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Neue Nationalzeitung · 1908-09-11 · Heft 36 (11.9.1908) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. ,Neue National-Zeitung' vr. m lUnd die Töne des traurigen Liedes klangen durch die Lüfte und der Sturm brauste wie besessen über die roten Wassersteppen, und heulte: „Die Heimat >ohn' Schand'". Und die Millionen stürmischer Sturzwellen rauschten es wider: „Die Heimat ohn' Schand'!" Und aus der Tiefe dröhnte es empor: „Die Heimat ohn' Schand'!" ..... „Die Heimat ohn' Schand'!" murmelten meine zuckenden Lippen. .Und eine Stimme kam von der Ostseite her, und donnernd klang es: Da habt ihr eine Heimat und macht sie »ieVt zu schänden! „Und m-icht sie nicht zu schänden!" trug es der Sturm übers ganze Meer. Und der Wassergeist streckte seinen nassen Kopf aus einer raten Wolle und schrie mit Kraft: Macht sie nicht zu schänden!" Und der Himmel über meinem Kopfe teilte sich und eine feurige Stimme schallte weithin hörbar wie ein Scholar: „Macht sie nicht zu schänden!" Da sah ich plötzlich in den Lüften eine wSchar Spötter, die sich wie eine Windmühle drehten, ihre Tangen, schwarzen Zungen herausstreckten und riefen: „Macht sie nicht zu schänden, schänden . . . schänden!".... Schand! Schand! hat es getost und gekichert um mich herum. Ein schwerer Seufzer entrang sich meiner Brust — und ich envachte . . . ^eftschHften-l^iindscliau. Ahmed Riza Bey über den Zionismus. Der Redakteur des ..Hasmann" hatte in Paris ein interessantes Gespräch mit dem jungtürkischen Führer Ahmed Riza Bey. Derselbe sagte u. a. folgendes: „Der Zionismus ist uns von seiner Gründung an bekannt, auch haben wir ihm objektive Artikel in unserem Blatte gewidmet. Wir schauen auf diese Bewegung des jüdischen Volkes mit Liebe und Hochachtung; die palästinische Judenfrage steht für uns mit der armenischen auf einer Stufe; beide bedürfen der Lösung. Die Türkei steht jetzt an der Schwelle einer neuen Zeit: die Stimmung des Volkes ist bis zur Berufung des Parlamentes schwer festzustellen. Aber wir, unsere Partei, wir dürfen wohl sagen, dass wir zwar für die türkische Einheit sind; darin aber hat niemand einen extremen Chauvinismus zu erblicken, etwa nach der Devise „Die Türkei den Türken!" .Nein, wir bekämpfen nur ein Zerreissen der Provinzen unseres Geburtslandes, wollen nur, dass das ottomanische Gebiet ganz und. unzerrissen bleibe." „Aber wir Zionisten" warf der Interviewer ein, ,.träumen ja nicht von Gebictsabtrennung; wir wünschen ja nur eine jüdische Autonomie in Palästina — ist Ihre Partei eine Gegnerin dieser Forderung?" „Diese Forderung ist von einem ganz besonderen Gesichtspunkte zu betrachten; wird die Majorität der Einwohner Palästinas eine von Arabern sein und Ihr nur die Minderheit, dann werden wir gewiss Eure Gegner sein, weil dann die Forderung nicht gerechtfertigt wäre, Euch Autonomie zu gewähren. Aber unmöglich werden wir Euch bekämpfen können, wenn die Majorität im Lande Euer ist, des jüdischen Volkes. Dann wird ja Einfluss, Beamtenschaft und Verwaltung schon ohne weiteres in Euren Händen sein, und Eure Autonomie kommt so von selbst." „Und wie schauen Sie auf die jüdische Einwanderung nach Palästina?" „Wir sind gegen jedes Einwander ungsverbot. Wir sehen im jüdischen Volke unser Brudervolk. Sicher wird diese Frage das Parlament beschäftigen, in dem ja auch Juden sitzen werden. Und jetzt schon können wir versichern, dass <üe Meinung des Parlaments auf Seite des jüdischen Volkes stehen wird. Ueberhaupt glauben wir, dass die zionistische Frage im Parlamente behandelt werden wird." * * * Di», Krebskrankliett unt?r d«n Judo». Es herrscht in manchen ärztlichen Kreisen die Anselm«, ung, dass gerade zu denjenigen Krankheiten, die jetzt die Menschheit immer mehr heimsuchen, u. zw. zum Krebs und zu Geisteskrankheiten, die Juden das grösste Kontingent beistellen. Es gibt aber