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Neue Nationalzeitung · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 37. Max westhauser: fteine als Ijucte. Er gab mit reicher Hand doch ivich're Spende Entrollte manchmal seinem Auj*': die Träne : Die kostbar schöne Trane, die er weinte < *b der unheilbar grossen Brüderkrankheit. II eine. Es ist eine Schmach und zugleich trostlos bezeichnend für die rückständige geistige Bildung des deutschen Bürgertums, wie das Andenken des Dichters Heinrich Heine in deutschen Landen besudelt werden darf. Kein anderes zivilisiertes Volk würde es sich gefallen hissen, dass seine politischen und literarischen Wortführer einen solchen Mehrer seines Ruhmes und seiner Grösse fortwährend in den Staub der Gossen ziehen. Dieser Mangel an gutem Geschmack wird jedoch reichlich aufgewogen durch ein l'ebermass antisemitischer Instinkte. Sie allein machen, je nach der Stärke ihrer Ausbildung, die im deutschen Vaterlar.de so weit verbreitete feindliche Stimmung gegen diesen Dichter erklärlich: das laute Verdammen, die schweigende Abneigung, den fast perversen Hass. Das Unglück will, dass gerade der Mann um seines Judentums willen am allermeisten beschimpft wird, der von der altjüdischen Religion einmal wehmütig ironisch bemerkte, man habe nichts als Schimpf und Schande davon. „Ich sage Ihnen, es ist gar keine Religion, sondern ein Unglück." Er hat mit diesen Worten sein eigenes Schicksal geweissagt. Dieses sein Unglück verfolgt über das Grab hinaus ihn fort und fort bis in die Schatten eines weltentlegenen Eilandes — und verjagt ihn auch von dort. Als junger Mensch, in seiner Sünden Maienblüte, unternahm Heine den allerdings gründlich fehlgeschlagenen Versuch, dem Unglück zu entrinnen. Zu diesem Zwecke kaufte er sich ein sogenanntes Entreebillet zur europäischen Kultur, einen Taufschein. Mit Recht hat er später bedauert, da für Geld ausgegeben zu haben. Denn seine neuen Glaubensgenossen sahen trotz der Taufe nach wie vor in ihm den Judenstämmling, dem das evangelische Glaubensbekenntnis nur Lippenleistung gewesen war. Kein Mensch erblickt heute mehr in Heine einen Lutheraner; mit Ausnahme freilich seiner Nichte Marie Embden-Heine, der Prinzessin della Rocca, die in ihren Erinnerungen apodiktisch erklärt: „Wieviel in Deutschland auch darüber geschrieben worden ist, welcher Religion Heine angehörte, kann ich zur Beruhigung(!) aller versichern, dass er Protestant war." Kurz nach dieser Ehrenrettung ihres Onkels aber erklärt sie fast ebenso apodiktisch: „Er war eigentlich Pantheist und glaubte an gar keine Religion." In Heines Jugendjahre fällt der Beginn der Kämpfe zwischen den jüdischen Neologen und der Orthodoxie. Er hat sich aufs lebhafteste dafür interessiert. Schiffs Aufschneidereien in seinem Büchlein über Heine und den Neuisraelitismus sind als solche zu bewerten. Unser Dichter, wohl vertraut mit jüdischem Ritus und Zeremonialgesetz und auch # des Hebräischen nicht unkundig, hat in Briefen an seine Freunde öfters über die damalige Tagesfrage, die S y n a g o g e n r e f o r m, gesprochen. Den Konflikt innerhalb der deutschen Judenheit charakterisiert er in einem Schreiben an Wohlwill, einen Lehrer an der Schule des Hamburger Reformvcreins? gai nicht uneben: ,,Wh" haben nicht mehr die Kraft zu fasten, einen Bart zu lragen, ZU hassen und aus Hass zu dulden. Das ist das Motiv zu unserer Reformation. . . . Die einen wollen dem Judentum neue Dekorationen und Kulissen geben, und der Souffleur soll ein weisses Bäffchen statt eines Barles tragen. Andere wollen ein evangelisches Christentum unter jüdischer Firma." Seinen Wunsch, in der Frage sich einen unparteiischen, höheren Standpunkt anzueignen, erkennt man daraus, dass er als Student zu Berlin sich dem im Jahre i<Sig \ >n Eduard Gans, Moser und Leopold Xunz gegründeten Verein für K u 1t u r u n d W i s s e n s c h a f t d es Jude n tuins a nsc bloss und eifriges Mitglied wurde. Dieser Kulturverein hatte die löbliche Absicht, Schulen, Scminarien und Akademien tür jüdische Zwecke zu stiften, Gewerbe, Künste, Ackerbau und Wissenschaft unter den Juden zu fördern. Ein Aufsatz, den er für die Zeitschrift seines Veieines entwarf und der den tragischen Judenschmerz ausdrücken sollte, gab den ersten Anlass zu seinem bekannten unvollendeten Roman, dem Rabbi von Bacharach. Es verlohnt sich zu hören, was er darüber seinem Busenfreunde Moser am 24. Juni 1824 berichtet: „Ich treibe viel Chronikenstudium und besonders viel historica judaica, letztere wegen Berührung mit dem Rabbi und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Aanalen durchblättre, eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr. . . . Er wird aber sehr gross, w>'il ein dicker Band, und mit unsäglicher Liebe trage ich das Werk in der Brust." Indes scheiterten, wie vorauszusehen, die Bestrebungen des Kulturvercines zunächst finanziell an der Teilnahmslosigkeit des Publikums, an das er sich naturgemäss wandte, an der traurigen Indifferenz des banalsten aller banalen Philister, des jüdischen. Eine üble Rolle spielte dabei der Gründer und tatkraftige Agitator des Vereins, Gans, der das sinkende Schitfkm schleunigst verliess und spornstreichs zum C h r i s t e n t u m ü b e r t r a i, als er eine Professorensteile an der Berliner Universität erhaschen konnte. Bekannt sind die bitteren Verse, die Heine dem später zum königlich preassischen Hofjuristen avancierten Studiengenossen widmete;;,I)n hast nun Aemter, Titel, Würden, Orden. Hast Wappenschild mit panaschiertcni Helm. Du bist vielleicht auch Exzellenz geworden — Für mich jedoch bist du ein armer Schelm." Weniger bekannt ist sein im Lapidarstil gehal- U.ier Ausspruch, als er von der christlichen Proselytenmacherei seines ehemaligen Vereinsbruders hörte : „Tut er es aus l'eberzeugung, so ist er ein Narr; tut er es aus Gleissnerei, so ist er ein Lump."

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