Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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CUJfo ^<>. alten Menschen immer rührend erscheint, ver - bergend. Ich ward nicht zudringlich. Später fügte es sich von selbst, dass Simchowa*! manchmal recht gerne, ohne gefragt zu werden, etwas von sich und ihrer Tochter, „von unserer Not" erzählte. „Ach, diese unsere Not", das war ihr Spruch. * * * Diese unsere Not" begann — das ist leicht zv. begreifen in dem Moment empfindlich an, als Simche auf einem schwarzen Wagen nach dem Friedhof gebracht wurde. , Es war dies ein vom Misserfolg in einem Krämergeschäft und von einer langwierigen Krankheit sehr geplagter Mensch; so zart und von der Krankheit schliesslich r.o geschwächt, dass er im Gehen nur mit grosser Vorsicht auftrat, als trüge er in seinem Innern irgend ein überaus gebrechliches und kostbares Gcfäss. Nach dem Ableben des Mannes verblieb ihr, als einziges Gut, ihre Gesundheit. Im Töchterchen aber stak — ein trauriges Erbe nach dem Vater — ein sehr zartes, sehr gebrechliches Gefäss, vielleicht aus Glas oder aus Kristall, wie bei Simche, das eine ungewöhnliche Pflege und Sorgfalt erforderte, um nicht zu zerbrechen. Es war wahrlich nicht erst notwendig die Frau Simche anzueifern, dass sie auf die Kleine und ihre Gesundheit aufpasse. „Mein einziger Schatz." Dieses Wort erklärt alles. Anderseits aber genügt blosse menschliche Sorgsamkeit, nich'. von Gehl unterstützt, bei einem schwächlichen Kinde nicht. Wem also ist es zuzuschreiben, dass das Mägdlein trotz der argen Notlage nicht zugrunde ging? Wenn nicht dem Bestreben eines sterblichen Wesens wie die Simchowa noch war, doch wohl nur der Verwendung, eines unsterblichen Wesens, wie Simche schön damals war. Sicherlich — seiner Mühe. Nur ein Wesen, das schon den Tod durchgemacht, ihn sozusagen schon bezwungen hat, nur ein solches vermag die Sache irgend eines elenden irdischen Geschöpfes zu fördern. Und nur Simche war oben ein Fürsprecher für sein Töchterchen. Simche war also auch nach dem Tode seiner Familie nützlich. Aber die Witwe unteiiiess ihrerseits auch nichts: doch viel vermochte sie nicht fürs kränkliche Kind zu leisten, eben nur so weit, .wie ihre Kräfte reichten. Bis zum elften Jahre durfte Esther gar keine Arbeit in Angriff nehmen und sie verbrachte die Zeit grösstenteils im B?tt. JJa Esther aber wie jede Verhätschelte die Macht ihrer eigenmächtigen Herrschsucht fühlte, begann sie ihren Willen im Widerspruch zu den Verfügungen der Mutter geltend zu machen. Da sie aber ein gutes Kind war, machte sie von ihren Privilegien zum Schlüsse keinen Gebrauch. Eher im Gegenteil. — „Wie sieht das aus, dass solch ein grosses Mädchen wie ich der Mutter nicht aushilft. Ich wachse zum Gespött der Leute heran, und wird mich dann jemand heiraten wollen, wenn alle erfahren werden, dass ich zu nichts nutz sei. Ich werde die Mutter überzeugen, dass ich einen Korb voll Brot von unserer Wohnung bis nach der Ziegelei tragen werde .-rr und es wird mir nichts geschehen." t= „Meine" ^sther, tue das nicht, ich bitte dich sehr .darum." , y. J. . .. ••; / - i ■ ■ u ■ ' 1 . - ■ F«ci */Sim6bes. We&. 1 ',< :;; ,!! •v' — „Ich werde es aber ja tun", erwiderte sie,, der Mutter einen zornigen Blickzuwerfend und ergriff den Henkel des Korbes. Frau Simche wollte sie nicht reizen. Kränkliche Kinder darf man nicht reizen, und so sagte sie nichts, sondern nahm rasch aus dem Korb einige Brote, um ihn leichter zu machen. Nach der Ziegelei war es nicht allzuweit. Das Mädchen brachte die Last hin, indem sie der Mutter sogar zuvorkam und verbarg sehr geschickt ihr Keuchen, wie auch den Umstand, dass der Korb schliesslich ihren Händen, in denen sie einen grossen Schmerz verspürte, entglitten war. — „Nun ein Kunststück das", rief sie, die Tränen mit grosser Anstrengung zurückdrängend. „Wenn die Mutter will, werde ich den Korb noch weiter tragen." Frau Simche wollte davon natürlich nichts hören. In der Folge kaufte sie einen kleineren Korb' für Esther und nahm sie zum Gebäckaustragen nur im Weichbild von N. selbst mit, wie sie aber weiter, in die umliegenden Dörfer gehen sollte, schickte sie das Mädchen nach Haus. Zwar presste auch jener kleine Korb der Kleinen manchmal Tränen heraus., aber niemand bemerkte sie ja. Es verstrichen einige Jahre. Simches Tochter hatte sich vollständig emanzipiert, das heisst, dass sie überallhin bis ans Ende des letzten Weilers, wo man nur von ihnen Gebäck kaufte, ging, dass ihr Korb nicht kleiner, als der ihrer Mutter war, und dass sie jetzt verstohlen aus dem Korb der Mutter einige Laibe in den ihren legte, um der Alten zu erleichtern. .... Diese neue Sachlage hatte zuviel gute Seiten, als dass Frau Simche murren sollte. Zunächst freute sie der .Anblick des Mädchens, das die Last des Brotkorbes bewältigen konnte. Es war solch ein kränkliches Kind — und schaut, was für kräftige Gehilfin sie jetzt ist. Ferner erfüllte die fortwährende Anwesenheit der Tochter auf den Wanderungen die Mutter mit einem angenehmen, obwohl wenig beuussten Gefühl einer stillen inneren Freude. — Früher, wenn sie allein von Dorf zu Dorf, zwischen den schweigenden Feldern ging, wurde sie von einer anderen Empfindung — der Sorge, der Unruhe um die Kleine, oder einer Sehnsucht, ohne konkreten Grund, heimgesucht. Dann erinnerte sie sich an Simche, und wirre Gedanken über das Jenseits schwirrten durch ihr Hirn. Jetzt wurde sie von derartigen Vorstellungen nicht mehr belästigt. Zu zweien ging es sich viel besser. Die Beine tragen anders und die Hände empfinden nicht so sehr die Last. Im Sommer, wenn sie ermüden, ruhen sie auf einer Ackerscheide aus. Das Korn zu beiden Seiten verhüllt sie vor der ganzen Welt: sie wähnen, es sei dies ihr eigener Winkel, wo kein zudringlicher Blick sie belästigen wird. Darin liegt solch eine Annehmlichkeit, dass die Müdigkeit sofort weicht. Esther steht auf, .vergisst an den Brotkorb und die Getreideähren behutsam auseinanderschiebend, sucht sie Kornblumen. Fühlt sie dann, dass jede ihrer Bewegungen von den mütterlichen Blicken geliebkost und geküsst wird? Die Alte denkt nicht viel,.,da£ür aber empfindet ihr ganzes Wesen die Süssigkeit des Momentes und überdies eine grosse Dankbarkeit für jemanden. Dabei wiederholt sie für. sich v y,Meäüt Kind lebtr ist. gesund und pflückt Kornblumen." . , i; , {Schhiss folgtj!;r . *