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Neue Nationalzeitung · 1908-09-11 · Heft 36 (11.9.1908) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr C ,Neue National-Zeitung" Seite 11. *Peuillefoti. MORRIS ROSENFELD (§olu£»\)isicncn. CA dem Original übersetzt.) Es war zur Zeit der bittersten Leiden der Juden Ulkten im Golus. Ich stand am Ufer'des prächtigsten Stromes, des präeinigsten. Landes - am ..Hudson" lind träumte cjjort meinen Traum. Und ein Sturmwind brauste heran, parkte mich, trug mich davon in die Mitte des Atlantischen Ozeans und stellte mich mit blossen Füssen auf den Klicken einer wilden Welle nieder. Und das Wasser ward unter nieinen Tritten hart wie Stahl, und ich stand da. auf der schwarzen Bmst des Meeres und blickte auf seine Wellen. Und ^Vellen sprangen und rannten eine zur anderen , ■eine über die andere und eine in die andere .... Und springend und rennend zerschellten und zerrannen sie und verloren sich in der Flutensteppe. Bald erstanden sie wieder mit verdoppelter Gewalt Und sprangen in die Höhe, als \tollten sie den Himmel umschlingen, um wieder eine an der anderen zu zerschmettern. Und das Rauschen der gebrochenen Gewässer fand einen Widerklang in meinem Herzen und ich ward unruhig wie das Meer und fragte: — Mein Gott, was soll das bedeuten? Und eine Stimme nat mir geantwortet: Du träumst den Traum deines Volkes! Ein Zittern durchlief alle meine Glieder: — Und wieso träume ich ihn? frug ich wieder. Siehe, jene brandenden Wellen sind deine Brüder, die laufen und jagen, rennen und schreien, suchen ohne Ziel und ohne Ende und zer - schellen einer an dem anderen .... und sie zerstieben und erstehen wieder; bald erheben sie sich bis zu den Sternen und bald wieder versinken sie in den Abgrund .... Und die Welle, auf welcher ich gestanden, erzitterte plötzlich unter meinen nackten Füssen, und alle Winde des Meeres begannen zu pfeifen, zu lärmen und brausen, und die Wolken über meinem Kopfe wurden schwarz wie die Nachjt, lange Blitze spalteten das tiefe Dunkel und schwere Donner rollten mit schrecklichem Getöse über das bleierne Gewölbe des umdüsterten Himmels. U"nd ich vergrub meine wirren Blicke in den flatternden Schoss der zerklüfteten .Wasserwüste, Und das Meer öffnete sich bis auf den prund, die Oeffhung entstand neben meinen Tritten und ich blieb schaudernd stehen auf dem rechten Rande, Den Schmerzensschrei „Wehe ist mir!" .auf meinen Lippen, starrte ich in dea schwarzen Schlund . . , Und aus der Tiefe erhbbf sich! die riesenhafte Gestalt eines Mannes und die Gestalt blieb auf dem Abgrund stehen; ihre weltenstarken Schultern ragten aus dem Wasser hervor. In seinen Riesenhän- 4fn hielt der Mann ein wolkengrosses Becken, ge- ^Ült mit KoraIIenstein,en und die Stimme ertönt«: — Jetzt blicke hinein! Und ich sali wie der Riese aus dem Abgrunde d«n Inhalt des Beckens auf die erregten Fluten goss, und das Meer begann noch stärker zu fiebern und — verwandelte sich allmählich in Blut .... Und Todesangst erfasste meine verwirrte Seele,., mein Herz wurde von der Angst des Grabes ergriffen, und ich sah : die Wellie unter meinen unsicheren Füssen war ein Stück gestocktes Blut, und die blutigen Wellen um mich herum türmten sich, es entstanden Berge und es entstanden Täler, und in den blutigen Wellen schimmerte ein blutiger Himmel wieder ..... Geängstigt frug ich: ■—■ Was soll das bedeuten? ' Und die Stimme antwortete: Das Meer hat sich in Blut verwandelt. — Und wie ist das geschehen? vermochte ich kaum hervorzustammcln. Der Hauch meines Mundes war blutrot. Und die Stimme antwortete, und mir dünkt es, als hätte ich rote Worte* gesehen. Du siehst den Geist der Gewässer. — Und was hat er getan?, frug ich. Er vermengte das Meer mit jüdischen Tränen — antwortete die Stimme. — Wo nahm er sie her?, ächzte ich verwundert. Er sammelte sie bei deinen zerstreuten Brüdern, die, über diese Tiefen fahren d, die Tränen vergossen — antwortete die Stimme. — Und warum hat sich das Wasser rot getarbt i Weil jüdische Tränen blutige Tranen sind* — Tut er das immer so? — frug ich'. Nein, antwortete die Stimme, nur wenn er in Zorn gerät. Und der Wassergeist schüttelte seine langen, nassen, von Blut triefenden Haare und schleuderte das Becken, das er in seinen mächtigen Händen o-ehalten, mit Zorn in die Tiefe, und nlit beiden Fäusten nach Russland hin drohend, verschwand er im roten Abgrund. Und der Ozean schloss über ihm seinen blutigen Rachen. Und mein Hirn durchzog ein roter Frost, und die wilde Welle, auf welcher ich schaudernd gestanden begann mit mir über das blutüberströmte Meer zu laufen. In der Ferne erblickte ich ein Schiff,- das mit seinen Rudern das blutige I*erz dieser Wasserwelt durchschnitt, und ich strengte mein Gfrhör an. um einen Gesang zu vernehmen, der melancholisch durch die Lüfte drang: Wir fliehen, es jagen uns Fläche, Es treiben uns Elend und Pein, Wir sind ja die Kinder des Golus Und fragen mit Weh' und mit Tränen: ..Ach was wird das End von uns sein?" Wir fliehen vor tausend Gefahren, Vor Feindes gefährlicher Hand — O Gott, blick herab mit Erbarmen Auf deine Schutzlosen, die Armen, Und gib uns die Heimat ohn* Schand'f Wir weinen und weinen seit Jahren, Wir klagen zu Wasser, zu Land . t . Wir fliehen beschämt der Gefahren Und wissen nicht, wohin wir fahren, Wir suchen die Heimat ohn' Schand'.

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