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Neue Nationalzeitung · 1908-09-11 · Heft 36 (11.9.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ,Neue Na-aonal-Zeitung4 Nr. 36 tet. das Uebereinkommeii, welches die Fürstin mit dem galizischen Landesausschusse geschlossen hat. Bisher sind der An.- dt in Bohrek 02 jüdische Kinder überantwortet worden. Ihre Erziehung geschieht jedoch nicht umsonst. Die Fürstin erhalt vom Landesausschusse 14 Kronen monatlich per Kopf. Sie sorgt dann für das körperliche Wohl ihrer Zöglinge und auch für ihr seelisches. Die jüdischen Kinder erhalten katholischen Religionsunterricht, werden dem Judentum ganz enifremdet, und kaum erreichen sie das 14. Lebensjahr, werden sie getauft. Bisher -ind in der Anstali vierzig»' j ü d i s c h e K i n d e r getauft w orden. Das alle? ist in (di \:.oiow ein offene- Geheimnis. Wiewohl ja Oswiecim näher an Bobrek gelegen ist, als Chrzanow. hat man stets hier die Cngehcuerlichkcit. 'der Seelenfängerei von Bobrek weil schmerzlicher empfanden. Es fand sich auch, eine edle, selbstlose. Frau, die diesen Zuständen ein Ende bereite.1 wollte. Frau Citc! Cic-nncr, die seit einigen Jahren in Jerusalem wohnt, hotte' zuers; auf die verzweifelte Lage der jüdi-chen Kinder in Bobrek die allgemeine Aufmerk-amk"i! gelenkt. Ihre erste philanthropische Tat war au< h die Gründung eines jüdischen Waisenvereine.-, für den sie unermüdlich in der ganzen Eingebung agitierte, um Mitglieder und Beiträge zu sammeln. Diese Frau wird in der ganzen; Stadt noch heute wie eine Heilige verehrt; überall spricht man von ihr wie von einem höheren Wesen, man bewundert ihren Fleiss und ihre Ausdauer, im Dienste der Wohltätigkeit, ihre seltene Milde gegenüber den armen verlassenen Kindern und ihre Energie, mit der sie allen Wirurteilen der Gesellschaft betreffs ihrer Zöglinge entgegentrat. Was hat diese Frau nicht alles versucht, um der Fürstin Oginska die Opfer der Bekehrungssucht zu entreissen. Sie verfasste Aufrufe an die jüdische Oeffentlichkeit, um Gelder für den Waisenverein zu sammeln, sie cuchte die Mütter der jüdischen Zöglinge von Bobrck auf, um mit deren Hilfe die Kinder aus der Anstatt zu entfernen, sie überhäufte den Landesausschuss mit Eingaben, die allerhand Projekte zur Gründung einer jüdischen \\ aisenanstalt aufwiesen. Frau Gronner sah sich übermenschlichen Schwierigkeiten gegenüber und sie vcrliess die Stätte ihrer Tätigkeit, um nach Jerusalem zu übersiedeln. Ihre Mitbürger verhielten sich ihrer Tätigkeit gegenüber sehr skeptisch, während der Landesausschuss die Ausfolgung der jüdischen Findelkinder an den Waisenverein von geradezu unmöglichen Bedingungen abhängig machte. Der Fürstin Oginska zahlte er für die Pfleglinge, aber der Waisenverein sollte die Kinder umsonst verpflegen. Die öffentliche Meinung in der Stadt war der Uebernahme der unehelichen Kinder und der Gründung, einer grossen Waisenanstalt anfangs nicht sehr geneigt. Man fürchtete, es könnte dadurch die Ehelichkeit aller jüdischer Kinder aus Chrzanow dann in Zweifel gezogen werden. Und das wäre ja nicht angenehm. Besonders bei einer Partie .... Nichtsdestoweniger hat parallel mit den Aktionen der Frau Gitel Gronner und ihrer Nachfolgerirr> Frau Rosalie Brauner, auch der Kultusvorstandi von Chrzanow eine Aktion eingeleitet. Er wandte sich an die Kultusgerneinden