Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. „Neue National-Zmtung'1 ttr.. 38. lung der Heldentaten von Soldaten jüdischer Konfession" wird Ihnen auch die Einsichtnahme in die in der Fachrechnuugsabteilung des Kriegsministeriums erliegenden Grund buchsblätter bewilligt. Für den Minister: Matt, F.-Z.-M. m. p." Morris Rosenfeld in Frag. Prag, den 21. September. (Orig.-Korr.) Mit grossen Ehren wurde unser wahre Volksdichter Morris Rosenfeld von der Judenschaft Prags empfangen. Schon der Aufruf, der aus diesem Anlass an die Gemeinde-Angehörigen erging, ist sehr bemerkenswert. Die Veranstaltung der Vortrags-Mali nee ging aus vom „Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten",, der ein „Morris Rosenfeld- Komitee" einsetzte. Der Obmann des Zentralvereines erliess nun gemeinsam mit dem Präsidenten der K u 11 u s g e m e 1 n ü e, Dr. Kosenha eher, nachstehenden Aulruf: Morris Rosenfeld, der berühmte jüdische Dichter, der Sänger der ,,Lieder ucs voikes", uessen JLncnterrut aus aer neuen Welt herübergedrungen und dessen eigenartige Poesien heute schon in Ländern verschiedenster Zungen erklingen, trifft, eben auf einer Europaivise begriffen, über Einladung des hiesigen Zent r a 1 \ e r e i n e s zur Pflege j ü d i s c h e r Angelegenheiten demnächst hier ein, um zum erstenmal e vor die Prager Oeffcntlichkcit zu treten und dieser (ielegenheit zu geben, einige seiner hervorragendsten Schöpfungen in der Originalfassung kennen zu lernen. .Mit dieser Vorlesung ist eine solenne VeranstaJumg zu Ehren und zu Gunsten des Gastes verbunden, deren Arrangement der genannte Verein, unterstützt von einem besonderen Komitee, übernommen hat und die Sonntag den 20. d. M., ii Ihr vormittags, im Prunksaale des Zentralhotels stattfindet. Mit Rücksicht auf den besonderen Zweck hat sich Friedrich Adler, unser heimischer Dichter, bereit «erklärt, die Einführung in Geist und Eigenart der Rosenfeldschen Poesie die ja auch hierzulande bereits in keinem Geringeren als jaioslav V r c h 1 i c k y einen ihrer Icbersetzer gefunden - dem Publikum zu vermitteln und auserlesene Vortragskünstler werden darin wetteifern, durch den Vortrag einiger seiner hervorragendsten, in das Deutsche meisterhaft übertragenen Dichtungen ein überzeugendes Bild von Rosenfelds Persönlichkeit und dichterischem Schaffen vorzuführen. Es erscheint nun als Phrenpflicht der Prager jüdischen Gemeindegenossen, Rosenfeld, dessen Lieder — wohl zuvörderst seinen bedrängten Brüdern geweiht -- nun für die Leidenden, wess Glaubens und Sprache immer, tönen und Wiederhali finden, durch zahlreiches Erscheinen bei dieser Veranstaltung zu ehren. Es gilt nicht nur, den jüdischen Dichter, der bereits einen langen und dornenvollen Leidensweg zurückgelegt und erst kürzlich von schwerer Krankheit auferstanden ist, sympathisch /u begi üssen, sondern auch an der Sicherstellung seiner Zukunft mitzuwirken, wozu das dem Dichter zur Ehrengahe bestimmte Reinerträgnis einen immerhin nennenswerten Beitrag zu bilden berufen ist. In diesem Sinne ergeht denn auch nicht nur au die engeren Gemeindegenossen, sondern an alle Kunstsinnigen und Menschenfreunde in Prag die Einladung. Der Präsident der Prager isr. Kultusgemeinde: Dr. Arnold Rosenbacher, Der Obmann des Zentralvereines zur Pflege jüdischer Angelegenheiten und des ,,Morris Rosenfeld'" Komitees: Philipp Falkowicz. Dieser Einladung hat auch ein zahlreiches Publikum aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung entsprochen. Die Matinee im „Hotel Zentral" war sehr gut besucht. Friedrich A d 1 e r, dem die Rolle des Exegeten zugeteilt war, entledigte sich seiner