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Neue Nationalzeitung · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seito 10. ,Neue National-Zeitung' ^Petrilletoti. Nr 34. FELIX BROOOWSKl: Sittiches t^ind. iDeutsch von S. Horowitz.i i Schliis». > Ausser dem bischen Gesundheit (soviel, wie für den täglichen Bedarf. pf!< gte Simchowa zu sageni Int der wackere Simche auch ein wenig Schönheit für seine Tochter erwirkt. „Simche, hast du gut daran getan, dass du darum gebeten hast?" Und sie antwortete sieh selbst: „Ja, mein kluger und braver Mann Int gut daran getan." Und sie wiederholte: „Me;n Kind ist reizend." Aber diesem Gedaiktn folgte gleich d;e Einflüsterung einer bissigen Sorge. „Sie ist sehr schön. Ist dies aber einem Mädchen, das mit Tagesanbruch hinaus ins freie Feld, wo sich überdies verdächtige Kumpane aus den Vororten herumtreib'11, muss, nötig?" Der Landstreicher :ui. einer Vorortegemeinde, der sich jeden Augenblick in einen Angreifer verwandeln kann, war stets der Frau Simches Schrecken und Alpdrücken. Sie fürchtete weder die Bauern in den Dörfern, noch die Ziegel- und F\b\ iksarbeiter. nur diese verdächtigen Gesellen. Einem solchen fndividuum in einer öden Gegen ä* ein junges und hüb sches Gesicht zu zeigen, - das war eine gefährliche Sache. Das war der Grund, dass sie, ihre tägliche Wanderung antretend — beide. Mutter und Tochter, egal gekleidet waren fein böses Auge, möge nicht die Junge von der Alten unterscheiden1, dass sie die Köpfe immer mit Tücher bedeckt hatten, die auch ihr halbes Gesicht verhüllten. Sie waren ärmlich und grau gekleidet. Simcbowa hätte sich und die Tochter gerne mit dem Staub der Landstrasse bestreut, um nur zu verschw inden, und sich auf dem grauen Hintergrund unsichtbar zu machen..... — „Ich fürchte mich nicht so sehr", sagte Esther mir einmal. „Manchmal gehe ich allein. Freitag haben wir bei uns etwas mehr häusliche Arbeit, um also mit dem Gebäckaustragen früher fertig zu werden, geht die Mutter na~h einer Richtung, nach Ligowka, und ich nach der anderen, nach Czarny Borek." „Ist dir nie was zugestossen?" — „Nein. Nur einmal verfolgte mich irgend ein Betrunkener. Es war damals nach einem Regen ein grosses Wasser auf dem Weg, ich watete auf die andere Seite, dort sah ich ein Stückchen Ziegel, das ich aufhob und damit dem 'Menschen drohte Er Hess mich in Ruh. Er hat wahrscheinlich nicht so sehr vor dem Ziegelstein, wie vor dem Wasser Furcht gehabt." Als sie dies erzählte, war sie sehr angenehm und possierlich. „Wenn er sich aber entschlossen hätte, die Pfütze zu durchwaten, hätte Esther zur Selbstwehr vom Ziegelstein Gebrauch gemacht?" — „Aber wo, ich wäre vielleicht auf der Stelle vor Schreck gestorben, oder hätte ihn gebeten, dass er mich schneller totschlage." ,,l)as ist nicht gut. Man d irf s;eh nie sofort verloren geben; indem man sich wehrt, kann man wenigstens an Zeit gewinnen, und jemand kann zur 11 ilfe kommen." Esther schwieg eine Weile überlegend. — „Natürlich", sagte sie dann, „übrigens, weiss ich denn, wenn es wirklich schlecht wäre: möglich, dass ich keinen Schrecken empfände, vielleicht wäre ich dann imstande mich, w ie ein angegriffenes Kätzchen, mit Krallen und Zähnen zu wehren. Aber gottlob, niemand attackiert mich, es schaut mich s >- gar niemand an. Man glaubt irgend ein altes Weib mit verbundenem Kopfe." ,,Es ist aber peinlich, aus sich .immer etwas, wie eine Vogelscheuche zu machen", meinte ich. Sie brach in ein lustiges Lachen aus. — „Nu, nicht immer. Samstag kleide ich mich ein wenig anders." Als ich mich einmal an einem Samstag nach der Station N. begab, traf ich dort Esther im Feier tagsstaat. Es war dies vor Ankunft eines Zuges und che Sommerfrischler nach Zerstreuung suchend, lustwandelten auf dem Perron, und im nahen W äldchen. Ks waren dies vorwiegend Eslhers Glaubensgenossen, wenig Männer, viele Frauen, darunter auch hübsche Mädchen. Esther in einem schwarzen Kleid und einer blassrosa Taille war die schönste unter ihnen, und beinahe nicht zu erkennen. Auf einer Bank, in einem Winkel sass Frau Simche in einer Feiertagshaube mit Bändern. Du gute Witwe, wie leicht war es mir, den einzigen Gedanken, der damals durch ihr Hirn schwirrte, zu erraten. Du dachtest: » -■ „Entweder sind meine Augen nichts mehr wert, oder dieses mein Kind ist die schönste unter all diesen Frauen und?viädehen." Ich gab dir gerne Recht. Als ich Tags darauf Esther in ihrem schäbigen Alltagsgewand begegnete, konnte ich mich nicht enthalten, ihr zu sagen, wie hübsch sie gestern ausgesehen und wie vorteilhaft für sie der Vergleich mit anderen Frauen ausfiel. — „Wirklich? Ich danke Ihnen sehr. Ich hab' das noch nie von jemandem gehört." Armes Kind, das war also das erste. Kompliment in ihrem Leben. . . . * * * Ich erinnere mich nicht, ob ich später noch mit ihr gesprochen habe. Nein, bestimmt, es war dies das letztemal. Als ich sie dann sah, war dies nicht mehr die jugendduftende Esther, sondern ein armer lebloser Körper, auf einer Ackerscheide inmitten des reifen Getreides zusammengekauert und mit einer Binsenmatte zugedeckt. Ich schob die Matte zurück. Ich musste dies trotz des grausigen Moments tun, ich musste von Simches gutem Kinde Abschied nehmen. Ach, diese Tränenspur auf der mit Erde beschmutzten Wange. Was war geschehen? Nichts aussergewohnliches. Die betreffende Zeitungschronik besagte:

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