hat ein wenig nachgelassen und vom Mecskebcrge her weht ein laues Lüftchen uns entgegen. Wohin das Auge blickt, begegnet es prächtigen Weinhügeln, deren Reben voll bei«den sind. Am Fusse dieser mit den berauschenden Pflanzungen Noahs gesegneten Anhöhen lustwandeln in lichten Kkidern aus kostbaren Stoffen anmutige Frauengestalten mit frohen Gesichtern, aus deren lachenden Mienen und anmutiger Beweglichkeit die reizende Jugendfrische und die Lust am und zum Leben eine beredte Sprache spricht. Hie und da vernimmt man auch das leise Rollen eines Gummiradlers. in das sieh die wohltönenden Laute der ungarischen Sprache mischen, deren sich ein Koranyi oder Kovacs lieber bedient, als des Hebräischen, das ihm nur eine tote Sprache ist und deren ihm unverständliche Laute er nur einmal im Jahre aus dem Munde des Vorbeters vernimmt und auch da durch das Gesängel verkümmert und verdreht. In dieser Gegend, von der ich erzähle, spricht man auch nicht einmal mehr von einem Kassel. Zwar hatte diese Stadt, in deren Nähe ich mich befinde, einst einen grossen Gelehrten als Rabbiner, der der jüdischen Wissenschaft zu früh entrissen wurde, allein die Schüler dieses Mannes erinnern sich kaum der Existenz ihres einstigen berühmten Lehrers, geschweige denn, dass dieser es vermocht hätte, bleibende Spuren in der Seele seiner Jünger 7urückzulassen. Ich meine hier keinen Geringeren als den Verfasser des Aruch Completum, Dr. Alexander Kohlet s. j\. Das ist eben der fluchwürdige Segen, den uns das Reform-Judentum gebracht hat. Wenn auch dieser Teil Ungarns dem Judentum nie grosse Geister geschenkt hatte, so dass es gezwungen war, solche von auswärts zu importieren, so war es doch vor der Reform etwas besser bestellt als heutzutage. Die Leutchen glauben nichts anderes, als dass das Judentum eine liturgische Anstalt sei. Und wenn die Furcht und Angst vor dem Jom-Kippur ni<ht bestünde, so hätten sie schon längst auch für diesen Tag die ganze jüdische Liturgie; dem Kantor geschenkt, dem Kantor als dem „ersten Diener Gottes". Da aber der Wille zum Leben gerade bei wohlhabender» Leuten in ziemlich intensiver Weise zum Ausdrucke kommt, so möchte man doch dem lieben Gott keinen Vorwand geben, so einen Weingartenbesitzer. Geldgeschäftemacher u. dgl. zu früh aus seiner Behaglichkeit hcrauszureissen, auf dass er seine schöne Villa in ein kühles feuchtes Grab eintausche. Man kommt also am grossen Versöhnungstag für die Dauer eines Stündchens in das Gotteshaus und man hat dann seine Pflicht und Schuldigkeit als Jude getan! Doch bald wäre ich ungerecht und hätte ein unbilliges Urteill über die jüdischen Gefühle unserer magyarischen Stammesbrüder gefällt. Denn nicht nur am Jom-Kippur allein, sondern auch an sonstigen Feiertagen, wo im Gebete der Toten gedacht wird (Maskir), besuchen diese Herren in der den Toten gewidmeten Andachtsstunde das Gotteshaus. Und wehe dem jüdischen Gemeindediener, der es unterlassen würde, seine Bale-Batim zu verständigen, wann die Maskirandacht stattfindet. *) Vgl. Nr. 33. Herr A. Kuschitzky hat vor mehr denn einem Jahre im „Haolam" eine ausgezeichnete Charakteristik darüber veröffentlicht. Es war an einem sonnigen Jom-Kippur, etwa um die Mittagsstunde. Im Gotteshause wurde eine halbstündige Pause des Gottesdienstes angeordnet, damit der Tempelraum gelüftet werde. Diese Pause benützten die Gemeindemitglieder zu gegenseitigen Besuchen. Gelegentlich eines solchen Besuches beim Vorsteher der Gemeinde, der dem Gottesdienst nicht beigewohnt hatte, trafen ihn die Besucher gerade bei der Mahlzeit. Die schmackhaft dampfende Brühe war bereits aufgetragen, als mehrere Herren und Damen dem Herrn Vorsteher der Gemeinde X. ihre Aufwartung machten. „Wie," fragte eine der besuchenden Damen den Herrn Präses, „Sie wissen nicht, was heute ist?" ,,Ai h, doch," antwortete der Präses mit einem gleichgiltigen Lächeln, „heute ist der lange Tag." Die Dame war von der Antwort des Präses keineswegs beruhigt. Sie fügte vielmehr ihrer