Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425759--1018-2427345
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. gegen die heutigen Macher in der Kultusstube Stellung nehmen wollen, müssen sich ehebaldigst zu einem grossen Wahlkomitee zusammenfinden. Aufgabe desselben soll es sein, die Wähler in allen Bezirken aufzuklären und zu organisieren. Es gilt aber alles zu vermeiden, was trennend wirkt. Nur so wird ein Erfolg möglich >\e\de'A. Unser Wahlruf muss lauten : Hinaus mit den Assimilanten und den Kirchenvätern!; Hinein mit tüchtigen Männern aus dem Volke, welche die Verhältnisse der Wiener Juden genau kennen und bereit sind, ihre ganze Kraft für deren Wohl einzusetzen! Hermann Plaschkes. Ist Jg eo^olstoi ein Dudenfatund?*) Tolstoi und die Juden! Es ist schwer, von diesem Kapitel in Tolstois Leben und Schaffen ruhig und ohne Schmerz zu sprechen. Tolstoi ist kein Judenfeind! Gewiss! Tolstoi kann uns keinen Hass entgegenbringen, er darf es gar nicht. Seine ganze Theorie beruht ja auf der Liebe zu allem, vom Menschen bis zum letzten Wesen. Tolstoi muss selbst den Verbrecher, selbst seine Feinde lieben. Er darf niemanden verurteilen. So befiehlt ihm sein christlicher Grundsatz. Gerade mit der Kraft dieser Liebe will er ja alles Schlechte beseitigen und die menschliche Gesellschaft erlösen. Tolstoi mit seiner konsequenten unerschrockenen Logik, die vor grössten Staats-Autoritäten nicht erzittert, durfte für die Juden keine Ausnahme machen: Alle, (nur nicht die Juden! Dies wäre gegen seine Lebensaufgabe. Dennoch ist Tolstoi kein treuer Judenfreund. Das ist ja längst ein offenes Geheimnis. Auf unserer Seite steht;er nur mit seiner Vernunft, aber nicht mit seinem Herzen. Allein ich trage Tolstoi deswegen nichts nach, weil er sich bisher der Juden so wenig angenommen hat! Es widert uns ja schon an vor unseren „Beschützern" und „Wohltätern", mit ihren süssen Reden, die uns wie ein Alp erdrücken. Ich habe gegen Tolstoi andere Beschwerden. Wir wollen kein -lobendes Urteil über uns selbst hören, aber wir wollen die Wahrheit wissen. Tolstoi, welcher so viele bittere Wahrheiten der christlichen Gesellschaft in die Augen schleuderte, dieser Tolstoi hätte der christlichen Welt auch die ganze Wahrheit über unsere Pein und unser Leid, unsere Erniedrigung und unsere Demütigung sagen müssen. Nicht uns verteidigen, sondern sich selbst und die ganze Gesellschaft beschuldigen und ihr die bitter sten Wahrheiten wie Steine hinwerfen hätte er müs sen. Er hätte mit der ganzen Macht seiner Ueberzeugung aufschreien müssen, warum wir so gejagt und gefoltert werden! Wo denn die christliche Moral und die Menschlichkeit bleiben! *) Seit Monaten ist in der russischen Presse eine heftige Fehde entbrannt, ob Tolstoi als Judenfreund anzusehen ist und ob die Juden Anlass hätten, seinen achtzigsten Geburtstag feierlich zu begehen. Hat ihn ja selbst die ^Nowoje Wremja", eines der ärgsten Hetzblätter, für sich reklamiert, ohne dass Tolstoi dagegen Widerspruch erhoben hätte! Der obige Aufsatz, den wir dem Petersburger ,.Fraind" entnehmen, gibt diese Stimmung wieder. Anm. d. Red. Tolstoi hat dies nie getan, er ist nie mit seiner ganzen und vollen Kraft, gross und ehrlich, wie er es sonst tut, für uns eingetreten. Tolstoi kann ja in Ekstase geraten über einen beleidigten Bauer, der si:h aus Verdruss das Leben nimmt, oder über einen Soldaten, der in die Verbannung muss, weil er sich weigert, d is Gewehr zu tragen. Nur eine grosse Verbannung ist ihm entgangen: das grosse jüdische Go]us. Ein Unrecht wurde von ihm nicht bemerkt: das den Juden zugefügte. Da hat er kei.;k> passenden Worte mehr gefunden. Wo blieb sein Protot gegen die jüdischen Pogroms, die zum Himmel und zum Abgrund schreien, gegen die Todesstrafe, die über dem Haupte unseres ganzen Volkes schwebt? Tolstoi hätte nach dem Pogrom von Kischinew seine l'ntcrschrifi iri'er einen Aufruf von Gelehrten und Schriftstellern setzen können. 'Er hatte Journalisten gegenüber für uns Partei ergreifen können. Er hat sich aber mit einer kleinen Münze von dem alien losgekauft. Ensere blutige Geschichte ist ein Zeichen der Schande für die ganze Welt, ein ewiges Zeichen . wie Recht und Wahrheit mit Füssen getreten werden. Wie kann man da sprechen von Wahrheil und Billigkeit, vo:i Menschlic hkeit, Liebe und Brüderlichkeit, nach all' dem, was uns angetan wurde! Was hat nun Tolstoi, das geläuterie Gewissen der russischen Welt, getan, um diesen Schattdfleck von dieser Welt und von sich wegzuwaschen. Tolstoi, der Wahrheitssucher, hat über unsere Rechtlosigkeit die Wahrheit verschwiegen. Das mächtige Schwert seines Wortes und seiner Autorität hat er in diesem Falle hängen lassen. In seinem Herzen ist er uns bestenfalls fremd geblieben. End an dem Tage, da ihn die ganze Welt rühmt und ihm Weihrauch streut, müssen wir ihn daran erinnern. .Möge er uns ein Zeuge sein, wie gross unser Elend ist! Wir können uns nicht freuen! An dem grossen Welt-Feiertag drückt uns ein stilles, verhaltenes Weh . . . Jirief aus (Salizien. (Von unserem Korrespondenten.) L e m b e r g, Mitte September. Die Reichsratswahl. Die Ersatzwahl in Lemberg hat mit dem Siege des Polenklubs geendet. Von 2600 Wählern kamen zirka 1800 zur Urne und der polnische Kandidat siegte mit einer Majorität von 200 Stimmen. Das Organ der sozialdemokratischen Partei ergreift die Niederlage ihres Kandidaten zum Anlasse, die zionistische Partei als eine volksfeindliche hinzustellen, da sie während der Wahl, wie Ihren Lesern bereits bekannt, eine passixe Stellung eingenommen hat. Nun macht man sich über diese merkwürdige Stellungnahme, durch welche die Position des Polenklubs bedeutend verbessert wurde, allerhand Gedanken. Der Zufall wollte es, dass gerade einige Tage vor der Wahl im hiesigen Gemeinderat das Offert eines Christen auf eine Giuspaiditung a k z e p t i e r t wurde, wiewohl das eines Juden günstiger war. Die Entscheidung wurde durch den Klub becinflusst.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.