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Neue Nationalzeitung · 1908-09-04 · Heft 35 (4.9.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr :-5. Die ersten Anfänge der Jargonliteratur datieren •seit dem XV. Jahrhundert. Ihre ersten Erzeugnisse -waren Erbauungsbücher, für die Frauen und die Ju- _gend bestimmt. Die Sitienbücher, die gegen Ende des XVI. und anfangs des XVII. Jahrhunderts erschienen sind, fanden -unter den Juden, grosse Verbreitung. Besonders bekannt sind: ./Das Lebenselixier" von Abraham, Apotheker in Wlodnir; „Der Brandspiegel" von Moses Henaochs in Basel und das vorzügliche, oft nachgedruckte Buch „Der gute Sinn" von Josef ben Eljakum. Auch einige Schriftstellerinnen, vornehmlich Polinnen, verfassten Erbauungs- und Belehrungsschriften. Rebekka Tiktiner, •eine Polin, veröffentlichte ein jüdisch-deutsches Werk über die Pflichten der Frauen. Eine andere Frau, namens Hannah, liess ehre „Predigt" in Amsterdam drucken. Die interessantesten und bekanntesten Werke dieser Literaturgat'ung sind das sogenannte „Maasse- (Geschichts-) Buch" und das „Zeena Ureena", beide Erbauungsbücher für die Frauen. „Hauspostillen, in welchen Fabeln, Märchen und Erzählungen in buntem Gemisch und mit moralischer Nutzanwendung sich vorfinden". In dieser Zeit wurden die ersten Versuche gemacht, biblische Stoffe, der Verkauf Josefs, der Kampf Davids mit Goliath, die Geschichte Esthers zu dramatisieren. Diese Dramen wurden zumeist im engern Familienkreis am Purimfeste von Dilettanten aufgeführt. Auch ältere Heldendichtungen und unterhaltende Erzählungen, wie „König Artus Hof", „Till Eulenspiegel" und andere wurden ins Jüdisch-Deutsche übertragen. In jüdischen Gelehrtenkreisen war der Jargon nie beliebt. Die Talmudisten verwendeten zur Abfassung ihrer Responsen die talmudisch-hebräische Sprache; bedeutende Schriftsteller und Dichter schrieben und dichteten hebräisch; gebildete Kauf- 'ieute führten sogar ihre Bücher und Korrespondenzen in hebräischer Sprache. Briefe wurden überhaupt nur hebräisch geschrieben; die des Hebräischen nicht so ganz mächtig waren, versuchten es eben, wie sie es konnten: einen halben Satz Hebräisch, einen halben Jargon. Dieser Halb-und-Halb-Briefstil ist heute noch in manchen Gegenden Polens gebräuchlich. Nur der Chassidismus, der mit allem Starren, Einengenden, Schwerlastenden aufräumen wollte, bediente sich des Jargons als eines Mittels, die chassidischen Lehren den breiten Volksmassen zugänglich zu machen. Ein grosser Teil des chassidischen Schrifttums mit seinen Wundermärchen, Legenden, Anekdoten und Parabeln ist in der Jargonsprache abgefasst worden. Die Chassidim gingen von der richtigen Voraussetzung aus, dass man auf die Volksmassen nur in der Volkssprache wirken könne — ein Standpunkt, zu dem sich später ein Teil der hebräischen Schriftsteller bekannte. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts legt Mendel Lepin, ein geachteter Gelehrter seiner Zeit, den Grundstein zum Bau der modernen Jargonliteratur. Er veröffentlicht eine jargonische Uebersetzung der Sprüche Salomonis in Versen. Nach dem Erscheinen dieses Buches setzt der erste offene Kampf gegen den Jargon ein. Ein hebräischer Schriftsteller, Tobias Feder, schreibt eine Bro - schüre gegen dieses „Machwerk". Er protestiert: ein Gelehrter wie Lepin darf und soll keinen Jargon schreiben. Diese Pressfehde erweist sich für die Entwicklung der