Aufgabe mit der verständnisreichen und warmen Innigkeit des mitfühlenden Dichters. Seine Einleitungsrede war Würdigung und Kritik zugleich; einer Biographie Rosenfelds folgten Angaben über seine literarische Tätigkeit, lehrreiche Bemerkungen über den J argon, eine interessante Auseinandersetzung mitidem Begriff der Heimatskunst und Dialektdichtung im allgemeinen. Fräulein v. Helling, die Herren Ünno und Witt mann, schliesslich der Dichter selbst, teilten sich in die Rezitation der Rosenfeldschen Gedichte. Aber das eigentliche und entscheidende Ereignis der Matinee war Rosenfelds Auftreten. Der Dichter mit dem .Negerkopf, dein wollig gekrausten Haar, der geschwärzten Haut und den urwüchsig leidenschaftlichen Bewegungen macht, wie kein anderer, die Eigenheiten dieser Poesie begreiflich, die, ohne monoton zu werden, im ewigen Rhythmus nie rastender Maschinen traurige Lieder singt. Das bitterste soziale Elend, die Kriech'ung durch drückendste Armut und die Unerbittlichkeit einer feindlichen Welt, der Jammer des Arbeitsm mnes, de) 11 sich die rauhen Ketten des Frohndienstes nicht lösen wollen, die unerhörte Tragik einer ganzen Rasse, die an ihrer Charakterfestigkeit und der Feindseligkeit der anderen leidet, werden in sehir/bt-m uua kunstlosen Worten ergreifend und erschütternd in die Welt hinausgerufen. Den Jargon weiss Rosenfeld, dessen Vortragskunst einem Berutsschatispieler Ehre machen wurue, so zu meistern, dass er dem deutschen Hörer fast vollkommen verständlich wird. „Der jüdische Soldat," „Die LiclUverkäufcrin," sind Balladen von ungebrochener Kraft, in denen Heroismus und Sentimentalität in jener Mischung sich vorfinden, die reine tragische Gefühle erzeugt, ohne in ein weinerliches Pathos zu verfallen. Und das Gedicht „Mein Kind," ist in seiner rührenden Einfachheit so packend, dass nicht nur geiühlsweichen Damen sich Tränen in die Augen drängten. Die „deutschen Juden", die so enthusiastisch den Dichter des westlichen Ghetto-Judentums begrüssten, haben bewiesen, dass trotz des assimilatorischen Firnisses in ihnen ein jüdischer Kern steckt, ein wahrhaft jüdischer Fu.ike, der nur angefacht werden muss. In dem schönen Empfange von Prag sehen wir ein günstiges Vorzeichen für Wien. Deutsches Reich. Juden als Offiziere. Berlin, den 21. September. (Orig.-Korr.) Ii) letzter Zeit wurde viel darüber geschrieben, dass durch einen kaiserlichen Erlass dein schändlichen l'nfug der Offiziers-Korps, einen jüdischen. Einjährigen nicht als voll anzuerkennen, ein Ende bereitet wurde. Die antisemitischen Blätter bestritten diesen Erlass. Die offiziöse Presse schwieg; niemand dementierte. Der Zweifel ist nun aufgeklärt. Es bleibt beim alten. Dies beweist folgender Fall: Ein Rechtsanwalt israelitischer Konfession in Landau, der Sohn einer angesehenen dortigen Familie, war zu den diesjährigen L'ebungen als Vize- Feldwebel beim 18. Infanterie-Regiment eingezogen und machte die Kaisermanöx er mit. Am vergangenen Dienstag, dem Tage vor seiner Entlassung, liess ihn der Oberst durch den Regiments-Adjutanten zu sich rufen und eröffnete ihm, dass, obwohl er stets ein g u t e r So 1 d a t g e w e s en und gegen seine militärische Kondtüte nichts einzuwenden sei, er ihn als R e s e r v e -' > f f i z i e r d o c h n i c h t v o rs c h 1 a g e n k ö n n e, weil er nicht den genüge nden Be weis dafür erln igt habe, dass er das gesellschaftliche Taktgefühl für einen Reserve-Offizier habe. Zur Illustration sei bemerkt: Siebzehn Vize- Feldwebel machten die Uebung als Offiziers-Aspiranten mit; einer davon, der Pfarrer wird, trat zurück, fünfzehn wurden vom Regiment als qualifiziert be-