Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-09-04 · Heft 35 (4.9.1908) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425757--0990-2427315
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

§eite 4. „fteue Mational-Zeitung*1 N*. 35. der Kampf ums Dasein von selbst. Und dann schwindet der Jargon, dieser Kauderwälsch. Ist er überhaupt eine Sprache? Hat er im jüdisch-deutschen Theaterich war oft dort, je andere als komische Wirkungen hervorgerufen? Ist es nicht eine Vermessenheit, die englische Weltsprache zum Vergleiche heranzuziehen? Ueberall, wo Juden mit einer höheren Kultursprache in Berührung kamen, verlernten sie allmählich den Jargon. Er wird schwinden und es ist heller Wahnsinn, dieses Gemengsei als Volkssprache festlegen zu wollen. Ich trage dem Zeit geiste gerne Rechnung, gehöre nicht zu den Verschrobenen. Der nationale Zug im Judentum hat etwas erfrischendes, belebendes, aber man kann sich leicht dabei verkühlen. Ich halte es zumindest für nicht opportun, zur Zeit, wo die antisemitischen Wogen im Lande am höchsten gehen, die Ruder waghalsigen jugendlichen Sportsnationalen anzuver - trauen, denen ich habe davon gehört nicht immer selbst die Sache ernst ist. Der Politiker: Nicht überstürzen, Gutester, so schlimm steht die Sache nicht. Uebrigens geht die jüdische Sprachkonferenz nicht von heimischen jungen Leuten aus. Es sind Wiener Studenten unier Patronanz des Dr. Birnbaum. Es ist für die Judenschaft unseres Landes nicht schlecht, hie und da aufgerüttelt zu werden. Man sollte solchen Man - nern Dank wissen. Und was die jungen Leute anbetrifft, ist es ein ganz prächtiges Materia], Avird unserem Volke nützen. Allerdings kann nicht alles gebilligt werden, was da unter nationaler Flagge verlangt und gefordert wird. Abwarten, abwarten. Sie werden schon Vernunft annehmen. Uebrigens, da kommt Herr X., ein gir.er Jude, er wird Bescheid wissen. Ich beschäftige mich, aufrichtig gesagt, mir s;> subtilen jüdischen Fragen zu eingehend nicht. Nur zur Information. Der gute Jude: Bitte, sehr gerne, sage ich meine Meinung. Ich bin ein Freund der jüdischen Sprache. .Jiddische" Sprache müssen Sie sagen, nicht Jargon. Er ist zu fördern. Aber nur als Mittel zur Verständigung mit unseren Volksgenossen. Nicht als Literatursprache. Diese Ansicht vertreten auch hervorragende Männer im Judentume. Unsere Sprache ist die hebräische. Unsere nationale Literatur ist die in hebräischer Sprache geschriebene. Die Jiddische Sprache (Jargon) soll bloss dazu benütz-t werden, den zurückgebliebenen Volksgenossen internationale Kultur zu vermitteln. Der alte Liberale: Sie hätten also dann zwei Sprachen. Das ist neu. Der gute Jude: Es fällt mir schwer, die Sache den Herren begreiflich zu machen. Der Kampf um Hebräisch oder Jiddisch ist ein viel erörterter und ich müsste weit ausholen. Die Herren sprechen über jüdische Fragen,, ohne informiert zu sein. Sie glauben doch nicht, dass mit der jiddischen Sprachkonferenz in Czernowitz diese Frage erst angeschnitten ist. Sie sollten doch wissen, dass die einen enragierte Anhänger des Hebräischen sind und den Jargon überhaupt nicht gelten lassen^ wollen. Als Literatursprache. — und dieser Meinung pflichte ich bei — schon gar nicht. Da der Jargon von einer höheren Sprache aufgesogen werden muss, ist es zwecklos, die Literatur zu pflegen. Wir hätten dann, wie Achad Haam meint, wenn noch die neue