ersten Verwunderung die Worte bedeutungsvoll hinzu: „Aber um des Himmelswillen! Heute ist doch Maskir!" ,,Maskir!" rief da der Präses, einer Ohnmacht nahe, „Maskir? Mas . . ." und das Wort erstarb ihm auf den Lippen; seine Frau faltete die Hände vor Verzweiflung, und die Kinder, die speisend um den Tisch sassen, begannen angesichts der Angst- und Jammenufe ihrer Eltern jämmerlich zu weinen. ♦ Vom herrlichsten Wetter begünstigt, begleitet von den milden Strahlen der abgekühlten Septembersonne, übersetzte ich die Drau. Im Kupe gesellte sich zu mir ein jüdischer Reisegenosse, der mir vom Gesichte abliest, dass auch ich kein Arier bin. Da wir uns in Bezug auf Abstammung gegenseitig nichts vorzuwerfen hatten, stellten wir uns unter Beobachtung der üblichen Höflichkeitszeremonien vor. ..Ich habe die Ehre mich vorzustellen, Kendi Janos ist mein Name." „Naehum Hamaschgiach ist mein werter Name", erwiderte ich, wobei ich es, nicht unterliess, zu bemerken, dass unter den modernen ungarischen Juden, selbst unter denen, die das Joscmkaddischgebet zw verrichten noch nicht verlernt haben, selten sich jemand finden dürfte, der es sich zur Ehra anrechnen würde, den stolzen Namen 'Naehum Hamaschgiach zu tragen. Er würde sich vielleicht gar der Gefahr aussetzen, die imgarische Staatsbürgerschaft zu verlieren. So uns unterhaltend, trafen Avir lim die frühe Abendstunde in Essegg ein. Die Essegger jüdische Kultusgemeindej zählt 400 Gemeindemitglieder, die ohne Ausnahme wohlhabend, sind. Einige von ihnen haben es zu grossem Reichtum gebracht. Da ich schon am Bahnhofe hörte, dass der in Essegg existierende zionistische Verein eine kleine Beratung abhält, zu der der Zutritt auch Nichtmitgliedern gewährt wird, bat ich meinen magyarischen Reisegenossen, Kendi Janos, von dem ich erfuhr, dass er in früheren Zeiten Reb Jochanan Käsemann genannt wurde, dass er in Gemeinschaft mit mir die betreffende zionistische Konferenz besuche. Eine Flut von Beschimpfungen, gerichtet gegen die ganze zionistische Bewegung, war die Antwort. Dieses unverzeihliche Benehmen dieses neugebackenen Magyaren mit der typisch jüdischen Nase erinnerte mich an ein verkommenes Individuum, das seines Zeichens und Berufes Mehlagent war, das sich aber hauptsächlich mit Denunziationen gegen Juden und Nichtjuden befasst hatte. Um diesen Menschen, dessen Verschlagenheit unvergleichlich war und der mit dem Raffinement eines geübten und geschulten Verbrechers arbeitete, ungefährlich zu machen, wählte ihn die; kleine jüdische Gemeinde zu ihrem Vorsteher. Da kam sie erst recht vom Regen in die Traufe. Denn dadurch, dass das Individuum die Form einer Amtsperson erhalten hatte, wurde es seinen Mitmenschen viel gefährlicher als je zuvor. Dieses verschmitzte Verbrecherlein mit seiner gedrungenen Gestalt und seinen unruhigen Blicken sprach von den Gemeindemitgliedern, die es mit der Präseswürde auszeichneten, nicht anders als von einem ..Juden-Gesindel". Es bedurfte erst des Einschreitens eines akademisch gebildeten Mannes, um all die Schandtaten des jüdischen Antisemiten aufzudecken. Mit dem Schmähruf ,,Jüdisches Gesindel" verliess dann unter Zeichen der Schmach das Verbrecherlein den slavonischen Ort seiner Maulwurfsarbeit, um fortab seine denunziatorische Arbeit in der Hauptstadt Kroatiens wieder aufztinehmcn. Aber wie gesagt, ich müsste ein anschwärzender Reiseberichterstatter sein, wollte ich all dies auch von meinem Reisegenossen Kendi Janos behaupten. Nur seine Nase, seine Verleugnung alles Jüdischen, sein Beschimpfen der zionistischen, beziehungsweise der jüdisch-nationalen Bewegung erinnerte mich unwillkürlich an das Entsetzen erregende und abstossend wirkende Individuum, von dessen Scheusslichkeiten ich nur ein sehr schwaches und mattes Bild entwarf. Also nicht in Gesellschaft meines Reisegenossen Kendi Janos, sondern in Gesellschaft meiner eigenen Selbstherrlichkeit begab ich mich zur zionistischen Versammlung in Essegg. Den Vorsitz der Versammlung leitete ein