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Neue Nationalzeitung · 1908-09-25 · Heft 38 (25.9.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 38 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 38. gefunden, der jüdischen Konfession, geschweige denn der jüdischen Nationalität, die gleichfalls des in Aussicht gestellten Friedens teilhaftig werden sollen, Erwähnung zu tun. Genau so unproduktiv verlief das Jahr auf allen anderen Gebieten des jüdischen öffentlichen Lebens in Oesterreich. Wohl hat der „Allgemeine öster - reichisch-israelitische Bund" im Frühjahre einen Anlauf zu neuer Tätigkeit genommen und ein, wenn auch nicht allzureiches Arbeitsprogramm entwickeil, aber es muss sich erst zeigen, ob er wirklich zu neuem Leben erwacht ist, oder nur in zehnjährigem Dauerschlafe gesprochen hat. Hingegen waren unsere Feinde in den „christlichen" Lagern nicht müssig. Die christlichsoziale Partei hat sich mit den Klerikalen alliiert und auf diese Weise den antisemitischen King um ganz Oesterreich geschlossen. Dort, wo sie etwa eine Lücke hinterlassen, springen ihnen die Deutschfreiheitlichen bei und füllen sie mit ihrem erst jüngst verschärften Antisemitismus aus. Ausblick. Es ist selbstredend, dass der Rahmen und Charakter einer gedrängten Jahresschau dem Rückblickenden gewisse Schranken auferlegen und dass es sich in dieser Revue nur um grosse, die Lage der Juden kennzeichnende Striche handeln konnte. Nicht unsere Schuld ist es, dass dieser Rückblick so traurig ausfiel. Dürfen wir deshalb verzweifeln? Durchaus nicht. Im tiefen Grunde des Herzens eines jeden Juden lebt das bedrückende Gefühl der Unfreiheit und schlummert die Sehnsucht nach innerer Befreiung. Sie unterscheiden sich voneinander nur darin, was sie als Fesseln empfinden und demnach auch, worin .-ie die Befreiung erblicken. Der eine leidet unter der Last seines Judentums und der andere unter den Hindernissen, die seinem Judentume in den Weg gelegt sind. Die nächste Zukunft muss vor allem der Austragung dieses für den Weiterbestand des Judentums lebenswichtigen Kampfes gewidmet sein. Gross ist die Zahl derjenigen, die kampfesmüde, sieh der Fesseln ihrer Zugehörigkeit zum Judentume entledigen möchten, aber ihnen gegenüber steht, von unverbrauchter Lebens- und Willenskraft erfüllt, die grosse, dichte jüdische Volksmasse, empfänglich für jeden Ruf, der sie zum Leben führen will. Dieses jüdische Volk kann kämpfen, aber es kann nicht mehr viel Täuschungen ertragen. ^assentaufen jüdischer Findelkinder, Ein Besuch in der Erziehungsanstalt Bobrek. (Schluss.) Die Fürstin Oginska und David von Gutmann. Nichts kann treffender die Zustände innerhalb der beiden religiösen Welten illustrieren, als die Gegenüberstellung dieser Persönlichkeiten. Die eine ist eine Frau aus dem weiten Norden, die in Oesterreich weder eine gesellschaftliche Stellung noch repräsentative Pflichten besitzt. Hier winkt ihr kein Erwerb; ihre soziale Position macht sie erhaben über jede dekorative Anerkennung. Aber sie fühlt sich als Polin und Katholikin. Und das genügt, um diese Frau zu veranlassen, bis 400 Kinder aller Lebensalter mit einem ungeheuren Kostenaufwandc zu erziehen und zu verpflegen: zum Wohle ihrer Nation und zum Heil ihres Glaubens. Die zweite Persönlichkeit ist ein Mann, der sich aus den kleinsten Anfängen emporgerungen hat, der also weiss, was Not ist, der in dieser Gegend Kohlenbergwerke besitzt und ausbeutet, der alle hervorragendsten jüdischen Ehrenämter in Oesterreich (Präsidentschaft der Israelit. Allianz und der Baron Hirsch'schen Stiftung) kumuliert, der — als Jude ■— die Baronie anstrebt, und der jene?Jillionen zusammenschart, unter deren Fluch das ganze Judentum zu leiden hat. Dieser Mann, dieser jüdische Millionär, lehnt es ab, den Pflegern der jüdischen Findelkinder von Chrzanow einige Tausend Kronen zum Baue einer Waisenanstalt zu — leihen. Unter seiner Aegide hat die Baron Hirsch'sche Schulstiftung aus Ersparungs-Rücksichten ihre Volksschule in Chrzanow aufgelöst und die armen Waisen bekommen jetzt nicht einmal mehr Schuhe und Kleider für den Winter, zu deren Beistellung die Baronin Clara Hirsch-Stiftung geschaffen wurde. Bobrek und Jaworzno, zwischen denen Chrzanow liegt, können als markante Symbole bezeichnet werden. Dort die christliche Fürstin, bei aller Proselyten- Macherei eine edle Wohltäterin; hier der jüdische Kohlenbaron, streberisch und hartherzig, unersättlich in seinem Ehrgeiz, unermüdlich in seinem Geldgeiz und bloss beschränkt in seinem Gesichtskreis. Was soll nun geschehen? Die Zustände von Bobrek sind eine Schand e f ü r die g c s a in t e österreichische Judenschaft. Nirgends, in der ganzen Welt, ist etwas ähnliches zu finden, oder wäre auch nur möglich, als bei uns in Oesterreich, wo che Führer der grossen Gemeinden nur an ihre politischen Ambitionen und Knopflöcher, die Rabbiner wieder an ihre Pfründen und Emolumente denken. Daher erwarte ich die Befreiung der jüdischen Findelkinder auch nicht von österreichisch-jüdischer Seite. Diese Befreiung erfordert Mühe, Energie und Geld — sie trägt aber keinen Orden und kein Mandat: Grund genug, um alle unsere ,,Führer" kalt zu lassen. Von privater jüdischer Seite ist eine genügende Hilfe schwerlich zu erwarten. An jüdischen Millionären fehlt es in Oesterreich nicht. Aber wie viele von ihnen haben in den letzten Jahren grössere Kapitalien für jüdische Zwecke gespendet? Man könnte sie an den Fingern aufzählen. Der jüdische Millionär in Oesterreich spendet am liebsten gar nicht. Er wirft bloss hie und da einen Brocken hin, bald für Arme, bald für einen Künstler, bald für die Synagoge. Zusammen ist das alles ein Spottgeld, aber es macht viel Lärm, es kommt unter die Leute, es wird gedruckt: so ward man populär. Das ist die Taktik des Albert Rothschild, Theodor Taussig, Alfred Stern, Salo Cohn.

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