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Neue Nationalzeitung · 1908-08-21 · Heft 33 (21.8.1908) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 33 (21.8.1908)
Date
1908-08-21
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. £3. Feuilleton. FELIX BROOOWSKI: Fittiches Kind, (Deutsch von S. H o r o w i t z.) Es war dies eine kleine, öde Eisenbahnstation, — ein, trotz der Nachbarschaft einer grossen Stadt mit Brettern verschlagener Krähwinkel — ein Loch, welches w ährend des grössten Teiles des Jahres niemand, es sei denn zwangsweise, oder zur Strafe, besuchen möchte. Nur während der paar Sommermonate diente es als Sommerfrische. Vor mehreren Jahren hatte es gute Zeiten gehabt, bis eine andere Ortschaft in Mode kam und .die Station N. verdunkelte. Jetzt weilen dort den Sommer über nicht zahlreiche, weniger bemittelte jüdische Familien und manchmal irgend ein emeritierter Beamter. Auch ich verbrachte vor Jahren einige Zeit in einem Weiler in der Nähe von N. . . . Eine junge, sechszehn- oder siebzehnjährige Jüdin besorgte mit ihrer Mutter, einer bejahrten Frau, das Austragen von Gebäck in N. selbst und in einigen angrenzenden Dörfern, in welchen ausser den einheimischen Bauern Arbeiter einer benachbarten Ziegelei und (irgend einer Fabrik wohnten. Eines dieser göttlichen Geschöpfe, das man täglich sehen und nie — bemerken kann. Ich bin überzeugt, dass eine Menge Leute, die täglich Semmeln aus ihrem Korb wählten, weder .den Klang ihrer Stimme, noch ihre Gesichtszüge gut kannten. Würde man ihr einmal ohne Handkorb, anders gekleidet, nicht indem alltäglichen, blakierten, schmutzigen, unten kotberänderten Kleide, und besonders, ohne das schw arze Kopftuch aus Strickwolle, .begegnen, dann wüssten viele nicht, dass die Brot- .austrägerin vorbeigehe. Man kannte sie, wie man irgend eine Sache iennt. Jeder sieht ein, dass ein (Körbchen mit Semjneln nicht allein .von Haus zu Haus fliegen wird. Man muss sich damit abfinden, dass jemand es tragen müsse. Aber aufrichtig gesagt, interessierte die Leute nur der Inhalt des Korbes. Es gab stabile Abnehmer von Gebäck, die nicht einmal wussten, wie Mutter und Tochter heissen. Die Jüdinnen. Die alte Jüdin, die junge Jüdin. „Ich hab' .gestern kein Brot gebacken, ich muss es von der Jüdin nehmen", sagte man; oder: „Habt ihr nicht irgendwo die Brotjüdinnen gesehen?" Wenn sie eines Tages nicht zusammen, sondern jede für sich gügen, stellte man die Frage: „Von welcher Jüdin habt ihr heute Brot genommen?" — „Von der jungen? — nein, von der alten. Aber nein sicherlich von der jungen. , Uebrigens, ich weiss es nicht mehr recht." Sie waren zwar ganz gleich gekleidet, offenbar •aber, wäre uns bei einiger Aufmerksamkeit solch ein Zweifel unmöglich; wenn es aber passierte, beweist dies, wie weit die Personen der Austrägerinnen vden Leuten gleichgültig waren. Da imich weder die Form eines Brotlaibes, noch sein. Gewicht, noch ob die Rinde gerötet, oder blass ist, interessiert, konnte ich umso aufmerksamer die Austrägerinnen dieses Brotes betrachten. — „Gebäck aus der Stadt — Semmeln, Brot! werden Sie nehmen?" Hinter dem Fenster standen zwei Frauen, jede einen grossen Korb am Arm. Trotzdem, dass es ein warmer Junitag war, waren ihre Köpfe mit dicken Tüchern aus Strickwolle, wie bei Leuten, die im hohen Grade an den Zähnen leiden, umgewickelt. Aus den, von diesen schwarzen Hüllen nicht verschleierten Oefnumgen, guckten nur die Augen i\\k einem Teil vow Stirn und Nase hervor. Ein Augenpaar hatte ein gerötetes Geäder, einen trüben Blick, dunkle Ränder und in den Winkeln Runzeln. Das zweite Augunpaar hatte einen Reiz. Dieser Reiz war weich, etwas vom Weib und viel vom Kind, seine ganze Schüchternheit und sein ganzer keuscher, ängstlicher Wunsch zu gefallen. Einige Bäuerinnen traten näher. — „Frisches Brot, frische Semmeln!'* pries das Mädchen an. Nach beendetem Handel entfernten sich die Jüdinnen. Ich folgte ihnen mit dem Blicke, wie sie so dahin schritten. Wehmütige, nicht anziehende Silhouetten! Graue, schäbige Jacken, graue, schäbige Kleider - röcke; diese schwarz verhüllten Köpfe: die Gestalten, wie gebrochen! Die Last des Korbes am rechten Arm zwingt sie den Rumpf nach links zu beugen und den linken Arm auszustrecken. Blossfüssig, traten sie nur mit Anstrengung auf, mit den Fersen den Sand furchend. Sie verschwanden am Wegrande, den sie wahrscheinlich eingeschlagen hatten, um die Strecke nach dem anderen Dorfende abzukürzen. Seitdem sah ich sie täglich, und manchmal liess ich mich mit ihnen in ein Gespräch ein. * * * — „Aber ich hab' überhaupt gar kein Zahnweh!" Mein Verdacht, dass sie Zahnschmerzen habe, belustigte sie. — „Sie glaubten, dass ich ein angeschwollenes Gesicht habe?" Das Kopftuch bis unters Kinn zurückschiebend, enthüllte sie ihre zarten W'angen. Es war dies das Gesichtchen eines schmächtigen Mädchens, hübsch, aber ohne den kernigen und frischen Teint der Gesundheit. Sie würde noch elender ausgeschaut haben, wenn Wangen und Stirn nicht etwas goldig angehaucht wären. In ihrem Turban konnte sie nicht sonnengebräunt sein; die Sonne musste aber in die unverhüllte Oeffnung gucken, denn ihre Blässe war von einem goldfarbenen Schatten leicht angehaucht. Dafür aber waren die kleinen, hübsch gezeichneten Lippen von gar keinem rosigen Schimmer überzogen; sie sprachen allzu deutlich von Blutarmut. — „In diesem Tuch sehe ich garstig aus — ich weiss es", fuhr sie mit einer lieben Befangenheit fort. „Und die Leute traktieren mich immer mit Arzneien gegen Zahnweh." „Warum also verunstaltest du dich absichtlich?" — „So, aus Gewohnheit. Weiss ich es übrigens. Die Mutter würde Ihnen dac erklären." Ich wandte mich mit der Frage an die Alte, aber diese begann nur statt jeder Antwort mit den Augen zu zwinkern, in den Augen einen Ausdruck der Verlegenheit und Schüchternheit,,, die mir bei

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