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Neue Nationalzeitung · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. „Neue National-Zeitung' Nr. 84. auf den als Regierungsvertreter anwesenden Bezirkshauptmann die Anwesenden aufforderte, mir jeden Fall einer Willkür dieses Herrn anzuzeigen, damit ich diesen Herrn im Parlamente öffentlich festnagle. Man kann sicli vorstellen, welchen Eindruck eine solche Erklärung, der gegenüber der .Bezirkshauptmann machtlos war, auf die Anwesenden machte und wie dieselbe geeignet ist, 'das Prestige des Abgeordneten zu stärken. Als Freund der Jüdisch-Nationalen hätte ich gerne gesehen, wenn die -Mitglieder des Jüdischen Klubs die Provinz aufsuchen würden, um dort während der Vertagung des Parlamentes persönlich die Agitation zu leiten und die Organisation auszubauen. Ich muss Ihnen aber noch einen anderen Fall erzählen, als Beweis, dass die jüdische Bevölkerung in Galizien an uns aufrichtige und wahre Freunde hat und dass wir selbst leider manchmal im Stich gelassen werden, wenn es sich darum handelt, die jüdische Bevölkerung gegen Verfolgungen zu schützen. Es ist Ihnen wohl bekannt, dass Ende Juni die Abgeordneten Dr. Mahl er und Professor Ko- 1 e s s a wegen der Chikanen, welche die jüdischen Einwohner von Ulaszkowce anlässlich des dortigen Jahrmarktes mit Rücksicht auf ein angebliches Privileg des Grafen Lanckoronski zu dulden hatten, beim Minister des Innern interveniert haben. Leider war es erfolglos. Beide Herren haben darauf an den Minister des Innern Interpellationen gerichtet. Sie wissen, was mit Interpellationen geschieht. Sie fallen in den Papierkorb. Damit war für den Jüdischen Klub die Angelegenheit erledigt. Das Schicksal der Einwohner ,von Ulaszkowce war also eigentlich besiegelt. Wiewohl sie aus dem Verdienste der einen Woche ein ganzes Jahr leben müssen, durften sie nun ein für allemal weder selbst in ihren Lokalen handeln, noch ihre Lokale vermieten, noch auf ihrem Grund und Boden den mit dem Jahrmarkt verbundenen Handelsverkehr, Ausschank u. dgl. betreiben. Denn gerade jetzt, da in diesem Bezirke ein iRüthene und ein Jüdisch-Nationaler gewählt wurden, ist ein altes Privileg des Grafen Lanckoronski, von dem man sonst gar nichts gehört hat, ausfindig gemacht .worden. Das Schicksal der Einwohner von Ulaszkowce — fast ausschliesslich Juden — wäre somit besiegelt gewesen, wenn sich ihrer nicht unser Klubmitglied, Professor Kolessa, angenommen hätte. Derselbe begnügte sich nicht mit der Interpellation, sondern verfasste sofort einen Dringlichkeitsantrag und setzte den Minister des Innern in Kenntnis, dass der Antrag bereits von 22 Abgeordneten unterfertigt ist und morgen überreicht werden wird. Diese Mitteilung wirkte Wunder. Plötzlich begannen Ministerpräsident Beck tÄid der Minister des Innern Baron B i e n e r t h sich für die Sache zu interessieren und auf telegraphischem Wege wurde sofort die galizische iStatthalterei angewiesen, in LTlaszkowce das nötige zu ,veranlassen, damit die Juden nicht chikaniert werden. Prof. Kolessa begnügte sich jedoch damit nicht, sondern reiste selbst nach Ulaszkowce, um dort zu überwachen, dass die vom Ministerpräsidenten gemachte Zusicherung auch tatsächlich von den Organen der Bezirkshauptmannsehaft durchgeführt werde. | Sie sehen also: Es lässt sich unter Umständen auch für die Juden etwas machen, wenn man Energie hat." .... ®ie teFFftOFialisiische J$e\Vej3ungL (Eine Rede Israel Zangwllls.) London, Mitte August. Am 1. August waren es drei Jahre, seitdem der VII. Zionisten-Kongress das Angebot eines Landstriches in Ost-Afrika seitens der britischen Regierung ablehnte und dadurch eine kleine Schar der politischen Zionisten ver miasste, eine neue Organisation — die Ito — zu gründen. Wie jedes Jahr feierten auch diesmal die englischen Territorialisten den Jahrestag dieses bedeutungsvollen Ereignisses durch Veranstaltung eines? Massenmeetings im Londoner Pavillon - Theater^ Etwa 4000 Personen, aus allen Schichten und Klassen der Londoner Judenschaft strömten zusammen, um> ihrer Sympathie mit den Bestrebungen der territorialisti'schen Bewegung Ausdruck zu geben. Als Hauptredner trat der Präsident der Ito, Herr Israel Zangwill auf, der in seiner bekannten humorvollen, geistreichen Weise den augenblicklichen Stand der Bewegung und deren bisherige Erfolge, die Ergebnisse der von der Ito unternommenen Regulierung der jüdischen Massenemigration, sowie das Verhältnis zwischen den Zionisten und Territorialisten schilderte.; Ausser Herrn Zangwill haben auch Frau Zangwill und der Vorsitzende, Meyer A. Spielmann, das Wort ergriffen. Herr Spielmann begründete die Tages-Resolution, die folgenden Wortlaut hatte: ,,Die heutige, von 4000 Personen besuchte Versammlung unterstützt das Programm der Ito, welche ein Land auf autonomer Basis für diejenigen, zu finden bestrebt ist, die in ihren bisherigen Aufenthaltsorten nicht bleiben können oder wollen, ud ermächtigt den Vorsitzenden, diese Resolution den'leitenden jüdischen Organisationen mitzuteilen." Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Die Rede Zangwill hatte folgenden Wortlaut : Das Itoland. Wir sind versammelt, um den dritten Geburtstag der „Ito" zu feiern. Als unser Kind zu Basel das Licht der Welt zum ersten Male erblickte, war das Wetter heiss und stürmisch und kaum Einer hielt das Kind für lebensfähig. Die zionistischen Aerzte erklärten einstimmig, dass es mit seiner Konstitution nicht richtig und sein System ganz falsch sei. Seine Pflegerin nahm das Kind dann nach England mit, aber selbst dort war ihm die Milch menschlicher Güte nur kärglich zugemessen und es hatte unter einer grossen. Menge von Angriffen zu leiden. Aber trotzdem hat es alles überdauert und heute ist es, unbeschrien, ein schönes starkes Kind, und wenn ich behaupte, dass es alle Herzen gewonnen hat, so sage ich kaum zu viel. Mit Ausnahme der enragierten Zionisten kenne ich auf der ganzen Welt niemand, der ihm nicht das Beste wünschte. Es gibt allerdings Tausende von Juden, die zu träge und selbstsüchtig sind, um es zu unterstützen, aber selbst diese würden sein Gedeihen seinem Untergang vorziehen.

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