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Neue Nationalzeitung · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Nr. 37. rückweichen vor den Drohungen der allpolnischen Presse und der Leiborgane des Dr. Löwenstein. Das Lavieren des Zc ntralkomitees beruht auf dem ungeklärten Zusammenhänge zwischen Zionismus und Landespolitik einerseits, und auf dem Mangel eines politische:! Programmes andererseits. Entweder sage mau ^ich, die zionistische Partei ist eine reine Palästiiriparici und lässt die Landespolitik, oder aber man betreibe Landespolitik; dann betreibe man aufrichtige und ehrliche Politik. Wenn jüdisch-nationale Politik heissen soll, sie dort und damals betreiben, wenn man ein Mandat erzielen kann, dann heisst eine solche Politik nichts weniger als ,.Mandathascherei". Eine freiheitliche nationale Partei muss ihre freiheitliche Gesinnung auch dort bekunden, wo ihr nationales Moment ausser Betracht kommt. Beim Kampf zwischen Reaktionären und Ereiheitlichen ist es Pflicht der Jüdisch-Nationalen, auf Seiten letzterer zu stehen. In dem Sinne hat sowohl die Aufklärung un'er dem Volke, als auch die Parteipresse zu wirken. Xun vermissen wir in Galizien beides. Das ,.Tagblau" will wohl als ein unparteiisches Zentralorgan gelten, isi aber doch nichts anderes als ein Leiborgan einiger Herren, die jede radikale moderne Regung des Blattes verhindern, nicht aber ihre eigene Verherrlichung. Die jüdischnationalen Abgeordneten, an deren ehrliche Gesinnung nicht zu zweifeln ist, mögen auf die Lemberger Parteileitung dahinwirken, aufrichtige und ehrliche Politik zu treiben. Die Furcht vor ..Drohungen", das Zusammenknicken vor den Polen, kurz diese streberische Opportunitätspolitik, wird; ur eine Versumpfung der ganzen jüdisch-nationalen Politik bewirken und ein Hinüberlenken ins sozialdemokratische Lager. Dies die I/eberzeugung eines gutgesinnten Jüdisch-Nationalen, So, wie ich, denken tausende anderer. Ben A w i g d o r. g>prechsaal Ein getaufter Jude als antisemitischer Kandidat Geehrte R e d a k t i o n! In einer christlich-sozialen Versammlung des 15. Bezirkes in Wien wurde der Verteidiger in Strafsachen Dr. Julius Scheidt als Kandidat aufgestellt. Dr. Scheidt ist ein Sohn des prakt. Arztes Scheidt aus Dorna (Bukowina). Nachdem er die Hochschule in Czernowitz absolvierte, nahm er die Taufe an, um bei Gericht unterzukommen. Hier avancierte er zum Gerichtsadjunkten. Später trat er gewisser Differenzen halb?r aus dem Staatsdienste aus und wurde Konzipist in Wien. Jetzt ist Jidel Scheidt aus Dorna christilchsozialer Laridtagskandidat und Retter des christlichen Volkes in Wien. O tempora! R a d a u t z, 12. September. Ein ehemaliger Schulkollege. * * * Der Kantor nnd die Reisenotizen. Sehr geehrter Herr Redakteur! Von einer längeren Cilaubsreise dieser Tage heimgekehrt, las ich erst jetzt den Artikel ..Reisenotizen" in Nr. 33 Ihres geschätzten Blattes, in welchem sich der anonyme Autor mit dem Kantor einer jüdischen Gemeinde in einer südslavischen Stadt abgibt. Da diese iStadt Agram heisst und dieser Kantor meine Wenigkeit ist, beehre ich mich, um die gütige Atifnahme -der folgenden Berichtigung höflichst zu bitten: Der Sachverhalt ist folgender: ' Um die Wichtigkeit des stimmbegabten Scholiach Zibbur zu \ beleuchten, über dessen Bedeutung im jüdischen Gottesdienste die hohe königl. Landesregierung in Kroatien-Slavonien absolut 'nicht informiert ist. weshalb diese den Kultusgemeinden dieser Länder ein Muster-Statut übermittelte, in welchem der jüdische Kantor als minderwertiger, nebensächlicher Benannter erscheint, verlas und übersetzte ich in der erwähnten Versammlung den Abschnitt 579 .des alten Schulchan aruch, Orach Chijjim. Dieser Abschnitt enthält die folgenden Stellen: „es fungiere (als Redner bei den Fastengottesdiensten um Regenj ein