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Neue Nationalzeitung · 1908-08-21 · Heft 33 (21.8.1908) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 33 (21.8.1908)
Date
1908-08-21
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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»r. bar an diesem See, gegenüber einer kleinen Insel, auf der in einem armenischen Kloster 22 Mönche von der Welt abgeschnitten, ein faules und einsames Leben führen, liegt J e 1 enowka, das merkwürdigste Judendorf der Welt. Alle Juden, die hier wohnen, waren früher Christen. Sie haben ganz das Aussehen von russischen Bauern, ihre Vorfahren gehörten zur russischen Sekte der sogenannten Subotnik ... In alten Zeiten duldete man die Subotniki in Russland, namentlich deshalb, weil die Frau des Zaren Iwan des Schrecklichen zu dieser Sekte gehört hatte. Vor etwa sechzig Jahren aller wurden alle Anhänger dieser Gemeinde aus dem Innern Russlands an die persische Grenze verbannt und ihnen bei Todesstrafe verboten, in das Innere des heiligen Russland zurückzukehren. Aeusserlich ging es den Leuten bald sehr gut. Sie sind fleissige, tüchtige Bauern, aus deren Arbeit blühende I )örfer mitten unter den trägen Tartaren und Persern ihrer Umgebung erwuchsen. Sie brauchen bei ihrem Gottesdienste nur die jüdischen Gebetbücher, die unter den Juden Russlands allgemein üblich sind, mit dem hebräischen Text auf der einen und der russischen lÜbersetzung auf der anderen Seite. Auf das strengste halten, sie alle jüdischen Feiertage. Ks ist ein ganz merkwürdiger Anblick, die russischen Bauern in den weissen Gebetmantel gehüllt, in schaukelnder Bewegung, wie sie bei den Juden üblich ist, am Sabbat in ihren kleinen Synagogen dicht gedrängt beim Gottesdienste mit genauester Kinhaltung der Lithurgie zu beobachten. Ohne dass man in Europa Näheres darüber gehört hätte, sind in den letzten 25 Jahren über 5000 Christen Juden, geworden. ,,Wir sind zwar ,,Gerim'" und stammen nicht dem Leibe nach von Abraham, aber wir halten ebenso fest an der jüdischen Religion, wie irgend ein Jude in der ganzen Welt", so ist die typische Redensart dieser Neujuden. Von alVn Juden, erzählt Faber, die ich auf meinen Refecn durch fast alle Länder können lernte, sind die jüdischen Proselyten des Dorfes Jclenowka die fanatischesten. Vielfach verheiraten sich diese Juden gewordenen Russen mit Juden. Während noch vor zehn Jahren die Juden diese Proselyten nicht als ihresgleichen anerkennen wollten, gelten sie jetzt schon in den Augen der meisten russischen Juden als richtige Glaubensgenossen, denn wen". Hebräer durch Jclenowka oder das benachbarte, ebenfalls von proselyten bewohnte Dorf Simonowka kommen, machen sie stets ihren Gottesdienst mit. Die Juden in China. Mr. Hollmann, ein amerikanischer Gelehrter von Ruf, hat vor kurzem eine Studienreise nach China gemacht und interessantes Material über eingeborene chinesische Juden gesammelt. Danach existiert in dem Orte Kai Feng Fu bereits seit etwa tausend Jahren eine jüdische Kolonie, über deren Herkunft natürlich nur Vermutungen bestehen. Hollmann glaubt aus einer Tafel schliessen zu dürfen, dass die Juden zum erstenmale gegen das Jahr 500 v. d. üblichen Zeitrechnung in China erschienen sind und dass das westliche Persien ihre Heimat ist, worauf eine Anzahl persischer Worte, mit denen die Sprache der chinesischen Juden durchsetzt ist, hindeutet. Jedenfalls glaubt er nicht, dass sie, wie viele vermuten, von den „Zehn Stämmen" abslammen. Vom Jahre 878 an finden sich zahlreiche Hinweise auf diesen jüdischen Stamm. Ein arabischer Schriftsteller erwähnt sie unter den Sekten, die in einem grossen Blutbade bei Khan-Fu aufgerieben wurden. Aber in den Jahren 956 und 958 finden sich Zeugnisse, die von grossen Ehrungen der Juden durch chinesische Disrriktsbeamte berichten, die sogar 1103 die Errichtung einer Synagoge in Kai Feng Fu gestatteten. Seitdem haben sich die Verhältnisse innerhalb der Sekte sehr verschlechtert. Ein Missionar fand im Jahre 1866 ein völlig verarmtes Volk vor. Erst 30 Jahre später wurde eine Gesellschaft zu ihrer Erhaltung gegründet, und 1902 begab sich auf eine dringende Einladung der Juden in Shanghai eine Abordnung der Juden, bestehend aus 8 Mann, nach dieser Stadt. In ihrer Ausübung der jüdischen Religion sind sie wegen der krassen Abweichungen kaum noch von den