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Neue Nationalzeitung · 1908-09-11 · Heft 36 (11.9.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Kr. 36. Dr. EUGEN WÖLBE: Joosts ^ontefiore in ^arol&o — $of fünfzig fahren.*) Seit Jahrzehnten machen Russland> Rumänien und Marokko in Bezug auf grausame Bedrückung ihrer jüdischen Bevölkerung einander den Rang streitig. In den beiden europäischen Ländern scheint eine Aenderung dieser unsagbar trüben Verhältnisse leider im Bereich des Unmöglichen zu liegen. Nicht so (in Marokko. Hier wird es den vereinten Be - mühungen der europäischen Diplomatie mit der Zeit gelingen, geordnete Verhältnisse herzustellen. Dann wird auch den Juden dieses weiten Landes eine bessere Zeit erblühen. Wie heute, so stand auch vor einem halben Jahrhundert Marokko im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses. Auch damals hallte die Klage über die Rechtlosigkeit der dortigen Glaubensgenossen durch alle Lande. Ebenso gross aber war nachher die Freude, als es dem Opfermut eines Juden gelang, bessere Verhältnisse herbeizuführen. Und das war folgendermassen zugegangen: In der marokkanischen Hafenstadt Saffi war ein spanischer Zolleinnehmer inach,1 fünftägiger Krankheit verstorben. .Was das für eine Krankheit war, wusste niemand. Man sprach von Vergiftung; der spanische Konsul wenigstens nahm Vergiftung an. Als Mörder konnte nur der vierzehnjährige Diener des Verstorbenen in Betracht kommen. .Warum gerade der? Er war ein Jude. Gegen ihn, als Angehörigen einer fast rechtlosen Bevölkerungsklasse, konnte der Konsul die maurischen Behörden mit Leichtigkeit mobil machen. Der Knabe wurde gefangen genommen, verhört und — da er seine Unschuld beteuerte — gefoltert. Ein Geständnis, so verheisst man ihm, kann seinen Qualen ein Ende machen, und so „gesteht" er denn, der Spanier ist in der Tat vergiftet worden: elf Juden haben ihn umgebracht. Diese werden verhaftet, drei besonders Verdächtige nach Tanger überführt. Dort wird einer von ihnen sowie der arme kleine Diener ohne jedes Verfahren hingerichtet. Den beiden anderen steht dasselbe Schicksal bevor, obwohl die eingeborenen Marokkaner gegen die Hinrichtung der beiden ihrer Meinung nach unschuldigen Juden Widerspruch erheben. Die jüdische Gemeinde in Tanger telegraphiert an die Glaubensgenossen in Gibraltar. Diese drahten an den hochangesehenen, unermüdlichen Vorkämpfer für seine leidenden Brüder, Sir Moses Montef i o r e in London, und schon nach wenigen Stunden läuft folgendes Telegramm in London ein: „Der Präsident des spanischen Ministeriums gibt dem spanischen Gesandten in Tanger telegraphisch Befehl, jede weitere Hinrichtung bis nach genauester Untersuchung zu verhindern." Damit war für Sir Moses die Angelegenheit keineswegs erledigt. Die Berichte, die von den jüdischen Gemeinden in Tanger und Gibraltar bei dem Englisch-Israelitischen Gemeindebunde („Board of Deputies") einliefen, Hessen die Lage der marokkanischen Juden in höchst trübem Lichte erscheinen. Wenn nun auch viel darauf ankam, die unschuldig in Gewahrsam gehaltenen Glaubensbrüder zu be - freien, so war doch die Aufgabe wichtiger, die Ju- *) Aus meinem demnächst erscheinenden Buche „S i r Moses Montef iore. Ein Lebensbild für jung und alt." den Marokkos gegen alle fernere .Willkür und gegen weitere Gewaltakte sicherzustellen; Das konnte nur auf dem Wege persönlicher Einwirkung geschehen. Wer aber würde sich bereit finden, die Gefahren der Reise in das unzivilisierte Land auf sich zu nehmen? .Wie bei dem Unglück von Damaskus 1840, wie bei der Bedrängnis der russischen Glaubensbrüder 1846 und bei der Entführung des Knaben Mortara 1858, so richteten sich auch jetzt die Blicke Israels auf Sir Moses, Er steht im achtzigsten Lebensjahre^ und doch — er geht! Nicht die Mühseligkeiten der Meerfahrt, nicht Wüstensand noch Sonnenbrand schrecken ihn* In Cadix erkrankt er und rriuss einige Tage das Bett hüten. Auch auf der Ueberfahrt von hier nach Tanger fühlt er sich nicht sonderlich wohL In* folgedessen muss der ihn begleitende Arzt Doktor Hodgkin umfassende Voisichtsmassregeln für die Landung in Tanger anordnen. Wie diese schliesslich von statten gegangen ist, schildert Dr. Hodgkin in launiger Form: „Unser lieber Kapitän und seine Offiziere hatten mit Hilfe von Tauwerk und einer Matratze eine Art Tragbahre ausgeklügelt, in der Sir Moses — da kein passender Landungsplatz vorhanden war — vom Schiff nach dem Ufer hinübergetragen werden konnte. Seine Träger und viele den untersten Ständen angehörigc Israeliten wateten in dem seichten Wasser umher; und wie sie unseren Sir Moses so hoch über dem Wasser inmitten einer zerlumpten, amphibienhaften Gruppe fortbewegten, kam er mir vor wie Neptun unter den Tritonen." In Tanger erreicht Sir Moses beim Minister des Auswärtigen die sofortige Freilassung der beiden hier eingekerkerten Juden. Gegen die anderen soll ein ordnungsmässiges Gerichtsverfahren eingeleitet w erden (das später mit einer Freispechung tier Angeklagten endete). Froh des Erfolges, spendete Sir Moses 6000 Mark als Grundstock zur Errichtung einer jüdischen Mädchenschule in Tanger. Noch aber hatte er sein Hauptziel nicht erreicht. Eine Milderung des harten Loses seiner marokkanischen Brüder konnte er nur in einer persönlichen Unterredung mit dem Sultan erreichen, und der wohnte in der Stadt Marokko. Eine gar beschwerliche Reise, zum Teil auf ungebahnten Wegen, stand dem edlen Menschenfreunde bevor. Montefiore legte d«-n .Weg in einer Sänfte zurück, die auf den Rücken zweier Maultiere befestigt war. Zahlreiche Treiber mussten dies schwerfällige Transportmittel an abschüssigen Stellen und engen Furten beständig stützen, um sein Umschlagen zu verhindern. Aber trotz der grössten Vorsicht von Seiten der Träger war die Reise in dieser Sänfte recht ungemütlich, denn si > rief in dem Insassen eine Art Seekrankheit hervor. Zum Glück fand die Reise in der Sänfte nur in den Morgen- und Vormittagsstunden statt. Nachmittags hingegen wurden die Zelte aufgeschlagen und Rast gehalten. Dann erschienen die Scheiks der einzelnen Stämme, um die „Muna" darzubringen, die aus Schafen. Geflügel, Eiern, Melonen und anderen Lebensmitteln bestand. Nach achttägiger Reise zog Sir Moses nebst Gefolge unter einer vom Sultan gestellten militärischen Ehreneskorte in Marokko ein und nahm in einem kleinen, eigens für ihn eingerichteten Palaste

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