Nationalsprache der Umgebung hinzukäme, drei NMionalsprachen und zwei tote Literaturen. Die anderen sagen, die hebräische Sprache sei stets eine hieratische, die Sprache der Priester, der Gebildeten, der Bourgoisie gewesen. Die demotische Sprache ist das Jiddisch, weil es tatsächlich gesprochen wird. Die zahlreichen Dichter und Schriftsteller, manche von Weltruf, beweisen, dass Jiddisch literaturfähig sei. FAne dritte Gruppe predigt den Dualismus, Hebräisch und, Jiddisch, aber jenen Dualismus, der zu höheren Einheit führt. Das meine Herren, in Kürze zu Ihrer Information. Der Assimilant: Worte, nichts als Worte. Sie wollen das Judentum einigen? In der kleinen Gruppe der Yolksbeglücker sind also selbst drei Meinungen; schon in der Sprachenlvage. Der gute Jude: Wettstreit der Geister. Ein altes Kulturvolk hat stets viele selbständigdenkende Führer. Und die Synthese der vielen Meinungen kommt dann dem Volke zugute. Der Assimilant: Ich will auf die Frage, ob Hebräisch oder Jargon oder beides nicht weiter eingehen. Mein Standpunkt ist .bekannt: Anschluss au die anderen Völker. Ich betrachte die jüdische Sprachkonferenz vom lokalen Gesichtspunkte. Sie ist für mich ein Beweis, dass in der Bukowina bei den Juden manches nicht in Ordnung ist. Ich glaube, dass die Sprachkonferenz von einigen der einheimischen Jungjuden gefördert wird, um das eigene Personellen, durch den Rummel bekannter zu machen. Bei keinem Volksstamm des Landes führen Grünschnäbel und flaumbärtige Doktores, Führer ohne Volk, ohne jedwede Ermächtigung eine so vorlaute Sprache wie bei den Juden. Der gute Jude: Oho, oho! Sie sind der alte Raisonneur. Warum soll bei vden Juden etwas nicht in Ordnung sein, wenn einige junge Herren, sich hervortun \vollcn? jede Volksbewegung treibt Elemente in die Höhe, die wie Kork stets an der Oberfläche schwimmen, für die Volksarbeit aber trotzdem nichi mehr als Stöpsel, Schuhsohle oder dergl. bedeuten. Sic nützen nicht, sie schaden nicht. Weder sich, noch anderen. Ich verwahre mich dagegen, dass Sie den jüdischen Nachwuchs in Bausch .und Bogen verurteilen, i Der Stammtischvorleser: Weichen wir vom Thema nicht ab. Pst, pst. Herr N. kommt. Es wird eine Szene geben. Meine Herren, nur nicht per - sönlich werden. Der Assimilant: Ah, was, ich werde dieses jungen Studenten wegen mir Zwang auferlegen. Ich spreche wie ich denke. Terrorisieren lasse ich mich nicht. Stand da neulich eine;Gruppe junger Studenten, erzählte man mir, und als einer deutsch sprach, riefen die anderen: „Jiddisch, Jiddisch." Das ist unerhört. Jüdische Schmonzes höre ich gerne, aber die Sprache mir aufdrängen, lasse ich nicht. Der gute Jude: l'ebertreibungen oder schlechte Witze. Man muss nicht alles tragisch nehmen. Der Jargon hat für viele ,ctwas Lächerliches. Das ist wahr. Und das merkwürdige ,ist, dass sich Juden dabei am besten amüsieren. Beispielsweise bei den jüdischen Volkssängern. Näher betrachtet ist . es nicht einmal so schlimm. Ruthenische Witze hören sich bekanntlich auch im Original besser an als in der Uebersetzung. Wie das Volk weint und. lacht, kann nur in seiner Sprache verstanden werden. Der alte Liberale: Dann ist ja Jiddisch Volkssprache. Der gute Jude: Selbstverständlich. Der Student: Guten Tag, meine Herren, Haben Sie schon Karten für den literarischen Abend? Pcrez, Schalom Asch, Moris Rosenfeld u. a. werden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.