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Neue Nationalzeitung · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Seite 11. Im Einklang mit dieser zweifelnden Bewunderung, die er den Religionswechselgeschäftsleuten entgegenbrachte, steht die pikante Aeusserung gegenüber Alexander Weill: „Die Juden zu Jesus schwören! Sie werden einen falschen Eid leisten; denn niemals wird ein Jude an die Göttlichkeit eines Juden glauben, nicht einmal Neancler und Stahl, wie sehr sie sich auch sträuben." Heine gehörte kein jswegs zu jenen Leisetretern, die nicht an ihre jüdische Abstammung erinnert werden möchten und deshalb aufs peinlichste alles vermeiden, was mit jüdischen Dingen in Zusammenhang gebracht werden könnte. Diese Charakterfreiheit zeigte sich am erfreulichsten bei seiner herzhaften Stellungnahme zu der Damaszener Blutafiäre vom Jahre 1840. Auf Anstiften des französischen Konsuls in Damaskus, des Grafen Ratti-Menton, wurde eine Anzahl Juden unter dem heute noch nicht abgenutzten Vorwande, zur Herstellung ihrer 1 assabrote das christliche Blut eines alten Kapuziners verwendet zu haben, auf die Folterbank geschleppt und zu Tode gequält. Dieser Ratti-AIenton handelte aber nur im Auftrage der französischen Klerikalen und ihres frommen Führers Montalembert, der das jesuitische Hetzblatt „1'Univers" leitete und sich keine kleine Ehre daraus machte, jene heilige Prinzessin Elisabeth aus Ungarland zur Cousine zu haben, die aus lauter Frömmigkeit ihren eigenen Cr in getrunken haben soll. Als nun die französische Regierung aus Furcht vor der klerikalen Parlamentsmehrheit und dem frumben Grafen Montalembert nicht rasch und energisch genug gegen die syrischen Missetäter einschritt, da griff Heine zur Feder; und er eröffnete gegen den verantwortlichen Minister und die Deputiertenkammer eine so heftige Kampagne, class sie selbst im Lande der absoluten Pressfreihcit grösstes Aufsehen erregte: erst seine messerscharfen, mit ätzender Ironie durchtränkten Artikel bewogen den jüdischen Deputierten Benoit Fould, den lauen Thiers zu interpellieren. Am meisten aber empörte es kleine, dass die Juden selber bei diesem gleichsam nationalen Unglück eine so stumpfe Gleichgültigkeit an den Tag legten. Im Vorbeigehen versäumt er es auch nicht, seinen Zorn die getauften Juden ebenfalls spüren zu lassen (an sein eigenes Getauftsein denkt er gar nicht mehr), die aus feiger Hypokrisie noch ungünstiger über die Juden urteilten als deren geborene Feinde; und schliesst dann seine Philippika mit den blitzend sarkastischen .Worten: „Nein, die Nachkömmlinge Israels, des auserwählten Priestervolkes, sie essen kein Schweinefleisch, auch keine alten Kapuziner, sie trinken kein Blut, ebensowenig wie sie ihren eigenen .Urin trinken, gleich der heiligen Elisabeth, Ur - muhme des Grafen Montalembert." Tiefes Mitleid mit dem Schicksal seiner unglücklichen Stammesgenossen hat der Dichter auch sonst geäussert. Alfred Meissner hat uns in seinen Erinnerungen an Heine ein Gespräch aufbewahrt, wo es heisst : „O, wenn Märtyrertum adelt und Geduld und Treue, so ist dieses Volk adelig vor Gelen anderen. Lesen wir doch die Geschichte des Mittelalters, dieser klassischen Zeit des verbündeten Pfaffen- und Rittertums; es gibt kein Jahr darin, das für die Juden nicht bezeichnet wäre durch Foltern, Scheiterhaufen, Enthauptungen, Brandschatzungen und massacres. Und zwar leiden die Juden unter Anhängern Christi immer mehr als unter den rohesten und wildesten Völkern, Polen und Ungarn, Beduinen und Mongolen. O, es ist ein schönes Ding um die Religion der Liebe." Wenn man die bisher mitgeteilten Tatsachen und Erklärungen überblickt, so muss der Widerspruch in die Augen fallen, der in Heines Verhältnis zum Judentume liegt. Er hängt so wenig an der jüdischen Religion, dass er in dem Moment, wo sie ihm lästig wird, sie abwirft und zu einer anderen religiösen Gemeinschaft übergeht. Dennoch bleibt er so sehr Jude, dass er, ohne sich selbst zu schonen, die Apostaten aufs rücksichtsloseste verhöhnt, für die Rechte seiner Stanmiesgenossen mit der ganzen Wucht seines weithin wirkenden Wortes eintritt und altjüdischer Geschichte und Literatur seine Neigung schenkt. Der Widerspruch blieb dem Dichter selber nicht verborgen, und einem Freunde gegenüber hat er sich über seine Unklarheit in seiner Stellung als Jude auch ausgesprochen. Meissner überliefert folgende Worte Heines: „Ich konnte mich den Juden nicht ausschliesslich opfern, wie z. B. Gabriel Riesser und andere: ich gehe in keiner Partei auf. Es wäre, abgeschmackt, wenn ich, wie man mir nachsagte, mich schämte, ein Jude zu sein, aber es wäre ebenso, lächerlich, wenn ich behauptete, ich wäre einer." Er befand sich offenbar in einem Zwiespalt, indem er an die mosaische Religion nicht glaubte, folglich kein Jude war, trotzdem aber ein Jude war und es sein wollte. Dieser Widerspruch in seinem Wesen als Jude ist echt modern und erhebt ihn zum Typus des modernen Juden. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen? In Heines Entwicklungsgang hat wie in einem Mikrokosmos die ganze historisch-politische Entwicklung der deutscheu Judenlieit w ährend des XIX. Ja/jar> hunderts sich mit einer Treue abgezeichnet, die dem Kundigen ein fast ästhetisches Wohlgefallen bereitet. Das Ideal des vom Glauben der Väter abgefallenen Juden, der zum Taufbecken schreitet, ist vollständige Anpassung und restloses Aufgehen in der grossen Masse der christlichen Volksgenossen. Nur dieses gesellschaftspolitische Ziel kann den Täufling dazu veranlassen, das unangenehme Odium eines formellen Religionswechsels auf sich zu nehmen. Dass ein derartiges endgültiges Untertauchen auch praktisch durchführbar sei, das bildete die selbstverständliche, stille Voraussetzung zu dem gewagten Schritte. War diese Voraussetzung richtig, dann w ar ein allmähliches, langsames Einsickern und Verdampfen des jüdischen Elements in einem grossen Organismus denkbar. Aber diese Voraussetzung hat sich als falsch herausgestellt: die Juden können genau so wenig verschwinden, als die Christen sie verschwinden lassen wollen (oder auch umgekehrt). An dieser einen Tatsache zerschellten alle an die Judenemanzipation geknüpften Hoffnungen und Befürchtungen der Philo- und Antisemiten. An dem Schicksal der kulturell vorgeschrittensten Juden bewahrheitete sich diese Erfahrung auf der Stelle, am überwältigendsten bei dem hervorragendsten Kopfe, eben bei Heine. \ ollständiges Aufgehen ist schlechterdings nicht möglich. Daran können auch einige, die Regel bekräftigende Ausnahmefälle nichts ändern, wo unter furchtbaren intellektuellen Opfern das Ziel der Sehnsucht erreicht wurde. Vestigia terrent. Es ist nämlich nicht jedes, noch so schlecht beschnittenen Juden Sache, für die Füchse des Vereins Deut-

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