Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. ,Neue National-Zeitung' Nr. 3S »amucl tfirszenbei'g. Im Juli v. J. (vergl. Nr. 34 des v. J.) haben wir ein Interview veröffentlicht, in welchem Samuel Hirszenberg, knapp vor seiner Abreise nach Jerusalem, jene grosseu Gesichtspunkte darlegte, von denen er sich als Professor der jüdischen Kunstschule „B e z a 1 el" leiten lassen wollte. Hirszenberg war von seiner grossen, nationalen *<' f > t Aufgabe begeistert. Ei wollte den „Bezalei" zum Brennpunkte j üdischer Kunst und Archäologie machen; er dachte an das Wiedererwachen der althebräischen Motive, an das Emporblühen eines neuen, jüdischen Stils. Von seiner künstlerischen Individualität und seinem nationalen Enthusiasmus erwarteten alle Anhänger der jüdischen Renaissance die Eröffnung neuer Bahnen zur höheren, künstlerischen Vervollkommnung unserer jungen Generation. Nun stehen wir am Grabe aller dieser Hoffnungen. Nach einer kaum einjährigen Tätigkeit in Jerusalem ist der 43jährige Künstler an einem schweren Magenleiden verschieden. Und nicht nur die Kunstschule „Beza\e\% sondern auch das ganze geistige Judentum hat einen unersetzlichen Verlust erlitten Ein nationaler Vorposten ist gefallen und wir haben Niemanden, um die gähnende Lücke ausauszufüllen. Samuel Hirszenberg wurde in Lodz als der Sohn eines Proletariers geboren. Seine ersten künst- SAMUEL HIRSZENBERG. lerischeu Studien absolvierte er in Krakau unter der Leitung Matejkos. Es wäre naheliegend, dass er sich dem Polentum, in dessen Mitte er lebte und arbeitete, angeschlossen hätte, um zu Erwerb und Namen zu gelangen. Hirszenberg hat diesen Weg nicht betreten. Er blieb Jude — bis an sein Lebensende: nicht blos dem Glauben, sondern auch derlleberzeugung, dem Empfinden nach. Sein ganzes künstlerisches Schaffen bewegte sich im Rahmen des jüdischen Lebens. So entstanden seine berühmten Gemälde „Göhls**, „Die schwarze Plagge", „Jeschibot", „Jörn Kippur" u. s. w., ausgezeichnet durch ihren tiefen phychologischen Zug und soweit sie die Massen behandelten, durch ihre überwältigende Kompositionskraft Die Arbeit für das jüdische Volkstum hat ihm wenig Lohn eingebracht. Er musste Entbehrungen leiden, kämpfen. Daraufist auch das Magenleiden zurückzuführen, dem er erlesren ist, in den besten Jahren, da er nooh so viel zu schaffen und zu lehren hatte. Der Aufbau des „Bezalei"4 bleibt unvollendet, die Entwicklung der rationalen Kunst erleilet eine schwere Stockung. Hirszenberg ist todt! Wir weinen um ihn, denn einer der besten Söhne ist in ihm unserem Volke entrissen worden: ein Apostel, der mit der Fackel seiner Kunst uns all© aus dem Labyrinth des Parteihaders zu den lichten Höhen des nationalen Ideals erheben wollte. L. Ein Pastell-Gemälde von Blanka Lipschütz. ^prechsaaK Massentaufen jüdischer Findelkinder. Sehr geehrter Herr Redakteur! I- Ii staunte immer, als ich in Ihrem Blam Tauten in Wien vorkommen. Aber umso gross Schmerz, al.-> ich im Watte \ >m M. <1. M. über tauten jüdischer Hndelkinder in Bohrek gelesei kann niih nicht enthalten, Ihnen unseren innigst* las, w u viele er war mein die Massenhabe. Ich n Dank auszubrechen, dass sich eine wahre jüdische Sech1 in einer solch antisemitischen Stadt wie Wien findet, che Zeit verliert und keine Mühe spart, um gegen diese Tauten Stellung zu nehmen, Ich hoffe, dass jetzt über ihre Intervention in der Bobreker Kinderanstalt «»ine Aeiiderung eintreten und die Taufen unschuldiger jüdischer Kinder aufhören werden. Die Schuld an diesen Taufen tragen meistenteils die Kultusgemeinden, insbesondere die jüdischen Gemeinden Wien, Krakau und Lemberg, dann die Rabbiner. Der Anstalt in Bohrek können wir die Hauptschuld nicht zuschreiben, weil dort, wie mir scheint, höchstwahrscheinlich fromme Weiber nur ihre fanatische Pflicht gegenüber ihrem ( dauben erfüllen wollen. Sobald den zitierten jüdischen Kultusgemeinden und den Rabbinern die häufigen 'Taufen der jüdischen Findelkinder bekannt wurden, war es ihre Pflicht, wenn sie treu und pfüchtmässig jüdische Interessen vertreten, die Leberführung jüdischer Kinder in eine christliche Anstalt, wo man es für zweckmässig! erachtet, jüdische Kinder christlich zu erziehen, zu verhindern. Ich glaube, dass die Kultusgemeinde in Wien im Einverständnis mit anderen Kultusgemeinden grösserer Städte im Stande wäre. Anstalten zur Erziehung jüdischer Findelkinder zu gründen, und ich glaube, dass niemand berechtigt wäre, dagegen Protest zu erheben. Wenn sich aber so eine grosse Kuhusgemeinde wie Wien 'nicht kümmert, wenn weiter im Wiener Kultusrate Vorstandsmitglieder, die selbst ihre Söhne und Tochter tauten lassen, fungieren weiden, dann können solche, traurige Vorkommnisse wie in Bohrek nicht ausgerottet werden. I hochachtungsvoll Eugen Fenster, Obmann des jüdisch-nationalen Vereines in Horodenka. Ein zionistischer „Antisemit." Redakteur! kannte man in Wiener Tagblättern Geehrter Ik Am letzten Sonntag den Bericht über einen Einenbeleidigungs-Prozess lesen, wonach ein Herr Leopold Sitzmann den Gutsbesitzer Bruno Bar b er einen , .schäbigen polnischen Juden"