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Neue Nationalzeitung · 1908-09-25 · Heft 38 (25.9.1908) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 38 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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„Neue National-Zeitung" Seite 7. Nr. 38. Dr. MAYER EBNER: Die Duden in gzepnoxvitz. (Zum 500jährigen J biläum.) Czemowitz, den 20. September. ■Czernowitz ist nicht viel über hundert Jahre alt, denn erst .nach der 1774 unter der Kaiserin ATaria Theresia erfolgten Okkupation der Bukowina hat Czernowitz angefangen, sich übe'- den Umfang eines kleinen Fleckens hinaus zur Stadt zu entwickeln. Unseren heimischen Ccschi( hisfo:-schern u:ul Lokalpatrioten blieb es vorbehalten, auf Gruna einer übrigens verschollenen Urkunde nachzuweisen, dass schon im Jahre 1408 also vor 500 Jahren - Alexander der Gute, Kürst der Moldau, zu der damals die Bukow ina gehörte, das Zollwesen ,,in Ozcrn o \v i t z" geregelt hat. In dieser Urkunde heisst es nämlich: ..l ud in Czernowitz betragt der Zoll von einem deutschen Wagen vier Groschen, von einem armenischen sechs, von einem Kind einen Groschen usw.'' Besagte Gcsclüchtsforscher und Lokalpntriotea haben es nun als einen glückverheissenden Zufall angesehen, dass diese bis orische Verzollung gerade vom Jahre 1408 ab erfolgte, und dass sonach das ..500 jährige Jubiläum der Stadt" in das sechzig - jährige Jubiläumsjahr des Kaisers, also in das Jahr des süridflutartigen Ordensregcns fällt. So feiert die erstaunte Bürgerschaft das Jubiläum ihrer Stadt, in der kein Haus älter als h u n d e r t J a h r e ist. Die über und über verschuldete Stadt verausgabt eine crklcküche Summe für den Festfirlefanz und hegt die bei unseren Verhältnissen leider begründete Besorgnis, U-s die mehrbesagten Forscher und Patrioten in Kürze eine Münze, einen Topf oder gar eine Urkunde ausgraben werde.1, die die stolze Jahreszahl 910 tragen könnte, so dass wir zum achtzigsten Geburtsfeste des Kaisers, also zw ei jähre nach dein 500 jährigen das 1000 jährige Jubiläum tat serer Stadt feiern werden. Der Bürgermeis!er erhält von den Bürgern eine goldene Kette, und der Siadt selbsi wird eine neue Fahne geweiht, für die jede Nation ein Band mit ihren Karben beigestellt hat. Auch die jüdischen Nationalfarben - blauweiss - - mit einer hebräis dien und deutschen Widmung werden in dieser Fahne, die als „Frieden sfah 11 e" gedacht ist, flattern. Die Friedensfahne im Geburtsjahre des Bukowinaer christlichen Sozialismus! Fine Iroive auf unsere politischer: und gesellschaftlichen Verhältnisse. Nie war die Bukow inaer Bevölkerung mehr verhetzt und \-erfinden . nie hat namentlich der deutsche Antisemitismus grössere Orgien gefeiert, als gerade jetzt, und charakteristisch ist. dass gerade heute das Organ der .!)eutschnationalcu, die ..Bukowinaer Nachrichten" in ihrem Jubiläumsfestartikel die ,,antochthonen Völker der .Bukowina" zum Kampf gegen das Judentum aufruft. Die autochthonen Völker? Dies Won muss auf seine Wahrheit geprüft werden, und gerade diese 500jährige Jubiläumsfeier ist der beste Anlass, endlich einmal, und zwar auf Grund des vom deutschnationalen Universitätsprofessor an der Czernowitzer Universität, Herrn Dr. Friedrich Raimund K a i n d 1, herausgegebenen Geschichtswerkes „Czernowitz seit 500 Jahren." festzustellen, dass gerade die Deutschen a m s p ä t e s teil ins Land gekommen waren, und dass die Juden zu den ältesten E i n - w o h n e r n des L a n d e s und namentlich der Stadt Czernowitz gehören. Die Deutsche n sind erst von Kaiser Josef II. ins Land gerufen worden, also vor ungefähr 125 Jahren, während nachgewiesener Massen schon im f ü n f z e h n t e n J a h rhundert Juden in Czernowitz gewohnt und Handel getrieben haben. Im Jahre 1579 wurden sie es mag damals so etwas wie eine christlich-soziale Bewegung eingesetzt haben, denn Dr. Iva in dl berichtet, dass die christlichen Händler sich gegen die jüdische Konkurrenz gew ehrt haben über Anordnung des F Arsten Peter des Lahmen aus dem Lande gewiesen. Aber zu Beginn des Will, Jahrhunderts finden wir wieder Juden in Czernowitz in ansehnlicher Zahl. Sie haben bereits ihr eigenes Bethaus. 1727 ist der Bestand der Judinigemeinde in Czernowitz urkundlich bezeugt. 1770—1774 während des russischen Krieges. also knapp vor der Okkupation durch (Österreich - wandern Juden in grösseren Scharen in Czernowitz ein, so dass die jüdische Gemeinde in Czernowitz die ,,Hauptgemeinde" und der Rabbiner ,.Landesrabbiner" hiess. Autochthon sind, wenn man schon von einer eingeborenen Bevölkerung" in der Bukowina sprechen will, nur die Rumänen. Alle anderen, die Rutheneu, Juden. Polen und g a n z z u 1 c t z t d i e Deuts c h e 11, sind in den 500 Jahren des Bestandes von Czernowitz, o in bukowinisch-historischer Zeit ins Land eingewandert. 'Czernowitz hat sich in den 133 Jahren österreichischer Verwaltung mächtig gehoben. Einst ein elendes Nest am Ufer des Pruth. ist es heute eine moderne Starb mit 80.000 Einwohnern, in der die j ü d i s c h e ( j e m e i n d e mit bald 25.000 Seelen eine bedeutende Rolle spielt. Wir sind in der Stadt, noch von der Zeit der liberalen Aera her, der mächtigste politische Faktor, bilden im Gemeinderat neben der deutschen die stärkste nationale Gruppe: mit kurzen Unterbrechungen hat Czernowitz regelmässig (inen Juden ins Parlament entsendet, von den zwei Landtagsmandaten fällt regelmässig eines den luden zu. Die jüdische Gemeinde nimmt rasch m Zahl, namentlich durch Zuwanderung aus der Piovinz und aus Russland und Rumänien zu. Sie verfügt über eine grosse Hauptsynagoge, einen Tempel, eine Sehenswürdigkeit, — ein jüdisches Spital, eine deutsch-jüdische Schule, ein mit grossem Komfort ausgestattetes Waisenhaus und in jüngster Zeit über das mit einem Aufwand von einer halben Million Kronen von der gegenwärtigen Kultusgemeindc-Repräsentanz aufgebaute ..Jüdische Haus", welches unter allen Nationalhäusern der Stadt den ersten Platz einnimmt. Dies Haas soll eine Sammelstättc für alles Jüdische sein, ein Zentrum jüdischen Lebens, ein Haus des Friedens und der Eintracht für alle Juden ohne Unterschied der politischen Gesinnung, ein jüdisches Haus. Die Juden feiern das Jubiläum der Stadt als gute Bürger, die mit warmer Liebe an der Stadt und dem Lande hängen, in dem sie seit Hunderten von Jahren wohnen und in deren Boden die Gebeine vieler jüdischer Geschlechter modern. Den Kampf, den man uns aufdrängt, wollten wir nicht; aber wir werden ihn ehrlich bestehen, denn wir haben schon Schlimmeres übenvunden.

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