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Neue Nationalzeitung · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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äeite 4. „Meue National-Zeitung11 ffr. 37. ßine JSerliner Konferenz. (Von besonderer Seit .) Berlin, Mitte September. Ein vorbereitendes Komitee, an dessen Spitze der V orsitzende der vom Ziouistenkongress eingesetzten Propagandakommission, Herr Dr. Alfred N o ssig, steht, versendet Einladungen zu einer Konferenz jüdischer Notabein, die am 20. September 1. J. in Berlin stattfinden soll. Bereits am 29. März 1. J. hat in Berlin eine solche geheime Konferenz getagt, die aber bekanntlich resultatios verlaufen ist. Der Zweck dieser Konferenzen ist die Begründung einer allgemeinen jüdischen Zentralorganisation, die eine Vereinigung aller bestehenden jüdischen .philantropischen Gesellschaften he: be'.fünren soll. Die Idee, die dieser Veranstaltung zu Grunde liegt, mag an sich eine ganz gesunde und im Interesse der Judenheit durchaus notwendige sein. Es ist klar, dass durch eine Vereinigung aller im gegenwärtigen Judentum lebendigen Kräfte, überall da, wo eine Aktion im Intersse des gesamten Judentunis oder seiner zersprengten Glieder sich als notwendig herausstellen sollte, der moralische und materielle Erfolg einer Intervention durch ein Organ, das sich als die Vertretung der ganzen Judenheit repräsentieren könnte, von vornherein gesichert sein würde. Allein nach Lage der Dinge und infolge der verschiedenartigen Länder, durch die Verschieden - heit der Interessen der bestehenden jüdischen Organisationen, muss die Begründung eines allgemeinen jüdischen Kongresses, zur Zeit wenigstens, als aussichtslos bezeichnet werden. Die Ansichten über das Wesen und die Zukunft des Judentums sind so divergierend und die ivlittel, die zur Abhilfe vorgeschlagen werden, dementsprechend so verschiedenartig, aass eine Einigung; auf diese n Gebiete sehr schwer erscheint. Selbst der zuletzt unternommene V ersuch, die grossen philantropischen Organisationen wie lea, Alliance, Hilfsverein, American Jevvish Lommilee etc. zu vereinigen, ist bekanntlich gescheitert. Dennoch werden diese Bestrebungen sowohl von den Zionisten, als auch vom deutschen Hilfsverein in Berlin von neuem aufgenommen. Tatsächlich haben die Zionisten das grösste Interesse an dem Zustandekommen der neuen Organisation. Die Zionisten wollen die neue Organisation dazu be - nützen, um eine aligeme'.ae judische Kolonisations- Gesellschaft für Palastina und Nachbarländer ins Leben zu rufen. Da die Kolonisation Palästinas taisächlich ein integrierender Bestandteil des zionistischen Programms ist, und da trotz aller Gründungen der zionistischen Partei bisher auf dem Gebiete der Kolonisation Palästinas von den Zionisten nicht der allergermgste Erfolg zu verzeichnen ist, so darf man es den Führern, der zionistischen Bewegung durchaus nicht iibei nehmen, wenn sie die einllussreichen und kapitalskrältigen jüdischen Gesellschaften die Arbeit in Palästina verrichten lassen wollen. Aus den Einladungen, die zu der Veranstaltung vom 20. September 1. J. ergangen sind, ist ausser der V eranstaltung eines gemeinsamen Festessens, eines Ausiluges und eines literarisch-künstlerischen Abends üoer das eigentliche Programm der Verhandlungen nichts zu ersehen. Es kann aber schon jetzt mit Bestimmtheit gesagt werden, dass ausser dem gemeinsamen Abendessen und dem Ausflug etwas positives bei dieser bevorstehenden Notabelnkonfercnz nicht herauskommen wird. Eine Beteiligung der Alliance Israelite Universelle und der Jewish üolonization Association, die durch ihre bisherige jahrzehntelange segensreiche Tätigkeit bewiesen haben, dass sie allein das zu leisten imstande sind, was die neue Organisation erst erstrebt, ist ausgeschlossen. Ebenso darf die Beteiligung der anderen kleineren Gesellschaften, wie des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des Verbandes deutscher Juden, der Logen etc. aus politischen Gründen für aussichtslos gehalten werden. Bie ß&injanitnfrage in Whn. Alljährlich, wenn der Sommer zur Neige geht und der Bussemond Ellul unter Schofarklängen ins Land zieht, macht sich in den jüdischen Vierteln \\ iens ein eigenartig bewegtes Leben bemerkbar. Hat man sich einige Monate früher mit der Frage begrüsst: „Haben Sie schon eine Sommerwohnung?", so wird man jetzt von seinen Freunden hundert gegen eins mit der Frage belästigt: „Haben Sie schon einen Sitz?" Der grösste Teil der Grosstadtjuden besieht aus solchen „Sitzjuden", die während des ganzen Jahres in der Tretmühle der Arbeit sich plage.1 und keine Zeit linden, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, weshalb, wofür und wodurch sie eigentlich noch Juden sind, „Sitzjuden", die niemals ein jüdisches Blatt zur Hand nehmen und daher frei von den einander widerstrebenden Einflüssen der Partei - presse in den Tag hineinleben, bis der Bussemond mit seinen Schofartönen in ihrer Brust ei was w ie Heimweh weckt, eine eigenartige, ihnen selbst 1111bewusste Sehnsucht nach den herzzerreissenaen, das Innere aufwühlenden Gesängen der „furchtbaren Tage", nach dem „ünesanne l aukef" und dem „Kol- Nidre". .... Und jeder von ihnen geht hin und kauft sich, je nach seinen Vermögensverhältnisr sen, - einen Sitz. Auf diese Weise entsteht dann das alljährlich wiederkehrende, zu grossen Missheliigkeiten führende Problem: Auf der einen Seite Zehntausende von Juden, die ihre Sitze haben wollen, auf der anderen Seite die wenigen Synagogen mit ihrem unzulänglichen Fassungsrauni und zu teueren Sitzen. Und zwischen beiden steht lauernd der Spekulant, auf dem Sprunge, die Hochkonjunktur auszunützen. Das ist das Problem, das ist die Minjanimfrage, oder, wie der offizielle Ausdruck so unschön lautet: die Frage der temporären Bethäuser, wie sie sich nüchternen Blicken darstellt. In diesem Widerstreite der verschiedenen Interessen fällt dem Kultusvorstande die Rolle des Regulators, des Ausgleichers zu. Die Aufgabe ist sicherlich keine leichte und der kleinste Missgriff ist geeignet, nicht nur in einem grossen Kreise von Steuertragern tiefgehende Unzuiriedenheit hervorzurufen, sondern, was viel wichtiger ist, dem Ansehen der Gemeinde und dem ganzen Judentum irreparablen moralischen Schaden zuzufügen. Der gesetzliche Standpunkt des Kultus vor Standes in dieser PTage ist in dem Gesetze über die Regelung der inneren Veihältnisse der Juden und in dem von der Regierung genehmigten Statute der Gemeinde gegeben. Die Kultusgemeinde hat die Pflicht, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen, sie hat aber auch

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