Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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&»U «4. „Neue NationäI-£eitüng" Kr. 30. sehen Positionen für unser Volk im Lande unserer Zukunft gerichtet ist. Die jetzige Lage in der Türkei kann für uns entweder sehr günstig oder s e h r g e f ä h r 1 i c h werden. Günstig, sobald wir verstellen werden, sie auszunützen und dasjenige zu tun, was jetzt notwendig ist. Sehr gefährlich — wenn wir unserer bisherigen Gewohnheit gemäss mit verschränkten Armen dasitzen und zusehen werden, wie die Yügel fliehen . . Palästina, unser Land, der Raum unserer tausendjährigen Geschichte, wird mit einem Male einen Aufschwung nehmen, der ein für allemal sein künftiges Schicksal bestimmen wird. Werden wir nun rechtzeitig und mit der nötigen Energie mit eingreifen in den Aufblühungsprozess des Landes, -o wird seine Zukunft mit der Zukunft unseres Volkes eng verknüpft sein. Werden wir aber die jetzige Gelegenheit verpassen, so können wir schon in einigen Jahrzehnten jenen tragischen Moment erleben, gegenüber welchen die ganze Märtyrerlogie unserer tausendjährigen Geschichte sich wie ein Kinderspiel ausnehmen wird, jenen furchtbaren Moment, da unser Volk erwachen und sein Land, der Traum des tausendjährigen Golus sich ganz in fremden Händen befinden und für immer verloren sein wird . . Ussischkin glaubt Anzeichen dafür zu sehen, dass im jüdischen Volke selbst jetzt instruktiv das Gefühl dessen erwacht ist, welch' wichtigen Moment seiner Geschichte es gegenwärtig durchlebt. Er ist daher der Ansicht, dass im jüdischen Volke schon in allernächster Zeit eine grosse Summe zionistischer Energie rege werden wird, weil es selbst fühlen wird, dass jetzt die Entscheidung nahe sei: jetzt oder niemals! Ussjschkins Meinung nach müsste sich die nächste Arbeit der zionistischen Parteileitung in drei Hauptlichtungen bewegen: 1. So rasch als möglich mehr Land in Palästina zu erwerben. Vor dieser wichtigen Arbeit müssten alle anderen kleineren oder grösseren palästinischen Aktionen zurücktreten. Hie4 rauf müsste das Geld des Nationalfondes vor allen anderen verwendet werden und es wäre einfach ein Verbrechen, wenn aus dem Fonde auch nur ein Heller anderen Zwecken zugeführt wurde. Dann muss auf alle jüdischen Institutionen, angefangen bei der „reichen Tante", der „Ica" bis hinunter zur kleinsten jüdischen Organisation eingewirkt werden, dass sie ihre Kapitalien auf diesen dringenden Zweck verwenden mögen. Vor allem muss der palästinische Boden in jüdische Hände kommen, dann kann man sehen, was weiter geschehen soll. Aber mit den jüdischen Institutionen allein ist noch nichts getan, es muss eine riesenhafte Agitation im Volke selbst einsetzen, man muss sich einfach an jeden einzelnen, der nur irgendwie in der Lage ist, wenden, ihm die grosse Wichtigkeit des Momentes klarmachen und ihm dartun, dass er sich an seinem Volke versündige, wenn er jetzt nicht seine Kräfte anspannt, um an der Erlösung des Landes mitzuhelfen. Ussischkin verspricht sich von einer solchen Agitation einen Erfolg. 2. Müsste eine politisch-diplomatische Tätigkeit auf breiter Grundlage entwickelt werden, aber nicht an den ,Höfen der europäischen Mächte, odei* bei europäischen Diplomaten, bei denen wir nichts erreichen können, sondern in der Türkei, beziehungsweise in ihrer (Hauptstadt Konstantinopel selbst. Diese Arbeit wurde bisher leichtsinnigerweise vernachlässigt. In den türkischen politischen Kreisen und in der dortigen Oeffentlichkeit hat man von den zionistischen Bestrebungen entweder gar keine oder nur eine blasse Ahnung, was der Bewegung naturgemäss sehr schädlich ist. Man muss diesem Uebel jetzt sowohl durch eine entsprechende politische Tätigkeit, wie auch durch eine geeignete Presse in der Türkei abgeholfen werden. Dementsprechend ist Ussischkin auch der Meinung, dass das zionistische Aktionskomitee jetzt in Köln und überhaupt in Europa nichts mehr zu suchen habe und in die Türkei versetzt werden müsste. 3. Eine gleichfalls wichtige Aufgabe wäre jetzt die Organisierung und Zionisierung der Juden in der Türkei und im Orient überhaupt. Diese Arbeit hätte auch bisher gemacht werden müssen, aber jetzt wäre ihre Vernachlässigung geradezu eine Fatalität für den Zionismus. Die türkischen Juden, die Sephardim, sind jetzt berufen, im jüdisch-politischen Leben im ottomanischen Reiche eine gar wichtige Rolle zu spielen. Sie werden die Wortführer der türkischen Judenschaft im künftigen türkischen Parlamente und in der politischen Oeffentlichkeit sein. Sie können der zionistischen Sache nützlich werden und können sie auch schädigen. Es besteht jedoch die Gefahr, dass auch der türkischen Juden sich die Assimilation bemächtigen werde, wie es mit den europäischen Juden nach ihrer Emanzipation der Fall war. Das wäre ein doppeltes Unglück: sowohl für das nationale Judentum, wie für den Zionismus. Auch diesem Wahrscheinlichkeitsfalle müsse durch Schaffung einer bewusstnationalen hebräischen und spaniolischen Presse, sowie Kraft einer vernünftigen Agitation entgegengearbeitet werden. ©ie polizeiliche Jüpei»iHiiij| eines Bethauses. (Jüdische Ovationen för einen antisemitischen Parteiführer) W i e n, den 28. September. Die rigorose Art, mit welcher der Kultusvorstand bei der Bewilligung der Vereinsbethäuser (Min« janim) vorgeht, wurde von uns bereits in der vorletzten \Limmer geschildert. In der Seitenstettengasse hat sich ein Bureaukratismus breitgemacht, der vor den energischesten Massregeln, ja sogar vor Inanspruchnahme der Polizeigewalt nicht zurückschreckt. Daraus ergeben sich Konsequenzen recht widerlicher Art. Am Neu jahrs-Feiertage wird ein Bethaus Linier Verletzung der Empfindungen eines jeden wahrhaft religiösen Juden gesperrt, und antisemitische Führer werfen sich plötzlich zu Beschützern jüdischer Gemeinde-Mitglieder gegen den - Kultusvorstand aLif. Das sind unhaltbare Zustände. Sie beweisen, dass die leitenden Personen des Kultusvorstandes jeden Sinn für die Würde des Judentums verloren haben, dass sie daher im Interesse des jüdischen Ansehens von ihren Plätzen verschwinden müssen. Je früher desto besser, sonst wird die Wiener Judengemeinde zum Gegenstande des Spottes unserer Feinde und der Verachtung der gesamten Judenschaft werden. Hier sei der Vorfall erzählt. Der Bethaus-Verein ,,Linas-Hazedek" in der Brigittenau (XX. Bezirk) hat im August 1. J. beim Kultus vorstände um Erteilung einer Bewilligung zur Abhaltung der Feiertags-Andacht ersucht. Wiewohl die Mitglieder dieses (Vereines den ärmeren Schieb.-