Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. „Neue National-Zeitung" Nr. 36. Amerika, das einzige, existierende Zufluchtsland. Mein Freund, Herr Herbert Friedenwald, der ehemalige Sekretär des amerikanisch-jüdischen Komitees, welcher eine Art Nachschlagebuch über alle jüdischen Yersammlungsanstalten der Vereinigten Staaten, wie Synagogen, Ceselligkeitsvereinc, etc. etc. herausgibt, teilt mir mit, dass er allein im letzten Jahre 700 neue derartige Institutionen zu verzeichnen hatte. Daraus geht hervor, dass die Juden Osteuropas selbst zu der Erkenntnis gekommen sind, dass Amerika ihr Zufluchtsland ist. und nichts wird ihren Zug dorthin aufhalten, wenn nicht oder bis ein jüdisches Territorium ersteht, bereit, sie aufzunehmen. Die einzige weise Politik ist daher, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen und die Auswanderung nur insoferne zu regeln, dass man trachtet, sie durch den Gahestonkanal zu leiten. Unser Auswanderungs-Regulierungs-Departement ist keine philanthropische, sondern eine auf eine politische Idee gegründete Einrichtung. Mildtätige Stiftungen gibt es viele in der Judenschaft, aber wenig politische Ideen, und ich fordere Jedermann hieraus, mit einer besseren oder selbst nur mit einer anderen Idee für die Regulierung der jüdischen Auswanderung hervorzutreten. Es ist unmöglich. Es gibt keine anderen Ideen und keine anderen Orte. Der Berg Zion und andere Berge. So viel über unser Emigrationswerk. Ich gehe jetzt zu unserem Kolonisationswerk über. Die vor uns liegende Aufgabe ist von Herrn Lucien Wolf sehr treffend mit dem Erklimmen eines Berges verglichen worden, da beim Beginn des Aufstieges der Gipfel ganz nah erscheint, aber desto mehr in die Ferne zu rücken scheint, je höher man steigt. Es ist dies eigentlich ein sehr gütiger Zug der Berge. Denn wüsste man von Anbeginn, wie weit sich der Weg zieht, so würde man den Aufstieg wahrscheinlich gar nicht unternehmen. Vor 11 Jahren stiessen die Zionisten in das Horn und erklärten, den Berg Zion besteigen zu wollen, aber bis jetzt haben sie noch keine einzige Meile zurückgelegt. Sie sind tatsächlich nicht einmal bis an den Fuss des Berges gelangt, denn so, wie es unseren Vorfahren verboten war. auch nur die Grenze des Berges Sinai zu überschreiten, so hat der Sultan den Berg Zion mit einer Mauer umgeben, die nicht überstiegen werden kann. „Uebertreter werden bestraft." kann man auf einer grossen Anschlagtafel am Fusse des Berges Zion lesen. Der Berg Zion ist nicht nur ein politisches Eigentum, er ist ein heiliger Berg für Mohammedaner und Christen sowohl als Juden und dies macht ihn zu einer Art von Vulkan, der denen sehr gefährlich werden kann, die an seinen Abhängen wohnen. Auch wir haben einen Berg zu erklimmen, und nachdem wir unseren zionistischen Freunden unseren Segen mit auf ihren gefahrvollen Weg gegeben hatten, sahen wir uns nach einem minder schwierig und gefährlich zu ersteigenden Berg um. Die Welt ist aber voll Berge. Die meisten sind ebenso unzugänglich wie der Berg Zion. Es gibt aber doch einige, welche von Jedem, der Mut genug hat, die Spitze zu erklimmen und oben eine Fahne aufzupflanzen, erstiegen werden können. Diese Berge sind über fünf Kontinente verstreut und es war keine leichte Aufgabe, sie näher kennen zu lernen und zu entscheiden, welcher des Ersteigens wert sei. Diese Wahl nahm fast die ganzen drei Jahre unseres Bestehens in Anspruch und wir sind auch heute erst dahin gelangt, einen einzigen, für unsere Zwecke passend zu halten. Auch dieser hat Gletscher und Ab gründe aufzuweisen, aber es führt doch ein schöner Weg zum Gipfel. Immerhin muss dieser Berg noch genauer untersucht werden, bevor wir ihn dem jüdischen Volk empfehlen können, und selbst wenn wir dies tun. ist es die Frage, ob sich das jüdische Volk auf unsere Empfehlung verlässt, und eine weitere Frage, ob es trotz unserer Empfehlung zum Ziele gelangt. Sie sehen, ich verhehle Ihnen nicht, wie hoch der Berg und wie schwierig seine Besteigung ist. Warum sollte ich Sie betrügen? Ich überlasse das anderen Führern, welche Ihnen versichern, dass sie bereits auf die halbe Höhe des Berges gelangt sind, während sie in Wirklichkeit gleich Korall hinabsinken in die Eingeweide der Erde. Aber wenn auch der Berg hoch und der Gebirgssteig steil und schlüpfrig Ist, wir lassen uns nicht entmutigen. Es heisst, dass ein gewisser tapferer Edelmann, der die Königin Elisabeth liebte, mit seinem Diamantring auf ihre Fensterscheibe die Worte ritzte: „Gern möcht' ich zur Höh, aber ich fürchte den Fall.'' Als die Königin dies las. schrieb sie darunter: „Wenn Dir das Herz fehlt, so bleib im Tal." Kein Mensch sollte emporzuklimmen versuchen, der nicht darauf gefasst ist, entweder den Gipfel zu erreichen oder abzustürzen. Wir können nur unser Möglichstes tun; es ist keine Schande zu stürzen., wohl aber den Aufstieg nicht zu versuchen. Herr Jakob Schiff und die „Ito". Dank