auch entgegengesetzte Ansichten. Hier kann lediglich die Statistik entscheiden. Einen wichtigen Beitrag nach dieser Richtung finden wir in den „Ungarischen statistischen Mitteilungen", Neue Serie, Band 19, von Prof. Doktor Dollinger. Wir entnehmen daraus, dass im Königreich Ungarn in den Jahren 1901 —1904 an Krebs im Gana«n 11.970 Männer 14.936 Frauen starben: unter den männlichen Personen befanden sich 796 (— f>/>5",,) und unter den Frauen 986 [~ 6,60O/o) Jude n. Im Verhältnis zur Zahl der über 15 Jahre alten Pers-onen entfallen in den Jahren 1901 —1904 auf j« 10.000 Seelen an Krebs Gestorbene männl. weihl. bei den Juden............7,41 8,87 „ „ Evang. A'igsburg. Konfess. . . H,52 7,27 „ „ Erang. Refönnierten.....6,41 8,04 „ „ Römisch-Katholischen .... UM 7,33 „ „ Sonstig, u. Unbekannten . . . f>,H9 5,55 „ „ Unitariern.........4,34 4,91 „ „ Griechisch-Oriental......2,29 3,01 „ „ Grierhisch-Katholischen . . . 1,89 2,09 Hiernach stehen sowohl die Juden als auch die Jüdinnen in der Reihe der Krebskrankheiten an erster Stelle. Dollinger weist aber darauf hin, dass aus den obigen Zahlen durchaus kejne Schlüsse für die Häufigkeit des Krebses bei den Juden gezogen werden können. Denn die ungarische Sterblichkeitsstatistik gewährt insofern kein zutreffendes Bild, als in Ungarn eine ärztliche Leichenschau nicht allgemein eingeführt ist und in etwa 45"., der Fälle die Todesursache von Laien angegeben wird. Da aber von den luden ärztliche Hilfe erfahrungsgemäss häutiger in .Anspruch genommen wird als von der übrigen Bevölkerung, so wird bei den Juden der Krebs als Todesursache leichter und sicherer erkannt und zur Kenntnis der Behörden gebracht, während bei der anderen Bevölkerung in vielen Fällen Krebs vorliegen mag, aber nicht als solcher festgestellt wird. Dollinger beweist die Richtigkeit dieser Annahme damit, dass er die Ziffern für Budapest allein feststellt, wo die ärztliche Leichenschau obligatorisch ist. Hier nehmen die männlichen Tuden unter den an Krebs Verstorbenen erst den vierten und die Jüdinnen sogar den letzten Platz ein. Es kann also aus den oben mitgeteilten Zahlen keineswegs gefolgert werden, dass die Juden für den Krebs besonders disponiert seien. * * * Graf Witte über die Judentrage« Der Petersburger Korrespondent des „American Hebrew" hatte jüngst mit dem Grafen Witte eine Unterredung, in deren Verlauf sich Witte über die Judenfrage äusserte. Er erzählte u. a. von einer Unterredung, die er seinerzeit mit Alexander III. über diese Frage hatte. Der Kaiser habe ihn gefragt-, ob es wahr sei, dass er eine .gewisse Vorliebe für die Juden hätte. Darauf habe er geantwortet: ,,Gestatten Sie, Majestät^ dass ich auf diese Frage mit einer Frage antworte. Kann man alle Juden auf Schiffe packen und im Meere ertränken?" Der Kaiser schüttelte den Kopf. „Nun also," sagte Witte. ,,Dann müssen die Juden also unter uns bleiben, und wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, so unter uns zu leben, wie wir leben. Ich meine also, es gibt keine andere Lösung dieser Frage als die Gleichberechtigung." Der Kaiser dachte längere Zeit nach und antwortete schliesslich: „Vielleicht haben Sie recht . . ." Weiter erklärte Graf Witte dem Korrespondenten, dass er bisher mit seiner Meinung in Regierungskreisen stets in der Minorität geblieben sei. Witte meint, dass die Judenfrag« in Russland im Verlaufe von etwa 25 Jahren gelöst werden könnte, wenn nämlich die leitenden Kreise zu der Erkenntnis kämen, dass die bisherige Verschleppungspolitik zu nichts führe. Man müsste sofort alle Beschränkungen des Wohnrechtes der Juden abschaffen: dagegen sollten vorerst die Verbote des Bodenkaufes in den inneren Gouvernements Russlands in Kraft bleiben. Sodann müsste man den Juden den Zutritt zu dert Schulen und zu der Regierung ermöglichen, bezw. erleichtern.

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