Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. „Neue National-Zeituhg" 36. .Wohnung. Der maurischen Sittel;entsprechend, durfte Montefiore diesen nicht eher verlassen, als bis der Sultan ihn in Audienz empfangen hatte. Darüber vergingen sechs Tage. Bei einem solchen Kmpfange sitzt der Sultan hoch ::u Ross. I$i er in heiterer Stimmung, so reitet er einen Schimmel; Verstimmung detuet ein graues, Ungnade ein schwarzes Pferd an. Am Tage der Audienz werden Sir Moses und seine Begleiter in einen geräumigen Hof geführt, wo bereits kaiserliche Truppen in Paradeuniform mit klingendem Spiel zur Begrüssung harren. Alle Blicke richten sich auf .die schmale Pforte, durch die der Sultan jeden Augenblick eintreten muss. Wird er einen Schimmel reiten? Da öffnet sich das Tor, und siehe da — der Sultan kommt auf schneeweissem Zelter dahergeritten! In heiterster Laune sprengt er bis dicht an seine Gäste heran. Die Herren treten drei Schritt vor und verneigen sich ehrerbietig. Der Sultan begrüsst die Fremden, zunächst den englischen Konsul Mr. Reade, der ihm Sir Moses Montetiore nebst Begleitung sowie die Herren des englischen Konsulates vorstellt. Der Herrscher spricht seine Hochachtung vor dem englischen Reiche aus und bemerkt dabei, wie angenehm ihn stets der Anblick einer englischen Uniform berühre. Auch Montefiore, an den er sich jetzt wendet, ist in Uniform (als Sheriffj, den türkischen Medschidje-Örden auf der Brust erschienen. Der Sultan begrüsst ihn: „Sie sind mir kein Fremder. Ihre Reisen zum W ohle Ihres Volkes nach den verschiedensten .Weltteilen hin sind mir nicht unbekannt. Ich weiss, dass Ihre Wohltätigkeit und Menschenliebe sich nicht auf Ihre eigene Glaubensgemeinschaft beschränkt, sondern allen Leideaden und Hilfsbedürftigen zu Gute kommt. .W as kann ich für Sie tun?" Sir Moses Montefiore erwidert: „Mögen Eure Majestät geruhen, bestimmte Befehle zu erteilen, dass die Juden und Christen, die in allen Teilen Ihres Reiches w ohnen, geschützt werden; dass niemand sie in irgend einer Sache kränke, die ihre Sicherheit und Ruhe betrifft, und dass sie sich derselben Vorrechte wie alle übrigen Untertanen Eurer Majestät zu erfreuen haben. Solche Rechte wurden auf meine Veranlassung von Seiner Majestät dem verstorbenen Sultan der Türkei, Abdul Medschid, durch seinen Firman vom 9. November 1840 verliehen und im Mai vorigen Jahres von Seiner Majestät dem regierenden Sultan Abdul Aziz bestätigt". Darauf überreichte Sir Moses dem Sultan eine die Wünsche der marokkanischen Juden enthaltende Denkschrift, die den Sultan kurz darauf zur Erteilung des folgenden Firmans veranlasste: „Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Gnädigen! Es gibt keine Macht als in Goti, dem Hohen und Mächtigen. Durch dies Unser Kaiserliches Edikt sei bekannt gemacht - möge Gott seinen Inhalt segnen und erhören! - dass es Unser Befehl ist, es mögen alle Juden, die in Unserem Reiche wohnen, — es sei der Stand, in den der allmächtige Gott sie versetzt hat, welcher er wolle — von Unseren Statthaltern, Beamten und allen anderen Untertanen nach der genau abgewogenen Wagschale der Gerechtigkeit behandelt werden. Sie sollen vor Gericht genau so wie jeder andere Untertan behandelt werden, damit nicht das geringste Unrecht irgend einen von ihnen treffe noch irgend eine bedrückende Massregel auf ihnen laste. \\ eder Behörden noch Einzelpersonen dürfen fortan ihrer Person oder ihrem Eigcntume Schaden zufügen. In Unseren Augen haben alle Menschen den gleichen Anspruch auf Gerechtigkeit. Wenn daher jemand einen Juden kränkt oder verletzt, so werden Wir dies nachdrücklich ahnden." Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, dass durch diesen Firman die Juden Marokkos der übrigen Bevölkerung rechtlich gleichgestellt worden wären. Aber auf lange Zeit hinaus hatte sich die marokkanische Regierung vor Rechtsverletzungen und -Willkürakten den Juden gegenüber in Acht genommen. Dass sich die Juden in Marokko nunmehr einer leidlichen Sicherheit erfreuten und demgemäss infolge ihres Fleisses und ihrer Massigkeit eine höhere Kulturstufe erklimmen konnten, das war der Erfolg der unter allerlei Mühen und Schwierigkeiten durchgeführten Marokkofahrt des unvergleichlichen Menschenfreundes Sir Moses M ontef iore. ©ie temtorialistische J|e\*>egun$. (Eine Rede Israel Zangwills.) (Schluss.) Die Opposition gegen die „Ito". Die alten, gegen die ,.Ito" geltend gemachten (Irunde sind tatsächlich widerlegt. Die „Ito" lebt -- ich will nicht sagen, sie lebt und schlägt mit dem Fuss aus, denn sie hat keine Ursache dazu, es wäre denn, dass dujüdischen Führer; und Finanziers sich weigern würden, ihre Pläne zu unterstützen,. Ich glaube nicht, dass wir nötig haben werden, zu Wahl melhoden zu greifen. Ich habe im Gegenteil sicheren Grund anzunehmen, dass wir auf tatkräftige Unterstützung van unseren Kapitalisten und selbst von der „Ica" rechnen können, denn wenn die .,Ica" auf der Suche nach neuen. Kolanisationsgybietcii ist. warum sollte sie nicht in dieselbe Richtung blicken wie wirr Und wenn unsere Finanziers — wie sie es immer tun -- nach einem neuen Feld für Investierungen suchen, warum sollten sie nicht auf unserem Gebiet investieren und gleichzeitig den Vi- >iit und eine M i z w a Ii gemessen? Sa feiern wir denn unseren dritten Geburtstag unter günstigen Auspizien. Aber wir feiern ihn nicht mit Bier und Kuchen oder Kuchen und Schokolade, sondern mit Arbeit. Unsere Delegierten in der Provinz haben ,sich in London versammelt, um unseren Geburtstag durch Arbeit für den Geburtstag des ,,Ito"-Landcs zu feiern. Denn die „Ito" ward nicht um der ,,Ito" willen geboren — nicht um Gesellschaften, Föderationen, Kongresse und Streitigkeiten hervorzubringen, sondern um ein wirkliches, lebendiges Land ein eigenes Land für jene Juden, welche in ihren jetzigen Wohnarten nicht bleiben wollen oder können, zu schaffen. Alle jene anderen Dinge — Xweigvercino. S.hekolim, Versammlungen und Reden — bilden nur das Gerüst, auf dem das Gebäude errichtet werden soll, und dienen zum Sammeln der zu den Operationen erforderlichen .Mittel. Man darf nicht glauben, dass die „Ito", gleich manchen anderen Bewegungen, keinen anderen Zweck hat als Reklame und Zusammenscharren. Wirkliche Arbeit wird innerhalb der ..Ito" geleistet. Die Galveston Emigration. Ks ist angenehm, zu wissen, dass wir keine |«>litische Einmischung in unser Gab eston-Werk zu fürchten haben. Die ökonomische Einwirkung war unangenehm genug, denn natürlich konnten -wir während der amerikanischen Krisis nur so viel Auswanderer nach Amerika senden, als dort Arbeit zu finden sicher waren. Als diese finanzielle Panik begann, sandten wir Hunderte mit jedem Schiff hinüber. Das Wichtigste ist, dass selbst in den schlechtesten Zeiten der Zug nach Galveston nicht aufhörte, nicht ein einziges Schiff verliess 'Bremen ohne eine, wenn auch geringe Anzahl von Juden nach Galveston mitzuführen. Wir hoffen, dass, sobald die Präsidentenwahl in Amerika vorüber sein wiul, Handel und Gewerbe wieder aufblühen und unsere Auswanderer wieder nach Hunderten gezählt werden können. Die Galveston-Idee bleibt immer die einzige politische Idee, welche in konkreter Weise auf das jüdische Problem angewandt wurde, und die ganze jüdische Geschichte hat nichts so Schändliches aufzuweisen, wie die Versuche, die,