der Grossmut unserer Gönner ist uns die Notwendigkeit, uns an die öffentliche Wohltätigkeit zu wenden, um unsere Expedition fundieren zu können, erspart geblieben. Wir mussten nicht das schreckliche und skandalöse Fehlschlagen der sogenannten nationalistischen Bewegung wiederholen, welche, um das von der britischen -Regierung dem jüdischen Kolonialtrust gemachte Anerbieten zu prüfen, gezwungen war, bei einem Christen zu schnorren. Nein, jeder Penny unseres Geldes kommt von Juden, guten, loyal gesinnten Juden, wenn sie auch vielleicht nicht den sogenannten Nationalen gleichgestellt erscheinen. Ich schlage nicht vor, die ganze Liste der Beiträge heute zur Verlesung zu bringen viele Spender sind ihnen schon bekannt — aber ich bin überzeugt, dass sie mit Vergnügen hören werden, dass unser Y01 sitzender, Herr Meyer-Spielmann, mir too Pfund gegeben hat. l'nd da ist noch ein anderer Beitrag, der mir grosse Freude gemacht hat, da er das grossmütige Geschenk eines Mannes ist, der früher mit dem Plane der ,,Ito" nicht einverstanden war und dessen grosser Name und hohe Stellung all seinen Ansichten eine besondere Bedeutung verleihen. Ich meine Herrn Jakob H. Schiff in New-York. Herr Schiff hat mir 250 Pfund (6000 K, Anm. d. Red.) für unsere Expedition gegeben - nicht weil er schon jetzt für die Idee eines autonomen Territoriums gewonnen ist, aber weil er einsieht, dass es unbedingt notwendig ist, ein neues Gebiet für die Kolonisation zu erschlossen und die Auswanderung zum Abschluss zu bringen, und schliesslich ist ja auch ein autonomes Zufluchtsland immerhin ein Zufluchtsland. Ein anderer praktischer Geschäftsmann, Herr Josef Fels, hat sein Vertrauen in unseren Plan durch die Spende von 300 Pfund für denselben Zweck bewiesen. Dies ist jedoch nicht der einzige Dienst, den, Herr Fels uns geleistet hat. denn er unternahm eine Reise von 5000 Meilen, um mit dem Präsidenten eines grossen amerikanischen Staates Rücksprache zu nehmen, für den Fall, dass unser Projekt misslingen sollte; dieser Staat würde sich gerne der jüdischen Mitwirkung zu seiner Entwicklung versichern, und wir könnten jeden Augenblick die von Herrn Fels eingeleiteten] Unterhandlungen wieder aufnehmen. Aber kein Beitrag zu unserer Expedition hat mir mehr Freude bereitet, als die mir von einer Gruppe armer luden aus dem Innern Russlands, die zu den ersten Pionieren des „Ito"-Landes zählen wollen, gesandte bescheidene Summe von 20 Pfund. -isk& I Die „Ito" und der Zionismus. Wie Sie sehen, hat die „Ito" immer ohne alle Schwierigkeit das Geld, das sie benötigte, erhalten. Es ist daher schwer zu begreifen, warum die Zionisten eine so panische Furcht davor haben dass es uns drängt, uns ihres Geldes zu bemächtigen. Es ist wahr, dass ich geltend gemacht habe, dass alle Arbeit der ,.Ito" in den Rahmen des jüdischen Kolonialtrusts passt, aber meine Argumente sollten nur dem grösserem Ruhm des Zionismus dienen, um die Bewegung vor dem historischen Wahnsinn, nicht an unserem Rettungswerk teilzunehmen, zu bewahren. Welcher Art immer der Unterschied zwischen unserer und der zionistischen Bewegung sein mag, darin stimmen wir doch überein, dass die Lage des jüdischen) Volkes die Schaffung eines autonomen jüdischen Territoriums gebieterisch erfordert. Dieser gemeinsame Punkt wurde bei der Konferenz festgestellt, die vor ungefähr zwei Jahren zwischen Herrn Wolffsöhn und führenden Zionisten und mir und führenden Itoisten unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Oskar S. Straus stattfand. Sollten daher die Zionisten politische Garantien für die Kolonisation von Palästina erhalten, so wird sich niemand mehr darüber freuen, als die Tenitorialisten, die anlässlich dieser Konferenz und bei vielen anderen Gelegenheiten seither ihre Bereitwilligkeit, daran teilzunehmen, zu erkennen gegeben haben. Palästina ist zum mindesten ein Territorium wie jedes andere. Jeder Sieg des Zionismus ist daher nicht ein Sieg über, sondern ein Sieg für den Territorialismus. Jeder Schritt gegen Palästina bringt den Territorialismus näher, denn wir Itoisten haben keine Partei, sondern das jüdische Volk und ihr verzweifeltes Bedürfnis nach einem Land im Auge. Ich wünschte, ich könnte dasselbe von den Zionisten sagen. Wenn sie an das jüdische Volk und nicht an ihre kleinlichen Parteiinteressen dächten, so wäre jeder Sieg des Territorialismus in ihren Augen auch ein Sieg des Zionismus. Jeder Schritt gegen Itoland wäre ein Schritt gegen die politische Emanzipation der Juden. Aber ach! Der Zionismus will es nicht so! Während wir uns über jeden Schritt, den sie nach vorwärts tun, freuen, seufzen sie über jede unserer Errungenschaften und versuchen sogar, uns Prügel in den Weg zu werfen. Sie würden es am liebsten sehen, wenn wir unsere Tätigkeit ganz aufgäben. Weich ein trauriger Tag wäre dies für das jüdische Volk! Vor Jahren sprachen die Zionisten so, als wäre die Erlangungpolitischer Konzessionen