Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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S-ite 12. ,Neue National-Zeitung' Nr. 35 sein DoppelsysU-ni aufräumen. Und während sie für den Jargon kämpft, ist die Jugend des Volk;*- bemüht, ihre Zunge in fremden Sprachen 'zu über. Man sollte sich von Augenblick—nrnmimgen Und Zeitströmiingen, die ebenso rasch 'vschwinden wie sie gekommen, nicht beirren lasst; . Es ist um den Jargon nicht .s.; glänzend bestellt v-.- es den Anschein hat. Zukunftsicher ist er nii ie im geringsten. Nach aussen hin macht er gegeic1 artig einen günstigen Eindruck■: er besitzt eine stetig wachsende schöngeistige Literatur, gediegene Wach' u- und Monatsschriften, eine Tagespresse und — eir. Lesepublikum. Kurz, al!e> ist vorhanden. Allen hinter den Kulissen ist das Bild minder erfreulich. Die Zahl der [argonsprechendeii vermindert sich \ . >:i dag zu Tag. Je mehr die jargonische Literatur wächst, je mehr jüdisch-deutsche Schriftsteller aufrauchen, desto kleiner wird die Zahl der jargonredendi n. Das eist eine merkwürdige Erscheinung, aber -ci lässt sich IÜcht leugnen. Man kann diesen Faü überall studieren, in Rußland wie in Gali/.icn, :<"- Wien wie in Berlin. Auf einer jüdischen Versammlung in Berlin, die fast ausschliesslich von ausländischen Juden frequentiert ist, kann man mehrere Spra iiii hören: Russisch, Polnisch, ja sogar Hebräisch — ..nur nicht Jüdisch". Die Jargonsch.iftsteller erinnern an die polnischen Schriftsteller in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts; sie schrieben polnilu aber in besserer Gesellschaft parlierten sie d« ': nur lranzösisch. Mr. Adler, ein hervorragen«I-.-r jüdischer Schauspieler in New-Vork, der den H ... Ict im Jargon spielt, soll sich in seinen Privatge-u:eichen nur in englischer Sprache unterhalten. Mau bedenke, .ein Mann, der den Sein- und Nichtser. Ah-nolog im Jargon spricht, spricht ausserhalb der lüihne dem ganzen Jargon da.--. Nichtsein l'rteih; ur der Lemberger jüdischen Bühne kann man miterleben, dass ein Jargojidrama in einem verhuu^r -.n Deutsch heruntergeleiert wird. Die Kinder der udi-chen Immigranten in England sprechen englisch, in Frankreich französisch; russische und galiziseh, Juden, die nach Deutschland kommen, bestreben sich, ein korrektes Deutsch /u sprechen. Die Kinder der jüdischen Kolonisten in Palästina sprechen hebräisch. Und wenn heute jüdische Studenten in Galizien besonders fleissig den Jargon reden, so ist die Sache keineswegs ernst zu nehmen. Sie betreiben dies als teZne Art Sport. Die Macht des Jargons hört bei ihnen gewöhnlich beim Doktorhut auf. Selbst Leute, denen die jüdisch deutsche Mundart eir. bequemer Hausschuh, jede andere Sprache ein -enger Stiefel ist — trippeln hebet im en.iren Stiefel einher .... £eitschFiften=Rundschau. Di« Armut unter den Juden in New-York. „Die Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" enthält in. ihrer Augu--,!numnc r 1.1. a. nachsteher.de Artikel: r. Dr. Maurice Etschberg (New-York): Die Armut unter den Juden in New-Vork. 2. Norbert Weidler 'Berlin!: Die Bevölkerungsbewegung des Jahres 1906 bei den Juden in Ungarn. 3. Doktor Hugo H »ppc (Königsberg' i. iPr.): Die Tuberkulose unter den Juden in London. 4. Dr. Arthur R u p p i n (Jaffa): Zur Einwanderungsstatistik der Vereinigten Staaten. Der erste Artikel verdient besondere Aufmerksamkeit. Er enthält eine sehr lehrreiche Statistik der grossen Armut in New-York, dieser Millionenstadt, nach der so viele Enterbte als nach einem Eldorado streben. Wie wenigen ist es aber vergönnt, hier das erträumte Glück und Vermögen zu «Webern? Insbesondere ist die Armut unter den eingewandertejrl österreichischen Juden verhältnismässig grösser al? unter den anderen Juden. In die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind in den Jahren 1883--1905 Juden eingewandert: .A5t70« oder b7,94f/„ au Hussland 192 809 „ 23,7t.