Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. „Neue ISfationäl-Zeitüng" Seite 3. gert werden, welcher (die polit ische Betätigung der Juden dermalen für inopportun erklärt hat. Dafür hat die preussische Regierung gerade in diesem Jahre mit verdoppelter Rücksichtslosigkeit die Fremden" aus dem Lande weisen lassen. in Frankreich hat die Trennung von Staat und Kirche zunächst eine Trennung der religiös-jüdischen Parteien voneinander zur Folge gehabt. Die Ultra-Assimilanten haben sich in einer das Christentum nachahmenden Sonnt a g s - S y n a gog'c vereinigt. Dass diese zarte Rücksichtnahme der nochjüdischen Koryphäen die französischen Nationalisten nicht zum Schweigen zu bringen vermochte, bewies der U eberfall G r e g o r i s auf Dreyfus und die an die Verurteilung Drcyfus' erinnernde Freisprechung seines geständigen Attentäters. Der Orient steht noch unter dem frischen Eindrucke der jüngsten. -t-iLi^msse in der Türkei. Es wäre ein müssiges Beginnen, im Rahmen dieses Rückblickes darüber zu spintisieren, welche Folgen die Umwälzung in der Türkei für die zionistischen Aspirationen in Palästina haben wird. Es genügt hier festzustellen, dass die Revolution im ottomanischen Reiche auch der zionistischen Zentralleitung überraschend kam, dass aber die Juden an der Vorbereitung der neuen Aera ihrem Einflüsse entsprechenden Anteil genommen haben. Eine Befriedigung erweckt das stetige Aufblühen der jüdischen Kolonien in Palästina. Die Einwanderung in diese Kolonien nimmt täglich zu und dürfte, sobald die konstitutionelle Aera im Fände gefestigt sein wird, nach der bevorstehenden Aufhebung des Einwanderungsverbotes noch mehr anwachsen. Wenn in diese Siedlungen mehr System gebracht wird, als dies bisher der Fall war, so werden diese neuen Kolonien auch ohne den grossen zionistischen Apparat das Ziel jüdischer Auswanderer werden. In Amerika, dem ,,Zion von heute", wie es ein amerikanisches Blatt einmal nannte, hat im abgelaufenen Jahre die grosse Finanzkrise auch die normale Entwicklung der jüdischen Bevölkerung stark beeinflusst. Die Einwanderung stockte, sogar eine panikartige Rückwanderung machte sich, wenn auch bei Juden in geringerem Masse, fühlbar. Die sogenannte ,,Removal Ac äon", die Verteilung der überschüssigen Elemente in den überfüllten Ghettis nach den weniger bewohnten südlichen und westlichen Staaten, und mit ihr die Galveston-Emigration der „Ito" hat eine Schwächung erlitten. Hingegen machen sich hier antisemitische Instinkte in recht bedrohlicher "Weise bemerkbar und die jüdischen Führer von Amerik i werden nach Uebcrw indung der Krise grosse Mühe haben, den fremdenfeindlichen Bestrebungen der Antisemiten, die selbst in Polizei- und Richterkreisen einflussreiche Anhänger haben, mit Erfolg zu begegnen. In dem soeben vor sieh gehenden Präsidenten-Wahlkampfe bilden die Juden einen wichtigen Faktor. In unserer Monarchie stehen denn wohl die Dinge am schlechtesten. In Ungarn gehen unsere Stammesbrüder recht trüben Zeiten entgegen. Die Idee der Vereinigung der Katholiken auf christlichsozialer Grundlage hat in der anderen Reichshälfte bereits tiefe Wurzeln gefasst. . Es konnte dies umso leichter geschehen, als die katholische Volkspartei, die Begründerin des modernen Antisemitismus in Ungarn, selbst an der Regierung beteiligt ist. Diese Politik hat eine wesentliche Verschiebung der Parteiverhältnisse auch in den Reihen der Juden herbeigeführt. Während bei früheren Regierungen politische Tradition war, sich die Linter- Stützung der Neologen zu sichern, stützt sich die gegenwärtige Regierung, besonders aber der klerikale Minister für Kultus und Unterricht, Graf Apponyi, fast ausschliesslich auf die Orthodoxen. Das ist - abgesehen von religiösen und machtpolitischen Eifersüchteleien mit ein Grund, weshalb der geplante politische Fandeskongress der ungarischen Juden nicht zustande kommen kann. Es steht jedoch zu befürchten, dass die Verhältnisse sich bald so zuspitzen werden, dass eine Zwangslösung unausbleiblich wird. Als ein Zeichen der Zeit verzeichnen wir die erst vor Kurzem erfolgte Gründung eines ,,Jüdischen Kulturx creines'" in Ungarn, die von den einflussreichsten jüdischen Kreisen ausgegangen, die Förderung des jüdischen Bcwusstsenis und jüdischer Wissenschaft zum Zwecke hat. Ungemein betrübend liegen die Verhältnisse In Oesterreich, In gehobener Stimmung feierten wir das vorige Rosch - Haschanah - Fest. Das erste österreichische Volksparlament war gewählt. Trotz unglaublicher Wahlmissbräuche in Galizien gelang es, vier sich offen zum Xationaljudentum bekennende Abgeordnete ins Parlament zu bringen und der erste jüdische Parlamentsklub, jahrelang der sehnlichste Traum der Besten unseres Volkes, ist zur Wahrheit geworden. Welche Hoffnungen wurden in diesen jüdischen Klub gesetzt! Was alles hat er versprochen, als er ins Parlament einzog! Und heute schon nach einem knappen Jahre müssen wir konstatieren, dass wir um eine jüdische Einrichtung, aber auch um eine bittere Enttäuschung reicher geworden sind. Die Tätigkeit des „Jüdischen Klubs" hat die nationale Entwicklung der jüdischen Massen in keiner Weise zu beeinflussen vermocht. Die westösterreichischen Juden sind durch das Verhalten der jüdisch-nationalen .Abgeordneten nicht nationaler geworden und die national gesinnten jüdischen Massen in Galizien sehen verbittert, dass sie sich nutzlos geopfert, oft ihre Existenzen gefährdet haben, um eine neue Aera in Galizien herbeiführen zu helfen. Es soll nicht geleugnet werden, dass w ir manche schöne Rede zu hören bekamen, aber schliesslich Hessen sich auch die Reden des Dr. Ei eher mann und Dr. F ö w e n s t e i n recht hübsc h lesen; den Mitgliedern des jüdischen Klub fehlte der richtige politische Instinkt, zur rechten Zeit das rechte Wort zu sprechen, sie Hessen das politische Empfinden vermissen, das dort mit Energie eingreift, wo Reserve und Klügeleien taktische Vorgehen sind. Wir haben für die Wahrheit dieser Behauptung im Laufe des Jahres Beispiele genug angeführt. Eine direkte Folge des Misserfolges des „Jüdischen Klubs" war die Taktik der übrigen Parteien. Lie Polen verhandeln über den Kopf der Jüdisch- Nationalen hinweg mit den Ruthenen und die Landeschefs haben in ihren jüngsten Programmreden im galizischen Landtage es nicht einmal der Mühe wert