alter Weiser stehend, während die Anderen sitzen; ist ein solcher nicht anwesend, so sei es ein (nicht alter) Weiser; ist auch ein solcher nicht dort, dann sei es ein Mann von imposanter Erscheinung. Dieser rede zu ihnen Worte, die das Herz erobern und erschüttern . . . Nachdem derselbe seine Rede beendet, stehe man auf, um zu beten. Es trete ein Scholiach Zibbur hin. der würdig ist, bei solchen Fastengottesdiensten vorzubeten. Wenn derjenige, der die zu Herzen gehende Rede gehalten, würdig ist, vorzubeten, so bete er vor, wenn aber nicht, dann trete ein Anderer hin. Wer ist aber würdig, bei solchen Fastengottesdiensten vozubeten? Ein Mann, der die Gebetordnung beherrscht ('ein Praktikus) . . . ., der dem Publikum genehm ist, einen sympathischen Vortrag und eine wohlklingende Stimme hat . . ." Aus diesen von mir ohne jede Glosse vorgetragenen Stollen folgerte der anwesende Berichterstatter, dass das Judentum Gottesdienste hat, bei denen vorzubeten unser Religionsgesetzbuch selbst den Prediger als ,.nicht würdig" bezeichnet, wenn er nicht mit einer wohlklingenden Stimme usw. begabt ist. Diese Schlussfolgerung des Herrn Berichterstatters ist ganz logisch und involviert, meines Erachtens, auch nach unserem Sprachgebrauche nicht die geringste Beleidigung. Mit vorzüglicher Hochachtung Oberkantor Josef R e n d i. * * * Jüdisch* Fabrikanten. R e i c h e n b e r g, den 5. September loo.S. Löbliche Redaktion! Gestatten Sie mir, Ihnen folgende sehr bezeichnende Geschichte zu erzählen: Im selben Hause mit mir wohnt seit 2 Jahren ein russischjüdischer Student, sehr brav und anständig. Im Juli 1. J. hat er beide Jahrgänge der hiesigen Webschule absolviert und sucht nun seit sechs Wochen eine bescheidene Stelle in einer Fabrik oder einer Kanzlei (er ist auch Buchhalter). Ich halle in loko und auch auf meiner Strecke [viele persönlich gut bekannte Fabrikanten und hielt nichts für einfacher, als ihm eine Stelle zu verschaffen. Da kannte ich aber die Herrin schlecht! Alle verlangten Einsendung eines Offertes mit Zeugnisabschriften; unzählichc Gesuche wurden gemacht, Briefporto ausgegeben, zurück kam: ..Wir bedauern . . ." Einer lehnte ab. weil er ein Ausländer ist. jedenfalls steht diesem jüdischen Fabrikanton ein deutschnationaler Antisemit näher \md besser zu Gesicht als der Sohn eines gefolterten russischen Juden! Nimmt man eine Zeitung" zur Hand, so liest man: ,,Gesucht wird Buchhalter (Christ) . . ." — wie viele Christen stehen aber in jüdischem Solde!5 Dabei bleibt der Chef doch der — dreckige Jude! Trotz aller Wohltaten! Dein jüdischen Studenten aber bietet man nicht einmal die Möglichkeit, sich sein Brot zu verdienen! Dieser l äge war ich beim Direktor einer grossen, ganz in jüdischen Händen befindlichen Aktiengesellschaft. Der antwortet auf meine Fürbitte: ,,Ich halte es für ganz ausgeschlossen, dass die anderen christlichen Webmeister einen Juden neben sich dulden würden." Also nicht einmal erlauben die Herren Arier, dass ein Jude einen Juden anstellt?! Ich war perplex! Der junge Mann (27 Jahre alt) kann natürlich nicht von seinen Renten leben, wenn sich nicht bald Arbeit findet, muss er nach Russland zurück. Welch Vergnügen für einen Juden zum Väterchen Czar und seinen Beamten, den „echt russischen" zurückzukehren! So schaut die Solidarität der heutigen Juden aus. Der Betreffende würde die kleinste Bezahlung annehmen, wenn er nur existieren könnte, er würde einen Anfangsposten im Technischen, einen Posten beim Buche mit Dank annehmen, er bekommt aber einen solchen nicht, obwohl die Branche nahezu vollständig in jüdischen Händen ist. Für tadelloses Verhalten garantiere ich. Vielleicht wissen Sic oder ein Verein einen Rat? Bitte sehr. X. X.*) *) Der Name des Einsenders ist der Redaktion bekannt.

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