Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425756--0980-2427304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 34. ,Neue National-Zeitung' Seite 7. Sogar die Idee der Selbstregicrung* begegnet heute nur mehr wenig Murren. Es gab eine Zeit, da wir eine spezifisch anglo-jüdische Version der Nationalhymne zu hören pflegten: Herrsche Britannia, beherrsche die See, Juden bleiben Sklaven immer, immer wie von eh. Aber auch dieser Chor verstummt; er wird nicht einmal mehr in den Synagogen gesungen.! Die Leute haben endlich begreifen gelernt, dass die Tatsache, dass die englischen Juden sich der Freiheit erfreuen, kein Grund dafür ist, dass die Juden des Ostens in ewiger Sklaverei schmachten sollen. Sie begreifen auch, dass in Ermangelung einer jüdischen Armee, die fähig wäre, uns ein eigenes Königreich zu erobern, innerhalb einer Generation der höchste erreichbare Grad der Autonomie auf einem jüdischen Territorium immer noch das Abhängigkeitsverhältnis ni Grossbritannien in sich sehlies sc u muss. Selbst Talästina müsste die Oberhoheit des Sultans anerkennen. Es ist kein Territorium mit souveränen Rechten zu haben, ausser in den Tropengegenden, wo Juden nicht arbeiten und bestehen könnten. Wenn die ,.Ito" auf der autonomen Grundlage für die projektierte Kolonie besteht, so ist es, weil \diese allein ihre Gesundheit verbürgt. Mann kann ebensowenig ein Land der Zuflucht ohne autonome Grundlage schaffen, als ^an der holländischen Küste eine Stadt erbauen, ohne sie durch Deiche und Dämme gegen die See zu schützen. Ohne Schurzwehr ohne politische t)ämme — würde das Land der Zuflucht in einer einzigen Stunde fortgeschwemmt werden können. Die Lage der Juden in Russland. Man pflegte uns zu versichern, dass man unmittelbar vor der Lösung des russo-jüdis« hen Problems stehe. Warum so ungeduldig? In wenigen Tagen -oder Wochen würde Russland eine Duma haben und in weiteren wenigen Tagen oder Wochen würde die Duma den Juden Emanzipation gewähren. Ich' glaube, dass heute niemand mehr an dieses Traumbild glaubt, gewiss niemand in Russland. Die Duma ist'sogar noch antisemitischer als die Aristokratie Und Bureaukratie. Es ist noch nicht so sehr lange her, dass mein Freund Feinberg, der Generalvertreter der „Ica", feierlich erklärte, dass alle, die russische Juden dazu verleiteten, Russland zu verlassen, und zwar besonders zu Kolonisationszwecken, eine schwere Verantwortung auf sich lüden; u id dennoch las ich im heurigen Februar in der ..Jüdischen Wert" den Bericht über eine 1 nterredung mit Herrn Feinberg, in welchem eben dieser Herr Feinberg seine Schilderung der russischen Situation mit folgenden Worten schloss: „Für die Juden, die heute in der Provinz weder Sicherheit des Lebens noch des Eigentums haben, ist die Lage vollkommen unleidlich geworden." Er fügte hinzu, dass viele dieser In. glücklichen durch die Krise in Amerika ihrer letzten Hoffnung auf Befreiung beraubt wurden. Die allgemeine ökonomische Krise. .Wie ernst diese Krise in Amerika war, ist jedermann 'bekannt. Innerhalb der letzten sechs Monate hat die Bevölkerungszahl der Vereinigten Staaten, statt durch Einwanderungen zuzunehmen, tatsächlich abgenommen. Innerhalb derselben sechs Monate des Jahres 1907 betrug die Zahl der Einwanderer lim 600.000 mehr als die der Auswanderer. Niemand kann diese Krise tiefer beklagen als ich, nachdem Amerika das grosse Zufmchtsland der Juden bleiben muss. bis das ItoLmd bereit ist, sie aufzunehmen, aber sie beweist nur wieder, wie inivorsichtig es von uns ist, uns immer auf andere Länder zu verlassen. Auch Argentinien hatte eine ökonomische Krise zu bestehen und in diesem Jahre sind fast ebenso viele Juden vo-i dort ausgewandert, als hinübergezogen sind. Niemand beschäftigt sich intensiver mit dem Problem der Auswanderung als Herr Stettauer, niemand ist mehr erbittert über die Lage der Juden in Russland .ds er und dennoch äusserte er erst kürz!i<"'h mir gegenüber, dass du* industriellen Verhältnisse heute über dl derart sind, dass im Hinblick auf die-e die Juden, gerade so gut in Russland bleiben, mauswandern könnten. Die Abflüsse für die )\\-]\-- hen Emigr inten sind in der Tat alle verschlo—e::;T.-r im Begriff, gesperrt zu werden, und wenn de'.- jade nicht in .Russland eingepfercht und der Willkür dei Vereinigung echter Russen überl issen -\erden soll, so ist es unbedingt notwendig, dass \\\\ den ein eigenes Ansiedlungsgebict ersehliessen. Hoffnungslosigkeit in Rumänien. Das oben (de-a.uie -ilt aui h für die Juden in Rumänien, in Marokko und andere -Uet«; unterdrückte, stets auf der Wanderschaft begriffene Sektionen -unsere.-* Volkes. Die Rvrnui.ien sind sogar noch entschlossener, ihre Jude]» bt< zu u ca den als die Russen. Sie sind eine hingt. Nation, .die nach Einheit — reinen Hunder']>r rz-e,1 -Naiionalismus - strebt, und man weiss, wie ein -olche-. Verlangen nach nationaler Reinheit die Men-chen zu Teufeln und Narren macht. Die Rumänen scheinen in besonderem Masse zu dieser Form de- Walm.-'inns zu inklinieren. Warum sollte es iu Iihem Reichtum und jüdischer Diplomatie unmög'.i h sein, eine Znfluchtstärte für alle jene Juden zu gründen, die in ihren (ieburtsländem nicht leben können oder wollen? Ein solche- Territorium würde die Hälfte aller Sorgen und Probleme und mehr als die Hälfte der Almosen - und rnterstützungs^uslagen untrer Philanthropen- und Politiker aus der Welt schaffen. (SchJuss folgt.) ÖRRSSPONDeNZCN ©cstcmich-QngaFn. Der Kongress zionistischer Studenten. Semlin. den 18. Au^iM. i'Oj-ig.-Kon .i Für die Judenschaft der süd-!a\isehen Lander bedeutet der III. Kongress der zionistischen Hoehschüler und Abiturienten, der am 16. und i~. d. M. in Semlin stattfand, ein wichtiges Ereignis. Mehr als 80 jüdisch" Jünglinge aus allen südsiav is'iien Gauen - ans Kroatien. S'avonicn, Bosnien und Serbien - waren erschienen, um ihre Zugehörigkeit zum jüdisehen Volke zu dokumentieren und für die Idee des Zionismus zu manifestieren. Ind dies;; Manifestation nahm nieht nur einen glänzenden, sondern auch einen würdigen Verlauf. Eröffnet wurde der Kongress mit einer kurzen Ansprache des Kinberufers Singer < Semlin i. Ins Bureau wurden gewählt Bauer iEssek), K :i jon (Sarajevo), Kohn ■ Semlin), Spingarn 1 Essek 1 und S z e m n i t z 1'Semlin). Nach der Eröffnungsrede des Präsidenten B a u e r wurden ca. 100 Begrüssungsdepesehen verlesen, darunter vom Präsidenten der zionistischen Organisation \Y o 1 f f .-, o h 11. Im Namen des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.