Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ,Neue Nationäl-2eitüng!i Feuilleton. Nr. 3ä. 8. MEiSELS (CLarlotteuburgj: er $w§pn*) Ks ist nicht meine Absicht, über den Jargon Hne philologische Studie v.u schreiben. Jch möchte lediglich einiges über den Jargon bemerken, was in gewisser Hinsicht zur Aufklärung dienen kann. Denn gerade der Umstand,, da^s die Jargonliteratur in )üngster Zeit einen rapiden Aufschwung erfahren hat, könnte zu falschen Schlüssen verleiten. Was der Jargon ist, dürfte dem gebildeten Leser mehr uder minder bekannt sein. Kr ist jene jüdisch-deutsche Mundart, die die im Mittelalter aus Deutschland vertriebenen Juden nach den slawischen Ländern hinüberbrachten, sie den vorgefundenen autochthonen Juden, die dazumal ein slawisches Idiom sprachen, aufoktroyierten und mit der dem jüdischen Stamme eigenen Zähigkeit bis auf unsere Tage erhalten haben. Ein rein deutscher Dialekt ist er nie gewesen; eine grosse Zahl von Hebräismen war stets in ihm vorhanden; später kamen noch slawische Sprachelemente hinzu. Die Entwicklung dieses Dialekts vollzog sich auch nicht in einer geraden Linie, die ihm einen einheitlichen Charakter verliehen hätte. Durch die Zerstreuung der Juden in die verschiedensten Länder bildeten sich aus ihm allmählich mehrere, von einander sowohl in der Aussprache wie in der Schreibweise abweichende Mundarten heraus, so dass man heute von einem polnischen, litauischen, rumänischen, englischen und amerikanischen Jargon sprechen kann. Mehrere deutsche Gelehrte haben sich mit dem Jargon, seiner Grammatik und Orthographie (natürlich nur in wissenschaftlichem Sinne, da ein praktisches Lehrbuch der Jaigongrammatik und -Orthographie bis jetzt nicht vorhanden ist) eingehend belasst. Als erster unter ihnen dürfte wohl der bekannte Gelehrte und Begründer der hebräischen Studien in Deutschland, Johann ßuxtorf, genannt werden, der in seinem berühmten Buch „Thesaurus" (iboy) den Jargon näher behandelt. Bereits im Jahre 1540 ist vom getauften Juden Haarzuge das Evangelium in einer jargonischen Uebersetzung erschienen. Vier Jahre später gab der gleichfalls getaufte Jude Michael Adam, olfenbar durch die lutherische Bibelübersetzung angeregt, eine vollständige Jargonübersetzung der Bibel heraus. Freilich waren diese Versuche nicht aus rein wissenschaftlichem Interesse hervorgegangen, sondern sie sollten vor allem Missionszwecken dienen. Von neuern Forschern haben Franz Delitzsch in seinem Buch über die Geschichte der hebräischen l oesie, der durch seine kriminalistischen, kulturhistorischen und linguisii - sehen Studien verdiente ocluiftsieller Friedrich A v e- Lalle m ein in seinem .Werk „Das deutsche Gauner- *) Wie an anderer Stelle dieser Nummer mitgeteilt wird, findet diese Woche in Czernowitz die Jiddische Sprachkonferenz statt, au der die hervorragendsten Schriftsteller der jiddischen Literatur teilnehmen. Um unseren Lesern einen tieferen Einblick in das Wesen und die hohe Entwicklung dieser Literatur zu ermöglichen, veröffentlichen wir obigen Aufsatz aus dem soeben erschienenen Buche des Verfassers „AVestöstliche Miszelleu" (Xenien-Verlag zu Leipzig, lyüö;. tum", und August Wünsche in seiner Geschichte der jüdischen Literatur den Jargon mehr oder minder ausführlich behandelt. Von jüdischen Gelehrten haben sich unter andern mit der jüdisch-deutschen Sprache und ihrer Literatur beschäftigt: Zunz in seinen Gottesdienstlichen Vorträgen", Jost in seiner „Geschichte des Judentums und seiner Sekten", G r ä t z in seiner „Geschichte der Juden", l\ e ub a 11 e r in einem Aufsat/ in der „Revue des Etudes juives", Fürst in der Zeitschrift „Orient", Geiger in seinen „Nachgelassenen Schriften", Steinschneider in seinen Aufsätzen „Jüdische Literatur" und „Jüdische Typographien" (erschienen in Ersch und Grubers „Enzyklopädie"). ,Die literenschen Erzeugnisse in der jüdisch-deutschen Sprache bespricht recht ausführlich Gustav Karpeles in seiner „Allgem. Geschichte der jüd. Literatur". Ausserdem existiert eine jüdisch-deutsche Chrestomathie von Grün ha um und eine philologische Studie über den Jargon von Gerzon. Besonders erwähnenswert ist .Wieners Schrift: „The hisiory of Viddish literaturc in the nineieenth Century", die diesen Gegenstand einigermassen erschöpfend behandelt. Befremden muss es, dass einige jüdische Gelehrte vor..-. Jüdisch-Deutsch mit einer Verachtung sprachen, die in keiner [Weise zu rechtfertigen ist. Abraham Geiger spricht vom „ekelhaften Jargon"; Heinrich G rätz nennt ihn eine „halbtierische Sprache"; selbst Jost, der zugibt, dass die jüdischdeutsche Literatur einen überaus guten Einfluss auf die sittliche Gesinnung der Juden geübt hat, kann nicht umhin, den Jargon als „ein allem Geschmack hohnsprechendes Wortgemisch" zu bezeichnen. Diese Urteile beruhen zum Teil auf einer Unkenntnis dieses Idioms. Der Jargon klingt durchaus nicht missfälliger als jeder andere deutsche Dialekt. Schaltet man seine hebräischen Sprachelemente aus, so kommt er dem Hochdeutschen viel näher als das Plattdeutsche oder der „F-Nmkforuer" Dialekt. Es ist wahr: der Jargon ist von vielen Hebräismen durchsetzt. Die slawischen Sprachelemente im Jargon dürften kaum einen grösseren Umfang einnehmen als die französischen in der deutschen Sprache. Aber von hebräischen Worten wimmelt's direkt in der richtigen GhettOv.prache. Besonders gross ist die Anzahl von Hauptwörtern, die hebräischen Ursprunges sind. Dagegen weisen die Deklination und Konjugation im Jargon fast ausschliesslich deutsche Formen auf. Diese Verschmelzung des Hebräischen mit dem Deutschen bewirkt eine gewisse Geschmeidigkeit in den Ausdrucksformen, eine zwanglose Aneinanderreihung von Gedanken, eine Beweglichkeit im Stil, wie wir sie selten in einer anderen Sprache finden. Von Regeln der Grammatik unbelastet, bewegt sich diese Sprache leicht und frei; zwar etwas sprunghaft und flatternd, aber nicht wild und zügellos. Kerne Anarchie herrscht in ihrem Reiche. Sie besitzt ungeschriebene Sprachgesetze, die von niemandem erlernt und doch von jedermann gekannt sind. Jedes Wort findet seinen richtigen Ort und jeder Satz wird mit einer unbewussten natürlichen Gesetzmässigkeit gebaut.