% „ Oesterreich-Ungarn 43 757 „ 5,.h8°/0 „ Rumänien 16 619 „ 2/'4°/0 „ Deutschland Wenn wir jetzt die Zahl der Unterstützten nehmen, welche angaben, dass sie in den Jahren 1883—1905 in den Vereinigtet» Staaten eingewandert seien. s<> ergeben sich folgende Ziffern: 47Lö oder öl,nö% aller Unterstützten waren aus Russland 2826 „ 29,6 0/6 „ „ „ Oestr.-Ung. 342 „ 3 75% „ n n Deutschi. e5(» r 6.12% n n n R .mänien 8U2 „ 8.7vt° „ „ „ „ and. Länd. Wenn wir jetzt diese Prozentsätze vergleichen, so kommet* wir zu folgenden Resultaten: Einwanderer Unterstützte Russland 67.94% 5l,W>% Oester r.-Ungarn 23,7«)% 29,69% Deutschland 2,04 "/0 3.7ft% Rumänien 5,39% 6.12% woraus hcrv<irgeh(. dass die russischen Juden im Verhältnis zu ihrer Einwanderung in den Vereinigten Staaten den kleinsten Anteil an den UiitersHnzungcn haben, wahrend die deutschen, östenvi'hiseh-uiu ien und rumänischen einen grösseren Anteil daran haben, als im Verhältnis zu ihrer Einwanderungsziffer stände. 2 "11 aller Untet-stützten waren amerikanische JucUn, und es ist interessant, dass von den 10.015 Gesuchen 1191 oder 13.78",. v .n /.eilten waren, die weniger als 1 Jahr im Lande waren. 7038 oder 68.5 "0 waren weniger als 5 Jahre in Amerika und nur 178') oder 17.811» wären mehr als 5 Jahre im Lande. Man sieht daraus, dass die Einwanderer nach 5jähriger Ansässigkeit in Amerika aufboren, ein ,,Problem" für die Armcnfürsorge zu sein. Es ist bemerkenswert, dass auch in dieser Beziehung der russische Einwanderer wieder eine viel bessere Anpassungsfähigkeit zeigt als die Einwanderer aus den anderen, Ländern. So waren vun den 1191 Bittstellern, die weniger als 1 Jahr im Lande waren. 71+ lh.56% aus Russland 52 10,74% aus Rumänien 255 8,58% ans Oesterreich-Ungarn 170 19.18% aus anderen Ländern. Andererseits waren von den 1786 Bittstellern, die über 5 Jahre in Amerika waren, nur 686 oder 15.98% aus Russland „ 88 „ 18,14% „ Rumänien „ 627 „ 2),11% „ Oesterreich-Ungarn „ 384 „ 43,n9% „ Deutschland und anderen Ländern, woraus wieder hervorgeht, dass die deutschen und^ österreichischen Juden sogar nach längerem Aufenthalt in. Amerika mehr dazu neigen, die Wohltätigkeit in Anspruch zu. nehmen als der russische Einwanderer. Die Ursachen der Armut in den vorliegenden Fällen sind auch in mancher Beziehung bemerkenswert. Es ist beispielsweise bekannt, dass bei anderen Völkern Trunksucht die hauptsächlichste Verarmungs-Ursache ist. So verdanken ungefähr 25 °/o aller Almosen-Empfänger in den christlichen Wohltätigkeitsanstalten dem Trünke ihren ökonomischen Niedergang. Unter den 10.015 Bittstellern der vei-einigten jüdischen Wohltätigkeitsanstalten waren nur 44 oder 0,5 t^o, deren Armut auf Rechnung des Alkohols zu setzen ist: dagegen war bei 35°b Krankheit die Ursache. 11,630 0 der Totalziffer waren durch Tuberkulose arbeitsunfähig geworden. In der Tat wird d i e S c h w i n d s u c h t mehr und mehr eine der Haupt-Armuts- Ursachen der Juden in New-Vork. * In Krakau erscheint demnächst ein zweites antisemitisches Tagblatt unter der Leitung" des getauften Juden Dr. Leopold C a r >>. Das bereits bestehende Tagblatt ..(Hos Narodu" dürfte demnächst eingehen. Der Rassen-Antisemitismus dieses Blattes soll dem jetzt zur Blüte gelangenden Asemitismus ä la Stapinski Platz machen. * * * Der „Daily Telegraph" in London veröffentlicht seit einigen Wochen in der Samstag-Nummer eine Rubrik „Die jüdische Welt." Bisher hat dieselbe fast nichts anderes enthalten, als Auszüge aus den am vorangegangenen Freitag erschienenen englisch-jüdischen Blättern. In Chicago erscheint eine neue jiddische Wochenschrift ,.The Jewlsh Labor World".