Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ,Neue Nadonal-Zeitung' Nr. 34. stellt. Von grosser politischer Tragweite wir jedoi h das Wohlwollen des Gross Herzogs nicht. Es genügte höchstens, um beim deutschen Kaiser Wilhelm II. die Audienz und dessen Palästina-Reise und einige konventionelle Redewendungen zu erwirken. Das/wir aber auch alles. Dann kam die ablehnende Haltung des englischen Königs, der sich weigerte, Dr. Herzl zu empfangen. Als Gegenstück dazu wäre wieder zu verzeichnen sein einmaliger Empfang beim Sultan infolge der Intervention V a m b e r y s, wobei der Sultan in sachlicher Beziehung, soweit Palästina in /Betracht kam, jede Konzession ablehnte. Also nach allen Richtungen diplomatische Mißerfolge und Enttäuschungen, gemildert hie und da durch eine persönliche Auszeichnung. Die zionistische Idee war nicht um einen Schritt ihrer Verwirklichung näher gebracht; Heimstätte und Charter blieben nur ein leerer Schall. Ahe gegenteiligen Versicherungen, die sich sogar zu der Erklärimg verstiegen, dass das Ziel unserer Sehnsucht schon in allernächster Zeit erreicht sein werde, waren daher nichts anderes, als eine bedauerliche I r r e f ü Ii r u n g der öffentlichen Meinung. Das war ja leicht möglich. Das Zauberw ort von der „Diplomatie" umgibt verschiedene Dinge mit einem Schleier, hinter dem ja ohnehin nichts steckt. Wem hat man eigentlich mit dieser „Diplomatie" imponiert. Der öffentlichen Meinung Europas nicht, auch nicht den besii/enden und intellektuellen Kreisen im Judentum, sondern höchstens den Aermsten, den wirtschaftlic h Schwachen und politisch .Entrechteten. Ihre Phantasie wurde erhitzt durch die bestimmten Verhcissungen, die sich bei näherer Betrachtung als ein Irrlicht erwiesen. | Und wer weiss, wie lange noch diese Spielerei, die den praktischen Bedürfnissen der jüdischen Volksmassen keine Rechnung trug, dafür aber von denselben unter den verschiedensten Titeln Geldbeiträge verlangt, dauern würde, wenn nicht endlich der Sultan eine Konstitution gewährt« hätte. Nun gehören alle bisherigen „diplomatischen" Mittedenen in die Rumpelkammer. Es muss hell werden! Das jüdische Volk, das nach Palästina will, wird den Weg zur Befreiung selbst finden. Die Zukunft des jüdischen Volkes wird nicht mehr auf zwei Augen gestellt sein und auch nicht von der Gnade eines Souveräns abhängen. Der politische Zionismus wird keine diplomatische und keine Bankfrage, sondern lediglich eine Frage der Verständigung zwischen dem jüdischen Volke und dem o 11 o 'm a n i s c h e n Reich e sei n. (FoiUtUung folgt.) Dr. S. R. Landau. ©as (fcstanicnt eines spaniolischen Millionärs. Von einem Spaniolen. Der vor einiger Zeit verstorbene türkische Grosshändler Abraham M. Elias, gewesener Zensor der österreichisch-ungarischen Bank, hat 400.000 Kronen für eine Stiftung vermacht, welche den -Namen „Abraham und Pauline Elias" führen soll. Ein Drittel der jährlichen Ertragnisse ist als Hehatsausstattungsstiftung an zehn Mädchen, ein weiteres Drittel für Stiftungen an Hodischüler und ein Drittel zur Errichtung von Betten im israelitischen Spital zu verwenden. Diese Mitteilung wurde vom Vize- Bürgermeister Dr. Neumayer dem Wiener Gemeinderat in der Sitzung vom 15. Juli 1. j. gemacht. Von einer Dankeskundgebung der Wiener Stadtväter für diese immerhin grosszügige und beträchtliche Stiftung war in den Zeitungsberichten nichts zu lesen. .... Also ein spaniolischer Jude hat in unserer Zeit und bei den in WTien hei: sehenden Zuständen dem antisemitischen Magistrat ein grosses Legat hinterlassen und bezüglich der zwei Drittel der testierten Summe nicht einmal die bei solchen Anlässen beliebte Formel „ohne Unterschied der Konfession", beigefügt, welche immerhin wie eine Entschuldigung an die Adresse jener rausende von jüdischen Armen und Bedürftigen anmuten würde, die von der Nutzmessung so gut wie ausgeschaltet sind. Und für das eine Drittel zu Gunsten des israelitischen Spitals hat dieser spaniolische „Philantrop" den höchst originellen Umweg gewählt, es durch die Vermittlung des antisemitischen Wiener Gemeinderats überweisen zu lassen. Dass der selige Multimillionär durch diese seine Sdftuug eine Demonstra.ion kundgeben wollte, ist liu jeden Kenner der Verhältnisse klar. Sowohl in ihrer Bestimmung wie auch durch die Form der Zuwendungen bedeutet die „Abraham und Pauline Elias' -Stittung ein unzweideutiges Misstrauensvotum gegen die türkisch-israelitische Kultusgemeindc, welche auf ein beträchtliches Legat nach dem verstorbenen Abraham M, Elias ebenso sehnsüchtig und hartnäckig wartete und hoffte, wie ein Delinquent bis zum letzten Atemzug auf Begnadigung hofft. Der Wahrheit die Ehre! Die türkisch-israelitische Kuhusgemcinde, der wir durchaus nicht die Stange halten wollen, hat ein Misstrauensvotum von dieser Seite nicht verdient, oder aber der seiige Testator war die Folgewidrigkeit in Person, Er, der Besitzer von ungezählten Millionen, der reichste Spaniole in Ost und West, der „grosse" Abraham M, Elias war auch zu jeder Zeit der allmächtigste Faktor in unserer Gemeinde, dessen Wink für jedermann, vom Vorstand angefangen bis hinab zum Haus - tneister, Befehl war. In seiner Macht stand es, von seinem Willen hing es ab, mit dem Schlendriansystem längst aufzuräumen, welcaer die einst so reiche Gemeinde eierartig tief herabkommen liess. Dass er diese seine Allmacht niemals zur Sanierung und Reiormierung der Gemeinde ausgeübt hat, beweist nur, dass es ihm entweder an Verständnis oder aber an gutem Willen dazu fehlte. Wozu also diese Demonstration in der Todesstunde, dieses Misstrauensvotum aus dem Jenseits? War er sich dessen nicht bewusst,