Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Ausübung der gottesdienstlichen Funktionen in würdevoller Form geschehe. Das Recht der Konzessionserteilung für ,,temporäre Bethäuser" liegt naturgemäss in den Händen des Kultusvors;.andes. In früheren Jahren war der Kultusvorstand in der Verleihung solcher Konzessionen viel liberaler als jetzt. In mehreren Bezirken gab es überhaupt keine grösseren ständigen Synagogen und so musste jedes Ansuchen aus einem solchen Bezirke als einem Bedürfnisse entspringend betrachtet und demnach auch rückhaltlos berücksichtigt .werden. Als in den Bezirken allmählich grosse, mitunter über Gebühr kostspielige Synagogen errichtet wurden, da ergab sich ein neues Dilemma. Das Bedürfnis nach Minjanim war wohl herabgemindert, aber die Betsitze in den Bezirkssynagogen sind so teuer, dass sie für den Durchschnittsjuden unerschwinglich sind, oder die Opferwilligkeit desselben weit übersteigen. Andererseits hat der Kultusvorstand geglaubt, die Interessen dieser neuen Synagogen schützen und ihnen „unliebsame Konkurrenzen" vom Halse schaffen zu müssen. Dazu kam noch, dass viele Minjan-Konzessionäre in der Wahl des Bctlokales und der Funktionäre skrupellos verfügen, was gar oft der antisemitischen Presse zu hämischen Glossierungen Anlass bot. So wurde allmählich ein rigoroseres System eingeführt. Die prinzipiell wichtigste Reform auf diesem Gebiete erscheint uns die jetzt strikter als früher eingehaltene Einrichtung zu sein, dass den einzelnen ßezirkskommissionen bei der Verleihung von Konzessionen ein mitentscheidendes Wort eingeräumt wird. Die Bezirkskommissionen sind eher in der Lage, über wirkliches Bedürfnis eines Bethauses, über Charakter, moralische Verlässlichkeit etc. der Bewerber eine den Tatsachen entsprechende Meinung abzugeben, als ein mit den Verhältnissen :m Bezirke nicht bekannter Vertrauensmann. Die Minjanimfrage kann überhaupt nicht gelöst werden, sie ist ein Ausfluss der eigentümlichen jüdisch-synagogalen Verhältnisse und des grossen Rückganges des religiösen Empfindens der grossen jüdischen Massen, die während des ganzen Jahres neben den Synagogen, anstatt in die Synagogen gehen. Würde sich im Laufe des Jahres ein solches Verlangen nach Betsitzen kundgeben, als anlässlich der hohen Feiertage, so wären die Kultusgemeinden 'schon längst gezwungen gewesen, ihre stabilen, Synagogen zu vermehren und die Notwendigkeit von temporären Bethäusern würde von selbst wegfallen. Allerdings müssten die Sitzpreise in den Synagogen auch etwas „zivilere" werden. So, wie die Dinge heute stehen, kann man nur den einen Wunsch haben, dass bei der Beurteilung der Notwendigkeit eines zu bewilligenden Bethauses ausschliesslich das jüdisch-religiöse Gefühl und weder materielle, noch politische Rücksichten massgebend seien, Ben Abi. %\k den Kultuswahlen in Vtficn. Der Kampf um die Mandate für den Wiener Kultusvorstand ist keineswegs so unfruchtbar und nutzlos, wie so mancher Herr aus der Kurie der Höherbesteuerten vermeint. Vielmehr stellt er momentan geradezu einen Existenzkampf der Wiener Judenschaft dar, welche von der am Ruder befindlichen Clique in ihren heiligsten Interessen bedroht wird. Darum, auf zum Kampf! Der Herr Artikelschreiber der Nummer 36 scheint der Gruppe der Orthodoxen anzugehören und dass diese ebenfalls mit Fug und Recht die traurigen Verhältnisse in der Gemeinde schmerzlich empfinden müssen, steht ausser Zweifel. Indes gerade sie trifft ihr Schicksal nicht unverdient. Wir haben nämlich leider anlässlich der letzten Kultuswahlen verspürt, wie wenig sich die Opposition auf diesen einflussreichen Teil der Wiener pädcnschaft verlassen durfte. Um ein paar billige Versprechungen schritten die Herren für die Kahalpartei zur Urne. Ihre Wünsche blieben unerfüllt, die alte Wirtschaft dauert fort. Wie lange noch? Die seit mehr als ein^m Jahrzehnt geführte Agitation gegen die Machthaber in der Gemeinde drehte sich fast niemals um persönliche Fragen, sondern stets darum, dass das geltende System beseitigt werde. Die Vertretung der Wiener Juden, heute deutsch-libcral-assimilatorisch, muss eine jüdische werden, welche den Anforderungen aller der Gemeinde angehörigen Fraktionen zu entsprechen vermag. In erster Linie können wir verlangen, dass die Erwählten der Wiener Judenschaft die Tradition unserer Väter achten und dass sie nicht, wie es leider jetzt vorkommt, durch Negation vieler Vorschriften und durch schlechtes Beispiel den Weg zum Taufbecken weisen. An seinen Früchten sollt ihr dieses System erkennen! Die jüdische Ignoranz und die Abfallswut der heranwachsenden Jugend bilden ein brennendes Schandmal für diesen Kultus vorstand. Die Mandatare der Wiener Juden hätten die Schuldigkeit, alle kulturoll-nationalen Bestrebungen eifrig zu fördern. Denn diese zielen auf die Einheit im Judentum ab. Es müsste verhindert werden, dass der Jude sich in den verschiedenen politischen Lagern herumtreibe, dass er als „Deutsch-Liberaler" oder „Sozialpoliuker", als „Deutsch-Demokrat" oder „Frciheitlichsozialer" ein unwürdiges politisches Dasein führe und ein „Israelit" werde in des Wortes betrüblichstem Sinne. Die Leitung der grössten Judengemeinde Oesterreichs hätte jedoch auch die besondere Pflicht, sozialpolitische Arbeit zu leisten. Sie müsste an allen Aktionen teilnehmen, welche geeignet sind, unseren Brüdern hier und überall, wo sie bedrängt und bedrückt werden, Hilfe zu bringen. Das Gesetz vom Jahre 1890, wonach die Kultusgemeinden bloss den Zweck haben, für die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen, erscheint schon längst durch die traurige Wirklichkeit überholt und darf als Ausrede nicht mehr Verwendung finden. Innerhalb seiner engen Grenzen könnte aber trotzdem ein gutes Stück sozialer Arbeit geleistet werden, um die schreckliche Lage der Juden zu bessern; allerdings, wenn der Kultusvorstand -- wollte. Dies alles wurde angeführt zum Beweis dafür, dass es ganz gut angeht, die Forderungen aller Gruppen, welche sich im Kampf gegen die herrschende, fürs Volkswohl verständnislose Koterie betätigen, in einem Programm zu verbinden und gemeinsam auf das ersehnte Ziel loszugehen. „Durch Einheit zur Reinheit — des Kultusvorstandes" sei unsere Losung! Nun ein paar Worte über die Organisationsfrage! Wenn man bei den diesjährigen Wahlen erfolgreich operieren will, so ist es nötig, sofort in die Agitation einzutreten. Denn die Arbeit wird infolge der Praktiken der Machthaber nicht leicht sein. Die Vertreter aller Gruppen und Vereine, welche