Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425759--1019-2427346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37. „Neue National-Zeitung" Seite 7 an dessen Spitze gerade der Reichsratskandidat Roszkowski steht. Es hat dabei auch antisemitische Anzapfungen seitens eines Cemeinderates gegeben, auf die sämtliche jüdische Gemeinderäte — nicht geantwortet haben. Herr Stand als Geisel des Polenklubs. Ks gibt nun Leute, welche meinen, dass die Politik unserer zionistischen Parteileitung deswegen so blutarm und kraftlos ist, weil Herr Abgeordneter Adolf Stand eine Geisel des Polenklubs abgibt. Der Polcnklub verkündet seit Monaten die Absicht, das Mandat des Herrn Stand von Brody zu anullieren. Herr va;i Czajkowski, der Referent des Protestes, läuft zu allen Abgeordneten herum, um etwas über Stand auszuschnüffeln. Nach Brxly wurde bereits eine Lntersuchimgs-Kommission abgesandt. Das sind bekannte Tatsachen. Damit bezweckt der Polenklub nichts anderes, als den jüdischen Klub und Herrn Stand einzuschüchtern. Haben doch die Polen genug vor der eigenen Türe zu kehren! Und sie werden es sieh wohl überlegen, bis sie überhaupt die Annullierung einer Wahl beantragen, die zumindest reiner ist, als zwei Drittel ihrer Mandate. Leider aber ist jhre Absicht gelungen. Herr Stand, der von icher polnische Allüren hat, wagt es absolut nicht, die Polen schärfer zu packen. Während seiner parlamentarischen Tätigkeit hat er wohl einige sehr ..staatsmännische'' Reden gehalten, die mehr der jüdischen Kultur als der jüdischen Politik gewidmet waren, sonst hat er nichts geleistet. Herr Stand hat enttäuscht; er hat jedenfalls das nicht gehalten, was man sich von ihm versprochen hat. Parlamentarische Errungenschaften. Die polnische Volkspartci hat als Preis für ihren Eintritt in den Polenklub die Konzcssion zur Errichtung der Yersicherungs-Gesellschaft ,,Wista" erhalten; die Ruthenen, darauf bedacht, ihrem Volke wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, gehen mit Zustimmung der Regierung soeben daran, eine eigene Boden-Hypothekenbank mit einem Aktienkapital von einer Million Kronen zu errichten. W as hat der Jüdische Klub seinen jüdischen Wählern im Parlamente verschafft? . . . Der neue Landtag. In den nächsten Tagen wird der neue Landtag eröffnet. Sechs jüdische Abgeordnete zählt er in seiner Mitte: lauter waschechte Polen und Mitglieder der polnischen Gruppen. Selbst Dr. Ignaz Landau (Krakau) hat sich dem polnisch-demokratischen Landtagsklub angeschlossen, während sein Chef, Dr. Gross, im Parlament die polnisch-nationale Solidarität der Juden mit dem Polenklub nichi anerkennt und daher ein ..Wilder" bleibt. Aber merkwürdigerweise kann ein solcher Mischmasch, dessen Chefs gar nicht recht wissen, was sie wollen, in Gaüzien Tj'iumphc feiern, weil er es allen recht macht, den P'oTN^ und Juden, und eigentlich für Niemanden etwas leistet. Das israelitisch-theologische Institut. Dieser grossangelegte Apparat zur Polonisierung der kommenden Generationen will gar nicht recht in Gang kommen. Die Polen möchten es sich sehr bequem machen und keinen Heller dazu hergeben. Es wird überall geschnorrt und für den Beitrag einer Krone kann" A<:h der Spender als Begründer des Rabbiner^Seminars schon gedruckt sehen. Trotzdem sind die ^Spenden noch allzu spärlich eingeflossen und die ,in Aussicht genommenen Quellen versagen. Die Baron Hirsch'sche Stiftung in Wien gibt nichts her, die Regierung glaubt, mit den 10.000 K für die Wiener Lehranstalt ihren Opfermut erschöpft zu haben. Die Wunderrabbis schimpfen trotz a\\er Freundschaft mit dem Statthalter, viele Gemeinden haben auf das Zirkular überhaupt nicht geantwortet. Alles in allem sind eingegangen zur Errichtung und Erhaltung des Institutes 21.322 K, an dauernden Jahresbeiträgen 8000 K. Zum Leben zu wenig . . . Die polnisch-assimilatorischen Schlagworte ziehen in Galizien nicht mehr. * Die gFgänzungs&ahl in feemberg *) Lemberg, 10. September. Bei der am 7. d. M. vorgenommenen Wahl entfielen von 1757 abgegebenen Stimmen auf Doktor Roszkowski (polnischer Demokrat) ,ioii, auf den ukrainischen Sozialdemokraten Hankiewicz 734 Stimmen; mithin erscheint Roszkowski als gewählt. In diesem Wahlkreise entfällt auf die Juden etwa über 30 Pcrzent. Die Juden waren es auch, die Roszkowski zur Wahl verhallen; freute sich doch das reaktionäre ,,Slowo Polskie" mit den Juden, weil sie nicht auf Hankiewicz stimmten. Ich will mich nicht mi: den Juden dieses Wahlkreises befassen, sondern mit der Taktik der jüdisch-nationalen Zentrale der galizischen Landespolitik. Am 2. September 1. J. veröffentlichte endlich das Lemberger .,Tagblatt" den Bcschluss des Zentralkomitees, sich der Wahl am 7. zu enthalten. Heisst das jüdisch-nationale, demokratische Politik? Was nützt das Betonen der jüdisch-nationalen Abgeordneten im Parlamente: ,Wir sind eine fortschrittliche, freisinnige Partei" usw , wenn in der galizischen Parteileitung reaktionäre Männer sitzen, welche deren Behauptungen diametral entgegenarbeiten; Männer, die wohl gute Zionisten sein mögen, aber schlechte Politiker sind. Ist der jüdisch-nationalen Sache damit gedien;, wenn ein System der Angst eingeführt wird, einer Furcht, die ..Prizim" zu reizen? Gewiss nicht! War es ein grober Verstoss gegen die politische Taktik, bei der Ergänzungswahl;im Mielecer\Wahlkreise, eine jüdisch-nationale Kandidatur nicht zu nominieren, so ist der Fehler umso grösser, bei der Wahl zwischen einem Reaktionären und Freiheitlichen, Wahlenthaltung zu ,,empfehlen". Das Unterlassen einer jüdischnationalen Kandidatur im Miclecer Kreise, war nichts anderes, als ein Kiasko der jüdisch-nationalen Politik. Hatte ja im Jahre 1907 der Jüdisch-Nationale S c h m e 1 k e s eine höchst ansehnliche Stimmen - anzahl auf sich vereinigt. Es war jetzt nichts Aergeres zu befürchten, als ein Durchfall; damit wäre noch mehr der jüdisch-nationaküi Sache gedient, als wenn einem Assimilanten der Boden freigelassen wird. Die Wahl des Ukramen Hankiewicz hätte dem Lande Galizien mehr genützt, als die eines Roszkowski, und die Beteiligung der Jüdisch-Nationalen für Hankiewicz wäre deren Politik vorteilhafter, als ein Zu- *) Dieser Bericht ist uns von mehreren jüngeren Gesinnungsgenossen zugekommen und drucken wir ihn ab, als ein Zeichen, wie in diesen Kreisen die jöd.«nat. Taktik Unwillen und Widerspruch hervorruft. Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.