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Neue Nationalzeitung · 1908-10-02 · Heft 39 (2.10.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39. „Neue National-Zeitung" Seit« 5. ten angehören und daher nicht in der Lage sind, die ziemlich hohen Preise in der Synagoge zu erschwingen, wiewohl andererseits die Brigittenauer Synagoge gar nicht ausreicht, um alle betenden Juden dieses Bezirkes aufzunehmen, hat der Kultus-Vorstand in seiner kleinlichen, rechthaberischen Art dieses Gesuch abgewiesen — fünf Tage vor den Neujahrstagen. Um diese Zeit waren die Vereins-Mitglieder nicht mehr in der Lage, sich anderweitig Betsitze zu verschaffen; sie beschlossen daher, in Notwehr handelnd, das Bethaus zu benützen. Das wollte der Kultusvorstand nicht dulden und wendete sich an das Polizei-Kommissariat wegen Sperrung des Bethauses. Am zweiten Feiertag, Sonntag, halb 12 Ehr vormittags, erschienen zwei Polizei-Agenten im Bethause, und forderten die Versammelten auf, das Lokal zu verlassen, damit es gesperrt werde. Ks war gerade während des Vorlesens der Thora. Die Anwesenden erklärten darauf, dass Dr. Lifczis die Bewilligung habe, man werde ihn holen. Das wollten wieder die Defektives nicht zulassen und forderten die zwei Sprecher auf, ihnen auf das Polizei-Kommissariat zu folgen, was ohne Widerrede geschah. Inzwischen bemächtigte sich des Publikums eine Panik. Die Frauen stürzten aus ihrer Abteilung und riefen: „Gehen wir jn die Seitenstettengasse!" Einige Besonnere wirkten beruhigend ein und beschlossen angesichts der Gefahr, einen Mann mit Wagen zum Dr. Lifczis zu schicken. Bald darauf erschiene]] neuerlich die Defektives und zwangen das Publikum u(ntcr der Androhung, sonst 20 Wachleute zu rufen, das Lokal zu verlassen. Nun kam Hilfe. Dr. Lifczis setzte sich mit Herrn Lorenz AI ü 1 1 e r, dem antisemitischen Bezirks- Vorsteher, in Verbindung und dieser forderte vom Polizei-Kommisariat unter eigener Verantwortung die üeffnung des Bethauses. Diese Intervention hatte Erfolg. Das Gebet winde dann beendet. Das Bethaus-Publikum bereitete dem erschienenen antisemitischen Bezirksvorsteher Müller grosse Ovationen. Sie riefen alle: ,,Hoch Müller! Nieder mit Stern!" Wäre das in einer anderen Stadt möglich? Gewiss nicht! Es dürfte aber auch keine zweite Stadt geben, wo ein so starrköpfiger, unduldsamer, hochmütiger und unpopulärer Mann an der Spitze des jüdischen Gemeindewesens steht. Ben Abi. £>ie Kulhiswahlen in Yv"ien. Wir eröffnen hiemit diese Rubrik und laden die jüdische Oeffentlichkeit zur Mitarbeiterschaft an derselben ein. Hier sollen edle Beschwerden über die Gemeinde-Verwaltung sowie die Berichte über die Wahlkampagne und Wählerversammlungen zum Abdrucke gelangen. Die Redaktion. „Ein Christ als jüdischer Kultusbeamter." Von dem einzelnen Falle ausgehend, in dem Sie zum Entsetzen aller Gemeindemitglieder die Ver - wendung eines christlichen Beamten beim israelitischen Kultusvorstande geschildert haben, möchte ich mir erlauben, darauf hinzuweisen, dass hier noch eine andere prinzipielle Präge zu erwähnen sei. Die Verfasser des Gemeindestatus haben sich die Möglichkeit offen gelassen, im jüdischen Kultusvorstande mit der Zeit bloss christliche Beamte anzustellen. Denn dieses Statut enthalt gar keine Bestimmung, dass der Beamte der jüdischen Gemeinde auch ein Jude sein müsse. . . # Im § 64 heisst es : v\ls Beamte oder Diener der Gemeinde oder der Gemeinde-Anstalten könne]) JHir österreichische Staatsbürger angestellt worden, deren Verhalten in sittlicher und staatsbürgerlicher Hinsicht vorwuifsfrri ist." Dass der Beamte oder Diener auch ein Jude sein müsse, steht im Statut nirgends. Die Konsequenz hat sich bereits ergeben: in der Anstellung eines christlichen Beamten. Dem einen können bald mehrere folgen. Niemand kann dies dem Kultusvorstande verbieten. Die Herren Kultusvorsteher exkulpieren sich bezüglich der Anstellung des Schramm damit, dass er kalligraphisch schreibe. Gibt es denn nicht genug fuden, die eine kalligraphische Handschrift haben? Mit der Zeil können bei christlichen Aspiranten andere schöne Tugenden entdeckt werden, und die jüdischen Anwärter werden sich dann um Stellen bewerben beim Bürgermeister von Wien oder beim Erzbischof. Daran mögen die Wühler denken. Sonst glauben Dr. Stern und Genossen, dass sie schon alles in der Gemeinde machen können. E i n W ä h 1 e r. * c i;; i Die Ruinen in der Seitenstettengasse. Gestatten Sie, dass ich in Ihrem gesch. Blatte auf die Kopflosigkeit hinweise, mit welcher in unserer Kultusgcmeinde oft Arbeiten verrichtet werden. vSeit langem schon wird eine neue Verbindungstreppe zwischen den zwei Ruinen, alias Gemeindehäusern, Seitenstettengasse Nr. 2 und Nr. 4 geplant. Ich weiss nicht, was die Ausführung dieser Arbeit so lange gehindert hat, aber noch weniger kann ich es mir erklären, warum diese Arbeit ausgerechnet drei Tage vor Rosh-Haschanah, also zu einer Zeit, wo der Parteienverkehr in der Kultusgemeinde am stärksten ist. musste in Angriff genommen werden, um auf diese Weise eine Verbindung zwischen den beiden Häusern zu unterbrechen? Die unglaublichsten Zustände jedoch herrschen bei der Hauptkassa, in der Abteilung also, wo jahraus, jahrein der gros ite Parteienverkehr, herrscht. Ich hatte vorige Woche bei der Kassa Geld zu erlegen. Ich betrat den P irteienraum, eine verkable Mausefalle, in welchem kaum 20 bis 25 Menschen sich frei bewegen könnten, in dem aber ungefähr 40 Personen, dicht aneinander gedrängt, warteten, bis sie an den Schalter gelangen konnten. Ich gehöre durchaus nicht zu den Schwächlingen, aber das Atmen ist mir in dieser mit Miasmen geschwängerten Luft schwer geworden und ich zog es vor, nachdem ich eine Viertelstunde gewartet hatte, den Raum unverrichteter Dinge zu verlassen, umso mehr, als ich eine grössere Summe Gelder bei mir hatte und wirklich Angst hatte, mich in ein „Gedränge" einzulassen, da ich dort hörte, dass einige Tage vorher, einer Partei im Kassenraume eine grössere Summe abhanden gekommen sei. Mich wundert es bloss, dass solche Fälle nicht häufiger vorkommen und mehr noch, dass die Kassenbeamten in diesen verpesteten Mäuselöchern überhaupt noch arbeiten können und nicht schon längst zusammengebrochen sind. Mir hat das Herz weh getan, als ich den Hauptkassier mit blassem Gesichte nach Luft rin-

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