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Neue Nationalzeitung · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2. „Neue National-Zeitung" Nr. 37. In dem. Erlasse des galizischen Landes - Ausschusses ddo. Lemberg den 22. Oktober 1901, Z. 68.454 an den Kultusvorstand Chrzanow heisst es ausdrücklich: „Der Landesausschuss macht gleichzeitig den löbl. Kultusvorstand darauf aufmerksam, dass die Bewilligung zur Ausfolgung der Kinder eventuell unter der Bedingung erfolgen könnte, dass sich der löbl. Kultusvorstand mittels schriftlicher Deklaration im Namen der israel. Kultusgemeinde verpflichtet, die Kinder auf eigene Kosten bis zum erreichten 10. Lebensjahre zu erhalten tmd zu verpflegen und dass überdies jedes Kind auf Wunsch der Mutter gegen deren gehörige Legitimation derselben zur Erziehung ausgefolgt wird. Für den Landmarschall: Unterschrift unleserlich. Mitglied des Landesausschusses: Sekowski m. p." Auch die Anstalt der Fürstin Oginska beruft sich auf diese Entscheidung in dem nachstehenden Briefe: Güterdirektion Bob rek. An den löbl. israel. Wohltätigkeits verein C h r z a n o w. Ihren werten Brief vom 6. d. M. beehre ich mich in Abwesenheit der Frau Fürstin dahin zu beantworten, dass die Direktion der hiesigen Anstalt bereit wäre, die israelitischen Kinder an eine andere Anstalt zu übergeben. Die Ausfolgung der Kinder kann jedoch lediglieh über Wunsch der Eltern oder der Mutter erfolgen und hat dieselbe eine Erklärung dahin abzugeben, dass sie das Kind a u f eigene Kosten erziehen und vom Lande keine S u bv e n t i o n verlangen wird. Das sittliche Verhalten der Mutter muss auch ein derartiges sein, dass sie in der Lage wäre, das Kind anständig zu erziehen. Der Landesausschuss in Lemberg allein ist berechtigt, die Ausfolgung der israelitischen Kinder mit Umgehung obiger Formalitäten zu veranlassen. Bobrek am 8. August 1902. Für die Verwaltung: Poraivski m. p. „Wie vermag jedoch der Landesausschuss diese merkwürdige Entscheidung zu begründen, die sich auf gar kein Gesetz, sondern höchstens auf Willkür toder blinden Fanatismus stützt?" Beim Departement-Chef des Landes-Ausschusses. Diese Frage richtete ich an den Amts-Chef des Sanitäts - Departements, T andesrat Dr. Abgaro- \v i c z, den ich in Lemberg besuchte. Zu dieser Abteilung, der Abgeordneter O n y s z k i e \v i c z als Landes-Ausschuss-Mitglicd vorsteht, gehört das Findelwesen. Er war von Lemberg abwesend und ich wandte mich daher an seinen Amtschef. Doktor Abgarowicz war sehr liebenswürdig, liess sich alles erzählen, war darüber sehr verwundert . . . ., wusste aber davon gar nichts. Er meinte, dass ich alles Nähere beim Referenten erfahren könnte; dieser aber sei auf Urlaub. Speziell die Tatsache, dass jüdische Kinder in Bobrek ohne jüdischen Religionsunterricht erzogen und schliesslich getauft 'werden, war dem Herrr^ Amtschef ganz und gar neu, wiewohl sich das die Spatzen auf den Dächern erzählen. Dr. Abgarowicz war mit mir einig, dass dieser Zustand ein unhaltbarer sei. Auf meine Frage, aus welchen Gründen dem Kultusvorstande, resp. dem Waisenverein in Chrzanow eine Alimemationszahlung für die Findelkinder verweigert wird, insbesondere aus welchen g'eset2lichen Gründen dies geschehe, wurde mir eine -— schriftliche Antwort in Aussicht gestellt. Auf diese warte ich nun. Nach Hause zurückgekehrt, richtete ich an den Ljandes-Ausschuss nachstehende Eingabe: Hoher Landesausschuss! Ueber Ersuchen des Präsidiums des Israel. Waisenvereines in Chrzanow sowie mehrerer jüdischer Bürger dieser Stadt, wende ich mich an einen hohen Landesausschuss mit der Bitte um gütige Erteilung nachstehender Information. In der Nähe von Chrzanow, u. zw. in Bobrek befindet sich die Erziehungsanstalt der Frau Fürstin Oginska. In