Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425758--1006-2427332- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Neue National-Zeittmg' vom Sultan nur eine Frage von Monaten, aber aus den Mo naten wurden Jahre und noch immer ist keine Spur davon zu sehen. Sie wissen, dass sie nur zu uns zu kommen und uns zu sagen brauchen, dass sie die leiseste Hoffnung haben, um unserer Mitwirkung sicher zu sein. Warum also hören wir nie etwas von ihnen? Weil sie uns nichts zu sagen haben. Ihre Anhänger können sie mit prophetischem Kopfschütteln und nichtssagenden Worten hinhalten. Sie treten in Kompagnie mit einem kleinen Bankier in Konstantinopel, verbergen bis zum Namen des Trusts sogar, dass es ein jüdischer ist und dann haben sie die Frechheit, ihren Anhängern zu sagen, dass sie eine Zweigverbindung in Konstantinopel gegründet haben und dass dies ein sicheres Zeichen dafür sei, dass der Sultan mit den Zielen des Zionismus sympathisiere. Aber die ..Ito" kann durch solche kindische Yorwände nicht getäuscht werden. Wir verlangen Tatsachen. Und die Tatsache, dass sie nicht zu uns kommen, um unsere Mithilfe in Ansprach zu nehmen, ist die bezeichnendste Tatsache für uns. Und weil sich die Situation ebens > rasch verändern könnte, als sich die Lage in der Türkei durch die Konstitution verändert hat, wäre es Verrat am jüdischen Volk, wollte die ..Ito", ehe sie Palä stinas sicher ist, ihre Suche nach einem anderen Territorium' aufgeben. Und sollten wir ein solches Territorium finden, so wäre es ein noch grösserer Verrat am jüdischen Volke, wenn die Zionisten uns nicht beistehen würden. Wenn die Zionisten dann nicht zu uns stünden, wäre das Wort Verrat noch viel zu milde. Der Prozess wegen der Kolonialbank. Die Zionisten, die uns unter falschen Vor wänden Geld entlockt haben, haben die chutzpeh, uns so hinzustellen, als wollten wir sie berauben. Und sie zogen es vor. Tausende und Tausende auf Gerichtskosten hinauszuwerfen in ihrem Bemühen, den Kanzlei-Gerichtshof dazu zu bestimmen, ihnen jede Möglichkeit einer nützlichen Tätigkeit ausserhalb Palästinas zu nehmen, als Gefahr zu laufen, uns auch nur den kleinsten Bruchteil ihres Geldes geben zu müssen. Sie wandten sich an Herrn Richter Eve und sagten: „Unsere rechte Hand ist durch den Sultan lahmgelegt, so dass wir keine Arbeit leisten können. Aber unsere linke Hand ist frei, und es besteht daher die Gefahr, dass wir mit dieser irgend etwas beginnen könnten : haben Sie die Güte, unsere linke Hand abzuschneiden." Es ist Ihnen bekannt, dass ich mich meinerseits erhob und Seine Lordschaft bat. diese Narren vor der Gefahr, Krüppel zu werden, zu schützen. Lind Seine Lordschaft, fern davon, verrückt zu sein, entschied zu meinen Gunsten. Es ist eigentümlich, dass diese leidenschaftlichen Nationalisten nur christliche Advokaten wählten. Vielleicht gelang es ihnen nicht, einen jüdischen Vertreter zu finden, der bereit gewesen wäre, so unverschämt und unloyal gegen sein eigenes Volk zu handeln! Selbst einer ihrer christlichen Rechtsbeistände erklärte ihnen privatim, dass sie verrückt seien. Aber im Gerichtshof ereignete sich das Seltsame, dass Christen in beredter Weise für Palästina stimmten, während ich und andere Juden erklärten, dass in jedem Teil der Erde ein Zufluchtsland für die Juden gegründet werden könne. Linige Herren schrieben an ein jüdisches Blatt und meinten, es läge ein grosser Vorwurf für uns Juden in der zionistischen Beredsamkeit jener christlichen Rechtsanwälte. Diese naiven Herren vergassen aber, dass die christlichen Anwälte für ihre Beredsamkeit gut gezahlt wurden und dass sie, falls es mir eingefallen wäre, sie dafür ebenso gut zu bezahlen, meine Ansicht mit derselben Beredsamkeit vertreten hätten. Aber während der Trust das Geld seiner Gründer und Anteilbesitzer nach rechts und links wegwarf, war ich ängstlich bemüht, das Geld für das jüdische Volk zu ersparen. Während der Vorsitzende des Trusts dem letzten Kongress erklärte, dass sie wahrscheinlich 2000 Pfund für Kosten an uns wieder bezahlen müssen, haben unsere Anwälte alles in allem nur 200 Pfund gerechnet. Der teuerste und beredteste ihrer Rechtsfreunde zitierte aus der Bibel: ..Wir sassen an den Wassern von Babylon und weinten über Dich, oh Zion". Er vergass. das Babylon, das Land des Goliath, in welchem unsere Väter sich niederliessen und wehklagten, eines jener Länder sei. für welche er zu plaidieren hatte. Aber all diese Beredsamkeit erwies sich als zwecklos gegenüber der Tatsache, dass von 130.000 Anteilbesitzern nur ) 6.000 die Beschränkung auf Palästina und Umgebung verlangten. Traurig verliessen die Zionisten den Gerichtshof — gebrochenen Herzens, weil man ihnen die linke Hand nicht abgeschnitten hatte!