Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36. wiss dem Vorstand bei den Wählern nur neue Antipathien verschaffen. Zum Schlüsse noch ein Wort über ein eventuelles Kompromiss. So manches Mitglied, welches zur Wiederwahl kommt, erfreut sich allgemeiner Sympathien wegen seiner regen Beteiligung am Gemeindeleben. Allein trotzdem bin ich gegen ein Kompromiss. so lange die in Betracht kommenden offiziösen Kandidaten sich nicht für eine Erwcitcr u n g des W a h 1 r e c h t e s v erbürgen. An diesem wichtigsten Programm-Punkt müsste unbedingt festgehalten werden, sonst wäre der ganze AVahlkampf nur ein Personenstreit. Eine Ma jorität kann schmählich untergehen, die Opposition muss siegen oder in Schönheit sterben." *" Kundmachung des Kultüsvorstandes. Der Kultusvorstand bringt zur Kenntnis, dass die Wählerliste für die diesjährigen Wahlen in den Kultusvorstand zur Einsicht der Gemeindeangehörigen in der Kanzlei der Kultusgemeinde, Wien , I., Seitenstetiengasse 4, 2. Stock, aufliegt. Reklamationen wegen Auslassung wahlberechtigter Personen sind i n n e r h a 1 b 14 Tagen vom Ii eut igen Tage ab schriftlich in der Kanzlei der Kultusgememde einzubringen. Wien, 10. September 1908. ©ie Verhandlungen de* jüdischen JüpFachl^onferenz, (Sciiluss des Iicrichtcs. 1 C z e r n o w i t z, 6. September 1908. Die Nachmittagssitzungen wurden mit Organisationsfragen ausgefüllt. An den Vormittagen wieder hielt man sich nicht an das vorher angekündigte Programm. Die meisten der angekündigten Referate entfielen. Die von der Kommission festgelegte Resolution lautete: ..Die erste jüdische Sprachkonferenz anerkennt .Jiddisch' als eine nationale Sprache des> jüdischen Volkes und fordert ihre politische, gesellschaftliche und kulturelle Gleichberechtigung. Dabei erachtet es die Konferenz als nötig, zu erklären, dass einem jeden Teilnehmer an dieser Konferenz, wie auch jedem Mitgliede der zu schaffenden Organisation die Freiheit bleibt, sich zu der hebräischen Sprache gemäss seinen persönlichen L'eberzeugungen zu beziehen". In der darauf folgenden Debatte gab J. L. Perez die Erklärung ab, dass keine Majorität der Welt ihn davon überzeugen könne, dass ,Jiddisch" unsere Xationalsprache sei; ,,Jiddisch" sei Volkssprache. Die Resolution wurde angenommen. Es wurde ferner beschlossen, die zweite Konferenz nach einem Jahre an einem später zu bestimmenden Orte abzuhalten. Delegierte entsenden zu dieser Konferenz: Alle jüdischen literarischen und Kuristvereine, Lehrcrvereine, Bibliotheken. Zeitungsredaktionen und Gruppen von je 100 Personen, welche den Standpunkt der angenommenen Resolution vertraten. Das Exekutivkomitee besteht aus: Dr. Nathan B i r n b a 11 m (Präsident) und J. L. Perez, J. D inesohn, Dr. S c h'it 1 o •\v s k i, Dr. So tele, dem jeweiligen Präses der Studentenverbindung ,,K ul t ur", J. Weiter. Das Bureau befindet sich in Czemowitz und wird sich zunächst mit der Herausgabo von Meisterwerken in jüdischer Sprache befassen. * Der D i e n s t a g den 2. v. M. im Musikvereinssaale abgehaltene Kommers versammelte ein grosses Publikum. Landespräsident Dr. von Bley leben und Bürgermeister Baron Fürth, die eingeladen worden waren, entschuldigten ihr Fernbleiben schriftlich. Unter den Anwesenden bemerkte man den Kultuspräses Abg. Dr. Straucher mit mehreren Kultusräten, sämtliche zionistische Vereine und Verbindungen. Sämtliche Redner sprachen „Jiddisch". Hervorgehoben seien die Toaste von Dr. Sch'it- I o w s k y, Perez und Schalom A s c h. Die Ordnung am Kommerse lie>s vieles zu wünschen übrig. Es kam auch zu einem peinlichen Zwischenfall. Als die Poale-Zion-Ver'ivter begrüsst wurden, erschollen Protestrufe: ..Po de-Z;onisten sind nicht hier; man hat die Arbeiter nicht in den Saal gelassen, weil sie keine schw irzen Röcke anhaben!" Während dieser Rufe betrat die Bundistin Frl. Esther die Estrade, erzwang sich trotz Widerspruches "des Prä sidiums das Wort und protestierte gegen das "Nichteinlassen der Arbeiter. Sie verliess darauf demon strativ den Saal. First nach geraumer Zeit trat Ruhe ein und. die Redner konnten zu Worte kommen. m Der Dichterabend, an dem Morris Rose Ilfeld mitwirken sollte, musste. weil der Dichter nicht eintraf. abgesagt werden. Differenzen mit Schak)in Asch sollen die Ursache des Fernbleibens -Monis Rosenfelds von der Konferenz sein. * * * $ach de* SpFach^onfcrenz. fn der „Bukowinaer Post" widmete Dr. M. Diamant der Sprachkonferenz nachstehendes Schlusswort: ,,Die Tiddisten fahren nach einwöchentlicher Arbeit nach Hause. Jiddisten. In Czemowitz wurde dieses neue Wort geboren. Trür andere Länder kann auch bei uns eine geistige Strömung einsetzen, doch' nicht für uns. Man ist natürlich in allen Kreisen wohlbestellten, ehrsamen Bürgertums über diese neue Bresche empört, die da in die alten erprobten Anschauungen und Vorstellungen gelegt wird. Als Pvtagoras seinen Lehrsatz entdeckte, schlachtete er eine Hekatombe Rinder. Der Berichterstatter über dieses Ereignis fügt beissend hinzu, dass die Rinder seither bei jeder neuen Geistestat fürchten, eine neue Hekatombe müsste fallen. So verängstigt sahen sie auch jetzt zur Sprachkonferenz. Die Konferenz bestand aber durchaus aus Leuten mit frischem Geiste, die die Distanz zwischen sich und dem Kulturniveau unserer Stadt nicht übersahen. Mehr als sechzig fremde Leute, Denker und Dichter. Kritiker und Lehrer ihres Volkes, geistige Märtyrer darunter, waren eine Woche lang zur ernsten Arbeit in Czernowitz. Es war ganz still darob. Welch' ein Ereignis für unsere Spiesser wäre es gewesen, wenn sechzig Feuerwehrkommandanten aus der ganzen Welt hier zusammengekommen wären, wie hätte sich'der \ ereinzur Hebung des Fremdenverkehrs und seine Verwandten in die Flaggengala geworfen. Doch Czernowitz muss erst lernen, Gäste zu behandeln.