Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425758--1009-2427335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r Seite 10. „Neue National-Zeitung11 Kr. 3(>. Tode (1858) fortführte. In seinen zahlreichen humoristischen Werken handhabte er besonders das ott recht wenig geistvolle Wortspiel und den Wortwitz. Grosser Beliebtheit erfreuten sich Saphirs humoristische Vorlesungen, die, überall, wo er sie hielt, sehr stark besucht waren. Die Expeditionen nach Abeasinien behufs Auffindung der Faiaschas, die mit so viel Tam-tam angekündigt wurden, haben ein sehr merkwürdiges Resultat ergeben. Die Alliance ist dem Herrn Fait- Jowitsch — aufgesessen. Die von der Alliance zu den Faiaschas entsandte Expedition ist dieser Tage in Paris wieder eingetroffen. Herr N a h o u m, der Leiter der Expedition, wird über seine Reise ausfuhrlichen Bericht erstatten, den wir seinerzeit an dieser Stelle mitteilen werden. Heute schon kann gesagt werden, dass die seitherigen Berichte von Reisenden, nicht zuletzt die des Herrn Dr. FaitJowitsch, hinsichtlich der Zahl der Faiaschas und auch in anderer Beziehung wesentliche Korrekturen erfahren. Herr Nahoum schätzt die Zahl der Faiaschas nioht auf 100.000 Seelen, sondern auf höchstens etwa 7l0 Familien, die in zahlreichen, weit voneinander liegenden Dörfern in Gruppen von 6 bis 20 Familien wohnen. Ebenso ist es unrichtig, dass die Faiaschas besondere Sehnsucht nach ihren Glaubensgenossen in den Kulturläudetn empfinden und an ihre Mildtätigkeit appelliert hätten, um aus ihrer kümmerlichen Lage betreit zu werden. In Wirklichkeit leben die Faiaschas erfreulicherweise durchaus nicht in misslichen Verhältnissen, auch ist ihnen an irgend einer Intervention von auswärts nichts gelegen. Wenn trüher von einem Notschrei erzählt worden ist, den die Faiaschas in einem Brief an den verewigten Grossrabbi Zadok Kahn gerichtet haben sollen, so hat man jetzt deu deutlichen Eindruck, dass der Alarmruf nicht von den Faiaschas herrührt, sondern ihnen suggeriert worden ist. Für das Mass der Umsicht und der Urteilssicherheit des Herrn Dr. Faitlowitsch ist es bezeichnend, dass er von seiner Reise nach Abessinien zwei junge Faiaschas nach Europa mitgebracht hat, von derem einem er nicht wusste, dass er verheiratet war, während es ihm von dem zweiten, der gegenwärtig auf dem Rabbinerseminar in Florenz zum Rabbiner ausgebildet wird, unbekannt geblieben war, dass er sich schon längst zum Protestantismus bekehrt hatte. Die Schwestern dieses in der Ausbildung begriffenen protestantischen Rabbiners — Herr Nahoum hat sie selbst gesprochen — sind ebenso wie die Mutter Protestantinnen. — Ob unter den angedeuteten Umständen und in welcher Richtung etwas zugunsten der Faiaschas zu unternehmen ist, wird noch zu erwägen sein. So viel aber steht jetzt schon fest, dass von der Gründung eines Lehrerseminars in der Erythrea, wie es dem von Herrn Dr. Faitlo witsch beratenenen italienischen Komitee vorschwebte, abgesehen werden muss. Die italienischen Beamten — und namentlich Marchese Salvago Raggi, der Gouverneur von Italienisch-Ostafrika — mit denen Herr Nahoum auch deswegen Rücksprache genommen hat, haben sich ganz entschieden gegen ein derartiges Projekt ausgesprochen, das ihnen höchst unpraktisch und zwecklos vorkommt, auch von der dortigen Bevölkerung schwerlich gebilligt werden würde. Das Drama „Israel", das neueste Stück von Henry Bernstein, dessen Uraufführung gleichzeitig am Rejane-Theater in Paris und im Neuen Theater in Berlin stattfinden wird, behandelt in packender Weise das Problem des Rassenkampfes. Der spannendste und dramatischste Moment des Stückes ist jener Augenblick, da die Mutter eines jungen Aristokraten und enragierten Antisemiten ihm eröffnet, dass er selbst der Sohn eines Juden ist, dem sie sich einmal in Liebs hingegeben. Eine russisch jüdische Enzyklopädie. D]e seit langer Zeit von der Petersburger „Gesellschaft zur Veröffentlichung jüdischwissenschaftlicher Bücher" \ -orbeivitete „Jüdische E n z yk 1 o p ä d i e" ist im ersten Band soeben erschienen. Sie ist in russischer Sprache verfasst und enthalt im Buchstaben A das mit Bezug auf die Juden der Gegenwart Wissenswerte. Am ersten Band haben miehr als 50 Gelehrte und Schriftsteller mitgewirkt, auch enthalt derselbe Ucbersetzungen aus der englischjüdischen Enzyklopädie. Wir finden hier die Geschichte der Juden unier den Czaren Alexander 1.. Jl., HJ., insbesondere :.