*i *) Damit haben wir das Wesentlichste über die gegenwärtigen Bestrebungen der terrhwialistischen Bewegung veröffentlicht. Es ist wohl überflüssig, zu bemerken, dass wir uns inät der Rede des Herrn Zangwill nicht solidarisieren, zumal der leidenschaftliche, gereizte Ton derselben nicht angenehm auffällt. (Anm. d. Red.) Zu den l£ultustf>ahlen in W'*"- Wir erhalten von einem hervorragenden Mitgliede der Gemeinde einen ausführlichen Brief zum obigen Thema. Wir entnehmen demselben folgendes : „Die Agitation anlässlich der Kultuswahlen ha! meines Erachtens bisher immer zu spät eingesetzt und hat deshalb auch keinen Erfolg erzielt. Es müssten also sofort die Versammlungen beginnen ohne Rücksicht auf die Landtagswahlen, von denen wir ja gar nichts zu erwarten haben. Das Sündenregister des Kultus-Vorstandes ist ein so grosses, zahlreiche Wünsche der jüdischen Bevölkerung in politischer, administrativer und - e r h i s c h e r Beziehung so dringend, dass sich die Majorität der jüdischen Wähler auf dieser Plattform wird leicht vereinigen lassen. Ich muss aber ein schieden davor warn e n, dass die Kultus w a h 1 e n unter zionistischer Flagge oder zionistische r P a - t r o n a n z s t a t i f i n d e v. Es ist eine Tatsache , über die man ja allerdings verschiedener Ansicht sein kann, dass das jüdische Bürgertum in Wien dem Zionismus nicht nur passiv, sondern direkt feindlich gegenübersteht. Es kann ja sein, und es ist auch wahrscheinlich, dass diese Juden den Zionismus gar nicht verstehen, dass sie vielleicht auch keine Gelegenheit gehabt haben, sich über den Zionismus aufklären zu lassen; Tatsache ist und bleibt, dass in Wien von einer zionistischen Bewegung überhaupt nicht gesprochen werden kann. Nun werden aber die Kultus-Wähler-Versammlungen von zionistischer Seite dazu ausgenützt, um zionistische Propaganda zu machen, wie es ja vor Jahren Herr Oskar Marmorek, bevor er noch im Vorstand war, im grossen Musikvereinssaal selbst getan hat. Eine zielbewusste Opposition muss einer derartigen Taktik aus dem Wege gehen, denn dadurch hilft man nur den offiziellen Kandidaten. Die oppositionelle Agitation muss von Person lichkeiten geleitet werden, deren politische Erfahrungen, Besonnenheit und taktische Klugher jedes Hineinzerren, von Fragen, die ausserhalb des Kultus-Programmes liegen, aussehliesst. Die jüdische Bevölkerung hat bei den letzten Wahlen bewiesen, wie sehr sie einer Opposition sympathisch gegenübersteht. Wenn es damals der Opposition noch nicht gelungen i-.r, die Majorität zu erlangen, so ist daran lediglich eine unzulängliche Taktik schuld. Daher glaube ich, dass das alte oppositionelle Programm beizubehalten wäre, allein unter grösserer Rücksichtnahme auf die rituellen B ed ü r f n i s s e der Bevölkia uiig. Ihre Nachricht, da.-s die Wählerliste nicht mehr gedruckt und versendet werden soll, habe ich von anderer Seite bestätigt erhalten. Allein ich kann daran nicht glauben, dass die Herren so kleinlic h wären: ich kann daran um-oweniger glauben, als diese Massregel eine blinde Xachäffung der antisemitischen .W a h I m a c h e wäre. Man sagte mir von offiziöser Seite, dass die Versendung (Postporto 1 von 20.000 Wählerlisten allein 2000 Kronen kostet, |dazu kommen Druck, Papier, Expedition etc. Aber es ist doch merkwürdig, dass man solche Bedenken bisher nicht gehabt hat und sie erst, da die Opposition gefährlich wird, aufkommen lässt. Soll und kann denn bei dem grossen Budget der Wiener Kultusgemeinde ein solcher Betrag ernst lieh in Betracht kommen? Diese Massregel wird ge-