Jargonliteratur von grossem Nutzen. Viele hebräische Schriftsteller beginnen den verhassten Jargon zu schreiben. Sie erbarmen sich sozusagen des Volkes und werfen ihm einige Literaturbrocken in der Ghettosprache zu. Doktor Salomon E11 i n g e r, ein praktizierender Arzt in Samosz, schreibt ein Theaterstück ,.Seikele** — meines Wissens das erste moderne Theaterstück im Jargon. Ihm folgt A. B. Gott lob er — ein bedeutender hebräischer Schriftsteller, der Lessings „Nathan" vorzüglich ins Hebräische übersetzt hat - mit einer dreiaktigen Komödie „Das Decktuch oder zwei Hochzeiten in einer Nacht" (i883). Chaim H orowitz übersetzte Gampes Kolumbus", Alexander Zederbaum, der Chefredakteur der grössten hebräischen Tageszeitung, begründet zwei Jargonzeitschriften, Gelehrte und Dichter, wie Isak Ber Lewinsohn, Jakob E i r h e n b a u m und andere, veröffentlichen neben ihren Werken in hebräischer Sprache auch einige Targonbücher. Unter den Jargonschriftstellern dieser Zeit befindet sich auch ein merkwürdiger Mann, namens Michel Oiserkes. Ein Abenteurer. Als Mohammedaner geboren, tritt er erst zum Christentum und dann zum Judentum über, wird Vorbeter in Otschakow und schriftstelleit im Jargon. — — Viel war es nicht, was diese Jargonschreiber boten, auch nicht wertvoll; aber sie brachten doch neues Leben in die. jargonische Literatur. Die Blütezeit der Jargonliteratur fällt in die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts. Da treten Männer auf den Plan, die nicht „aus Erbarmen" Jargon schreiben. Es sind durchweg Männer aus dem Volke, die für das Volk in der Sprache des Volkes dichten und singen. Da sind vor allen anderen zu nennen : S. J. A b r.;: m o w i t s c h (Pseudonym : Mendele Mocher S'forim), der Zola der Jargonliteratur, dessen Werke wert sind, auch einem gebildeten nichtjüdischen Leserkreis zugänglich gemacht zu werden; der glänzende Humorist S. Rabino witsch (Pseudonym: Scholem Alechem); die Romanschriftsteller D ie n eso hn und Spektor und die Lyriker Frug und Rosenf eld. Vor kurzem sind auch einige jüngere Talente wie Gordin, Schalom A s h und Pinski nicht ohne Erfolg als Dramatiker hervorgetreten. Ich habe den Entwicklungsgang der Jargonliteratur kurz skizziert, um zu zeigen, dass sie eine „Literatur unter Bedingungen'" ist. Man schrieb und schreibt Jargon, weil, das heisstt solange das Volk keine andere Sprache versteht. fDie ersten Jargonschriftsteller waren aufrichtig genug, zuzugestehen, dass sie Jargon schreiben, um das Volk aufzuklären, zu bilden und — dem largon zu entfremden. ..Sollte eine Zeit kommen, in der die Juden aufhören, sich des Jargons als Umgangssprache zu bedienen, so würden wir uns glücklich schätzen." So schrieb Eleasar S chul m a nn, ein Freund der Jargonliteratur, in der Vorrede seiner kritischen Geschichte der jargonischen Literatur". Diese Auffassung teilten damals viele Jargonschriftsteller, und diese Zeit wird heute noch von vielen herbeigesehnt. Gegenwärtig ist die jüdische Schriftstellerwelt im Osten in zwei feindliche Lager ge->o.;;ien: in Jargonisten und Hebraisten. Der Kampf wird auf beiden Seiten mit grosser Heftigkeit geführt. Iii; r wird dem ..Jargon", dort dem „Hebräisch" das Todesurteil gesprochen. Früher hatten beide Sprachen das Bürgerte-.-ht im Ghetto: Jargon wurde gesprochen. Hebriisrh geschrieben. Nun will die Jargönntengruppe mit die-

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