von Wien und Krakau, an den allgemeinen österreichischen Gemeinde b u nd. Als Antwort kamen nur allgemeine Versprechungen. Diese Korporationen versprachen zu prüfen, zu studieren, Erkundigungen einzuziehen; dann kam die Versicherung, man werde schon helfen, nur müssten sich die Bürger von Chrzanow zuerst selbst helfen. Inzwischen wurden immer weitere Kinder ausgetauft. Man sprach nicht von den Taufen in Bobrek, sondern dank dem ungesetzlich e 11 Vorgange der Be irkshauptm.innschaft Chrzanow, welche die Taufanzeigen statt an die Kultusgemeinde des Wohnortes (Chrzanow) an jene des Gcbur.i-ortcs (Wien) lenkte und als Wohnsitz nicht die Gemeinde Bobrek, son.lern Chrzanow angab — stand die Oeffentlichkeit plöiz'ich \ or der auffälligen Tat.sachr, dass in der gm jüdischen, frommen Stadt Chrzanow allmonatlich einige vierzehnjährige Knaben und Mädchen zum Christentum übertraten. Die jüdischen Bürger von Chrzanow betrachten dies als eine empfindliche Kränkung, zumal Bobrek in grösserer Nähe von Oswiecim Hegt und bei der bevorstehenden Errichtung einer Bezirkshauptmannschaft in diesem Orte-, derselben zugeteilt werden dürfte. In der Anstalt der Fürstin Oginska. Auf telcphonischem Wege bat ich den Herrn Anstnltsdircktor kiiter v. Porawski von Chrzanow aus um die Erlaubnis, die Anstalt zu besichtigen. Nach einigen Aufklärungen, die von mir verlangt wurden, erhielt ich die Einladung zum Besuche. In anderthalb Stunden Wagenfahrt war ich draussen: als der erste Jude, dem diese Anstalt vollständig zugänglich gemacht wurde. Die Anstalt besteht aus einer Anzahl von Gebäuden, die teils als Wohn-, teils als Schulräume dienen. Die grossen Schlafstätten und Speisehallen sind sehr sauber und luftig, wenn auch sehr primitiv eingerichtet. Ein kleines Häuschen dient als Spital und Isolierungsraum; in allen Gebäuden ist Zentralheizung und elektrisches Licht. Ringsumher Wald und Wiesen, alles Eigentum der Fürstin, wo sich die Kinder in ihrer freien Zeit herumtummeln. In liebenswürdigster Weise machte Direktor v. Porawski, ein polnischer Edelmann von altem Schlage, den Cicerone. Er gibt ganz offen und rückhaltslos seine Aufklärungen. Seit Errichtung der Anstalt ist er hier Leiter; er kennt genau alle Intentionen der Fürstin. Die Anstalt wird gegenwärtig von 319 Zöglingen bewohnt. Es sind Kinder ohne Enterschied des Alters, des Geschlechtes und — Herr v. Porawski: legt darauf Nachdruck — der Konfession. Demnächst wird ein neuer Schub aus Wien erwartet, und „wirstaunen oft", meinte der Direktor, „wie sich unter den Einlangenden oft die Hälfte jüdischer K i n d e r befindet". Ich bedurfte nicht der Bemerkungen des Direktors nach dieser Richtung. In allen Gruppen der Kinder, sah ich Gestalten, die durch ihre Physiognomie,, ihre dunklen lebhaften Augen oder durch ihr markantes Profil jüdische Abstammung verrieten. Ich fragte sie nach ihren Vornamen und meine Mutmassung wurde bestätigt. Sie heissen Isidor B. oder Abraham F., Rebekka Fr. oder Rosalie R. usw. Und merkwürdigerweise waren es oft diese jüdischen Kinder, die sich an den hereintretenden Direktor mit der Begrüssung herandrängten: „Gelobt sei Jesus Christus I . . . So werden sie von den Barmherzigen Schwestern^ die in Bobrek als Erzieherinnen fungieren, unterwiesen. Dr. S. R, Landau« (Schluss folgt.)

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