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Neue Nationalzeitung · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NftJS NflCIDNßLicüNG JUDISCRPOUCiSCRB WOCRSNSCRRIFC RgRtiusögBgR: ors.R.LiSNO^u:: X. JflH^CflNG. WIEN, 18. SEPTEMBER 1908. flf. 37. ßjassefitaufen jüdischer Pindeltynder, Ein Besuch in der Erziehungsanstalt Bobrek. (Fortsetzung.) Der Krakauer Rabbiner-Kongress und die Findelkinder. Nun lenkte ich das Thema speziell auf die jüdischen Kinder. Ich fragte den Direktor, warum dieselben nicht an die Juden ausgefolgt werden. Herr von P o r a w s k i erwiderte: — „Wir waren bereit, diese Kinder auszufolgen. Vor einigen Jahren hat jn Krakau ein Rabbiner- Kongress stattgefunden und ich habe demselben die Uebernahme dieser Kinder in Vorschlag gebracht. Darauf erhielt ich jedoch' gar keine Antwort." „Warum taufen Sie also die jüdischen Kinder?" Die Beichte der jüdischen Kinder. — „Sind wir denn dazu da, um den Juden die Kinder zu erziehen! Wenn die Kinder bis zum vierzehnten Lebensjahre bei uns erzogen wurden, so ergibt sich die Notwendigkeit, sie der Taufe zuzuführen. Diese Kinder wissen ja nichts vom Judentum. Niemand erinnert sie hier daran, niemand macht ihnen daraus einen Vorwurf. Wachsen sie nun heran, dann drängen sie sich' zur Beichte, und sie fühlen sich zurückgesetzt und gedehimütigt, wenn sie davon abgehalten werden." „Hier sehen Sie" — dabei zeigte der Direkto-r lauf zwei Mädchen, die am Ende eines langen Zuges von einer Schwester geführt wurden — diese Jüdinnen sind erst gestern getauft worden." Ich blickte ihnen nach. Sie waren mir schon früher aufgefallen. So ein merkwürdiger Zug inbrünstiger Andacht und einfältiger Seligkeit lag auf ihrem Antlitz. Während sie an der einen Hand von der Schwester geführt wurden, hielt die andere das Gebetbuch mit dem Kreuz fest umklammert. Die Glocken der nahen Klosterkirche läuteten zum Gebet. Orgeltöne und kindlicher Stimmenchor verbreiteten eine feierliche Weihe. Die jugendlichen Gemüther fühlten sich mächtig angezogen. Isidor B., ein gebräunter 13jähriger Junge, kam mir in den Weg und jeh versuchte, ihn auszufragen: „Bist du vielleicht ein Jude?" Er wurde verwirrt. Er zog seinen Spielgenossen mit sich und rief: „Gehen wir lieber zur Kirche!".... Gute Katholiken — sonst nichts. Die jüdischen Kinder werden hier erzogen und verpflegt. Sie werden zu „guten Katholiken" gemacht — sonst nichts. In der Anstalt wird kein Gewerbe erlernt und auch kein Interesse für dasselbe erweckt. Alle neuen Erziehungs-Methoden, um durch Slöjd und Gartenbau im jugendlichen Gemüt den Sinn für Arbeit und Natur zu erwecken, sind hier unbekannt; die Frau Fürstin ist entweder ungenügend beraten toder für jeden Fortschritt unzugänglich. Sie zieht es vor, bloss „ihre Seelen zu retten." Nach erreichtem 14. Lebensjahre verlassen die Zöglinge die Anstalt und gehen zum Handwerk übexi; die Mädchen gehen in Dienst. Der Orden der Salesianer im nahen Oswiecim hätte die Ausbildung; der Knaben übernehmen sollen, allein er stellte unmögliche Bedingungen. Der galizische Landes-AusschusS. Der Landes-Ausschuss zahlt an die Anstalt 'der Fürstin Oginska von jedem jüdischen Findelkinde 14 Kronen monatlich. Dies zahlt aber der Landes- Ausschuss nur an die Fürstin. Einer jüdischen Anstalt, wo die jüdischen Kinder jüdisch erzogen werden, will der Landes-Ausschuss nie htsza Wien. Bezweckt also der Landes-Ausschuss die Unterstützung der katholischen Mission? .... Eine solche jMutmassung liegt leider sehr nahe.

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