•.»weit sie die Gesetzgebung in Ansehung der Juden betrifft, wir finden Artikel über die Alliance Israelite, Abrahamowiez etc. Als C hefredakteure fungieren l'uli n o w und K a t z e n e 1 1 e ns u Ii 11. Die Gesamtausgabe wird 10 Bände umfassen und einen Betrag von 60 Kübel kosten. JfifcFahiF. Westöstliche Mjszellen. Von Samuel M e i s e I s. Xenien- Verlag. Leipzig 1908. Wie die allgemeine Literatur leidet auch die s|>ezifisch jüdische Literatur unserer Jage an einem schweren Mangel: nämlich an dem Ueberflu^s, Es wird so viel produziert, dass der Aesthetiker zum Praktiker werden muss, und nicht die literarische Form, sondern die Notwendigkeit, der literarisch*' oder kulturelle Nutzen einer Neuerscheinung die erste zu stellende Frage ist. Gerade das Gebiet, welches Samuel Meiseis 111 seiner Essaysammlung ,,Westöstliche Miszellen" betritt, ist von einer Unzahl Mehr- oder Wenigwisser okkupiert. Nicht alles, was in den letzten Jahren aus dem Gebiete des Ostjüdischen an Essays, dicken Büchern und Kommentaren zu uns kam, ist des Erwähnens wert; von wenigen nur lässt sieh behaupten, dass sie ihren Zweck erfüllten, der zuvorderst ein beh-hr e nd e r sein soll. Denn viel hesse sich darüber sagen, dass es eine unterdrückte Kasse gibt, die ihren superiorsten Teil für inferior, unkultiviert, minderwertig hält. Darin liegt eben dexj Grössenwahnsinn zivilisierter Unkultivierter . . . Im vorliegenden Buche fand ich manch' Wertvolles. Was Meiseis über den ,,Jargon", über die jungjüdischen Lyriker sagt, ist ebenso treffend als belehrend. Nur das Kapitel ,,Deutsche jüdische Lyrik" empfinde ich geradezu peinlich, weil darin mancher ^schwungvolle" Zeitungslyriker zum Markstein jungjüdischer Dichtung avanciert. Gerade Meiseis, dem sonst Gewissenhaftigkeit nachgerühmt werden darf, müsste bei Verleihung des taxfreien Dichtertitels rigoroser vorgehen. Nicht jedem, der einmal im zionistischen Zentralorgan ein Gedicht veröffentlichte, dürfte er ein „Ave poeta!" zurufen . . . Auch der Aufsatz über Fleycrmans, der eigentlich eine Polemik darstellt, lässt in sachlicher Beziehung zu wünschen übrig. Gewiss sind Heyermanns Ghettotypen meist Produkte eines Dichtergehirns und selten iiatürliche Charaktere. Aber er ist Dichter, der Dichter des holländischen Juden, dessen Bedeutung nicht mit einem polemischen Aufsatz abzutun ist. Dass Josef Israels den Ghettojuden mit mehr Ernst und Liebe malt, als ihn Heyermans schildert, ist auch kein Beweis für des Dichters künstlerische Unwahrheit . . . Meiseis fordert also sachliche Kritik heraus. Dies möchte ich als einen Vorzug seines Buches werten, * denn es beweist, dass auch etwas vom Kampf darin liegt. Vielleicht würden diese gesammelten Aufsätze mehr Interesse finden, wenn sie in einem persönlichen Stil geschrieben wären. Der hätte den alten Thcme,n den Reiz des Neuen verleihen können. Dennoch ist es ein gutes Buch, das Meiseis uns gebracht, denn es birgt zwei Vorzüge, die heute in wenigen Büchern zu finden sind: Gründlichkeit und künstlerischen Ernst ... m. SCh. - * (Todesfälle. Wien. Der greise Rabbiner Dr. Adolf S c h m i e d 1 hat y durch den Tod seiner Frau Charlotte einen sehr schmerzlicher^ * Verlust erlitten. Der Senior des Wiener Rabbinates ist der 4 aufrichtigen Teilnahme der gesamten Gemeinde sicher. 1| Tarnow. Nach langem schweren Leiden ist der kais. Rat, j Gemeinderat und Bezirksausschuss Joachim M a s e h 1 e r, kaum I 42 Jahre alt, verschieden. Der Verstorbene erfreute sich all- J, seitiger Sympathien; den Armen erwies er stets viel Gutes. « In unserem Gemeindeleben erstand eine empfindliche Lücke.