Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Neue National-Zeitung' Die JJrandl^atastrophe in (felschi. Belli 11, Ende August. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat einen .Berichterstatter mach T e ] s c Ii i entsandt, um genaue Informationen über den Umfang des Brandung] ücks zu erhalten. Der nachstehende Bericht zeigt, wie verheerend das Feuer gewütet hat; er enthält aber auch nähere Mitteilungen über die unheilvolle Rolle, die der Isprawnik Peschkow, der Leiter der Polizei des Kreises, bei dem Brande den Juden gegenüber gespielt hat. Er hat das Feuer in d e ji Die n s t des A n i i s e m i t i s m u s g e s \ eilt, statt löschen zu lassen. Dem an den Hilfsverein der deutschen Juden erstatteten Bericht entnehmen wir das folgende: „Aus Telschi zurückgekehrt, beeile ich midi. Ihnen einen Bericht über "die vom Feuer vernichtete Stadt ergebenst zu erstatten. Die Bezirksstadt Telschi (Gouvernement Kownoj wurde zweimal am 21. und 23. Juli, von einer Feuersbrunst heimgesucht. Der erste Brand zerstörte 70, der zweite 250 Häuser. Der Gesaimschaden wird auf 1.200.000 Rubel geschätzt. Die Stadt zählt 7000 Einwohner, 5500 Juden und 1 fjco Christen. Das Feuer hat an den genannten l agen so furchtbar gewütet, dass 4498 Personen \ on der Katastrophe in Mitleidenschaft gezogen worden -in 1, und zwar 4073 Juden und 425 Christen. Von Gebäuden der jüdischen Gemeinde sind abgebrannt: die Hauptsynagoge, zwei Bethäuser. eine „Klaus", das Rabbinatsh aus und die Jcschiwah. Der erste Brand wurde durch Unvorsichtigkeit verursacht; die Ursache des zweiten Brandes bleibt noch immer unaufgeklärt. Es hat sich ein — vom Kownoer Gouverneur bestätigtes lokales Hilfskomitee unter Vor.-dtz des Stadthauptes Herrn O. Ge 1 d 11 e r kons!ituiert, <lem angehören: Rabbiner Gordon, Rechtsanwalt BJoch, Dr. Broido, der Vorstehender jüdischen Knabenschule Garber und die Kaufleute R n b in o w i t z, P e r e ] m a n n, R o s t o w s k i. Die Juden in Tcls.dii gehören zum grossen Teile dem Handelsstande an und waren verhältnismässig gut situiert. Im Gegensat/e zu vielen ,.jüdischen" Städten des An.dcdlungsrayons hahe Telschi nur einen kleinen Prozentsatz armer Juden. Das lokale Unterstiitzungskomi.ee richtet sein Augenmerk vorzugsweise auf dD Rehabilitierung der geschädigten Kaufleuie. Von Bedeutung dürfen die Informationen sein, welche ich bezüglich des Verhaltens der Behörde während und nach der Feuersbrunst erlangte. Ich habe durch mehrere Zeugen festgestellt , dass der Isprawnik. Namens Peschkow. die Eöschapparate oft in sehr kritischen Momemcu ohne ausreichenden Grund den Judjn verweigerte. So nahm er zunächst die Feuerwehr für die Reichsbank in Anspruch, obwohl bereits alle .Wertsachen aus ihr entfernt und in Sicherheit gebracht waren; später, als aus der benachbarten Stadt Plungj.cn mehrere Löschapparate eintrafen, verhinderte der Isprawnik ihre Anwendung bei brennenden Häusern und liess sie um sein Haus aufstellen, das ganz ausser Gefahr war. Als einige Juden sich um Hilfe an ihn wandicn, schrie er sie barsch an und bedrohte sie mit Ohrfeigen .... Als er einen abgebrannten Juden weinen sah, ahmte er