dieser Anstalt werden auch jüdische Kinder aufgenommen, welche von jüdischen nach Galizien zuständigen Müttern in der Wiener Gebäranstalt zur Welt kommen. Es besteht nach dieser Richtung ein Uebereinkommen zwischen dem hohen Landesausschusse und der Frau Fürstin Oginska und zahlt ersterer für judische Kinder monatlich 14 Kronen. Im Laufe der letzten fahre sind auf diese Weise in die Erziehungsanstalt der Frau Fürstin Oginska ca. 62 jüdische Kinder aufgenommen worden. Es ist vielleicht einem hohen Landesausschusse nicht bekannt, dass diese jüdischen Kinder in der Anstalt der Frau Fürstin Oginska nicht nur keinen jüdischen Religionsunterricht gemessen, sondern sogar im katholischen Glauben erzogen und nach erreichtem 14. Lebensjahre getauft werden. Auf diese Weise wurden 1111 Laufe der letzten Jahre in der Anstalt der Frau Fürstin Oginska bisher ca. 40 jüdische Kinder zur katholischen Kirche bekehrt; darunter erst im Monate August d. J. 8 Kinder und am 5. September d. J. 4 Kinder. lniolgc dieser Massentaufen jüdischer Findelkinder herrscht in der ganzen jüdischen Bevölkerung Galiziens und insbesondere in der Gegend von Chrzanow und Oswiecim eine tiefe Erregung. Die jüdische Bevölkerung ist der Ansicht, dass die Landesmittel, die aus den Steuern sowohl der jüdischen als auch der christlichen Bürger fliessen, nicht zu einer Missionsarbeit im Interesse der katholischen Kirche verwendet werden sollten. Die Erregung der jüdischen Bevölkerung ist umso grösser, als mit Zuschrift dieses Hohen Landesausschusses vom 22. Oktober 1901, Zahl 68.454, dem israelitischen Kultusvorstand in Chrzanow über dessen Ersuchen mitgeteilt wurde, dass die jüdischen Kinder dem Kultusvor-tande aus der Anstalt der Frau Fürstin Oginska nur dann ausgefolgt werden können, wenn sich die jüdische Gemeinde verpflichtet, diese Kinder bis zum beendeten 10. Lebensjahre auf eigene Kosten zu erhalten. Denn hier drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Wieso kommt es, dass der Landesausschuss der Anstalt der Frau Fürstin Oginska für jüdische Findelkinder 14 K per Kopf monatlich zahlt, der israelitischen Kultusgemeinde aber gar nichts zahlen will: Ich bitte daher um eine gütige Aufklärung dieser Frage, sowie der Stellung des Landes-Ausschusses zur Ausfolgung der Kinder überhaupt, was auch gewiss dazu beitragen wird, die jüdische Bevölkerung in Galizien zu beruhigen. Ebenso wurde ich ergebenst bitten, mir die Bestimmungen der gaÜ/.ischcn Landesgesetzgebung über die Behandlung der nach Galizien zustehenden Findelkinder im Drucke überlassen zu wollen. Dr. L a ndau m. p * Wie die offiziöse Statistik anlässlich der Eröffnung des galizischen Landtages bekanntgibt, siizen in demselben 136 Polen, 24 Ruthenen und ein Deutscher. Es verlautet aber, dass von den 136 Polen, sechs Männer von Juden abstammen und noch „mosaischer Konfession" sind. Es wird sich zeigen, ob diese die Missionstätigkeit des Landesausschusses approbieren. Der Landtag ist eröffnet und sie könnten sprechen. Allein auf der Tribüne des galizischen Land-i tages wird die Affäre der jüdischen Findelkinder nicht ausgetragen werden. Sie bildet einen Ehrenpunkt aller jüdischen Geineinden Galiziens, die nicht mehr schweigen dürfen, es sei denn, dass sie ihre Ueberflüssigkeit dokumentieren wollen. Auch die Baron Hirsch'sche Schulstiftung für Galizien wird aufgerüttelt werden müssen. Ihr Präsident David von Gutmann, der in der Umgebung von Chrzanow begütert ist, hat wohl die Bitte des israelitischen W aisenvereines von Chrzanow um ein kleines Darlehen 211m Baue einer Waisenanstalt abgelehnt, mit dem Gelde der Stiftung wird aber Herr von Gutmann vielleicht nobler sein. Dr. S. R- Landau. (Schiusa folgt.)

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