ihm nach und belustigte sich über ihn in rohester Weise. Zu meinem Bedauern war der Isprawnik jetzt nicht anwesend. Ich wandte; mich an das Stadtha u pt mit den Worten: „Man. munkelt, der Isprawnik habe die Rettungsarbeit vernachlässigt, und den Juden die erforderliche Hilfe verweigert. Können Sie mir vielleicht Aufklärung geben?" Darauf antwortete dieser: ,Nun ja, unser Isprawnik ist ein ausgesprochener Judenhasser. PT selbst sagte mir, c r erblicke in diesem schrecklichen Brande einen E r s a 1 z für einen Pogrom.' Ich erwiderte: „Fr beschuldigt demnach die Christen einer Brandstiftung, während die Juden selbst es ja nicht tun?!'* und erhielt zur Antwort: ,Der Isprawnik b e s e h u 1 d i g t sie -eir nicht, im Gegenteil, er * ' O / O 7 sagt, die Juden haben e.-> verdient . . . .' Ich nuiss bemerken, die Behauptung des Isprawnik, wonach der Brand eine Art Pogrom darstellt, entbchn jeder Grundlage. Sie ist aber charakteristisch im die liooliganische Gesinnung des Isprawnik, der die Christen gegen die. Juden aufzuhetzen und auch die Brandkatusfophe zu antisemitischen Zwecken auszubeuten suchte. Da das Stadihaupt mir die obigen Mitteilungen gemacht hai, sind sie als unbedingt zuverlässig anzus.« hen. Ich lese, das- Sie bereits 5000 Mk. für Telschi bewilligt haben. Ich möchte bemerken, dass in Kus.-Iand bei räch;'lehr S;.: unen für die ..gewesene" Stadt ge.-ammelt werd-n. grössere Sammlungen sieheu noch be\or. Auch aus Amerika wird gemeldet, dasdie dortigen zahlreichen luden aus Telschi eine giö.-vsere Aktion zu Gunsten ihrer Heimatstadt einleiten." Der I I iils\erein de deutschen luden hat in Gemeinschaft mit dem Frankfurter 11 ilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden unter Hinziii'iigung des Frgebnisses einer Spezial-Sammlung für Telschi in Königsberg, veranstaltet durch Herrn Simon F g e r namens les Hilfsvereins vorab 7000 Mark nach Telschi gesandt, und die weitere Beschaffung \ 011 Mitteln für die schwer heimgesuchte Stadt gemeinsam mit der Gijssloge für Deutschland, die gleichfalls bereits 1500 Mark für Telschi zur Verfügung gestellt hat, in die Hand genommen. S. KASSNER (Czernowitz): ©ie jüdische Jipr,achl<onfei*efi:z, (Gespräche.) Der Stammtischvorleser: Hören Sie. meine Herreu, was da einige junge Leute propagieren. FLine jüdische Sprachkonferenz soll in Czernowitz abgehalten werden und der Jar.,011 wird als Volkssprache aller Juden dekretiert werden. .Ein ungewolltes Jubiläum der Bukowina. Vor 10 Jahren zog man gegen unser Fremdenden!m!i zu Felde und ein Büchlein dedeutschen Sprach Vereines wollte die landschaftlichen Sprachfehler beseitigen. Jetzi ist das Judendeutsch der ,,Maa-e lUichlech"" auf der Tagesordnung. Tempora mutantur. Der alte Liberale: Aufwüchse, lieber Freund, nichts als Auswüchse. Man müsste einmal den chauvinistischen Flaumbärtcn gehörig den Text lesen und die jüdische Parteileitung sollte solche ,,kulturelle" Bestrebungen im Keime eivdcken. Die Zukunft der Juden liegt im Anschlüsse an die grossen Kulturvölker. Wir sollten unseten Religionsgenossen klar machten, dass sie die Sprachen der Volker, 'unter denen sie wohnen, erlernen, l'ebrigens bringt es