anderen Juden als Glaubensgenossen anzuerkennen. Doch kann .auch bei ihnen von einer Assimilierung und Annahme des chinesischen Kultus nicht die Rede sein. Ein Brand in Jerusalem. Im LTrphalimviertel ist Freitag den 17. Juli, um 3 Uhr nachmittags, ein Feuer ausgebrochen, welches binnen kurzer Zeit 30 Häuschen und Hütten verzehrte. Die Urphalim sind persische Juden aus Cr Kasdim im türkischen Kurdistan, die vor vielen Jahren nach Jerusalem kamen und hier als schlichte Arbeiter, Lastträger, Steinhaucr und Maurer ihr Leben fristeten. Durch Fleiss und Genügsamkeit haben sie es im Laufe der Jahre so weit gebracht, dass jede Familie ein eigenes Häuschen aus Holz und Blech sich errichten konnte. Nun sind diese Zelte mitsamt der bescheidenen Habe der Armen .ein Raub der Flammen geworden, und etwa 30 Familien haben dadurch ihr Obdach verloren. An der Brandstätte haben Militär und Nachbarn sich bemüht, alle mögliche Hilfe zu leisten und auch die Löschapparate des Schaare-Zedek-Hospitals und der Allianz haben sich an den Rettungsarbeiten wacker beteiligt. Leider konnte man es nur verhindern, dass das Feuer nicht weiter um sich greife. Indem es knapp vor Sabbath war, musste rasch dafür gesorgt werden, dass die Unglücklichen wenigstens die nötige Nahrung und ein Nachtasyl erhielten. Unter den Nachbarn w urde söhnt eine Sammlung von Nahrungsmitteln veranstaltet und dank den Bemühungen guter Menschen waren die Verunglückten für Sabbath und noch einige Tage mit dem alle-mutigsten \ ersorgt. Die Obdachlosen wurden teils im Beih-Ilaniidr.es ii Ära 111 Zoha, teils bei ihren Verwandten und Bekannten untergenraclu. Der Brandschaden wird auf 20.000 i* res. geschätzt. Em Cnglück an AI enschenleben ist Gott sei Dank nicht zu beklagen. I ntcr dem Vorsitz des Chachim Baschi hat die.-er Tage eine Beratung stattgefunden, in welcher Weise man den verunglückten Familien hellen könnte. Es wurde beschlossen, von einer grösseren Aktion im Auslande derzeit noch abzugehen. Der Brand in Konstantmo|jel. Das grosse Hilfskomitee, das sich auf Anregung des Hiltsver ines der Deutschen Juden anlässlich der B r a n d k a t a s t r o p h e in Ilaskieu (Konstantinopel; unter dem Elnvnvorsit/e Sr. Eminenz des Ch 1cham Baschi Moise Halevy gebildet hatte und das aus den beisteuernden Organisationen und den angesehensten Glaubensgenossen in Konstantinopcl besteht, nimmt jetzt, nach dem die I iTifsbedürftigkeit der Betroffenen und der Verteilungsplan im einzelnen genau festgestellt ist, die Schlussverteilung der Gelder vor. Die Entschädigungssummen sind in rationeller Weise nach dem Grade der Bedürftigkeit abgestuft. Die Komiteeiniiglieder haben in aufopfernder Arbeit nunmehr den ersten Teil der Aufgabe gelöst. Ausser dem C h a c h a 111 Baschi, der gleichzeitig der Ehrenpräsident des Lokalkomüees des llilfsv cremes der Deutschen Juden in Konstantinopcl ist, gehören dem Komitee noch an: Rabbiner Dr. D. F. Markus, Direktor der Schulen d, 3 llilfsvereines in Konstantmopel, Sc. Exzellenz Belu.r Ef feudi, membre du couseil d'etat; Se. Exzellenz Jacques Bey de Leon, Präsident des M e g 1 i g A m u m i, Kurator der Schulen des Hiltsvereines der Deutschen Juden zu Konstantinopel; Se. Exzellenz Dr. Isaac P a c h a M o 1 h o, Divisionsgeneral; .1. F er :i an de z, Präsident der Alliance lsiaelite Universelle in Konstantinopcl; Dr. med. S. W e 1 1 i s c h, Medecin sanitaire en che! de l'instruction publique und Mitglied des Sehulkomitees des Hilfsvereines der Deutschen Juden in Konstantinopel etc. etc. Da die Nachwirkungen des gewaltigen Schadenfeuers, das einen ganzen Stadtteil in Asche gelegt hat, noch lange fortdauern werden, macht sich das Bedürfnis nach einer Hilfeleistung dauernder Natur stark fühlbar. Gemäss einem Vorschlage des lliilsvei eines der Deutschen Juden wird daher jetzt die Begründung einer Kreditkasse erwogen, die mit den noch zur \ eriugung stehenden Mitteln finanziert werden soll. Aus den Beiträgen, die der Hilfsverein der Deutschen Juden und die Alliance Israelile Universeile in Paris gewährt haben, wird \ oraussichihch diese Kasse gebildet werden. Da es sich darum handelt, den Aermsten der Bevölkerung aulzuhelfcn, kann eine solche Kasse mit verhältnismässig kleinen Mitteln grossen Segen stiften. Die Auswanderung nach Canada. Die englis-iie Botschaft in Wien hat von ihrer Regierung die Nachricht erhalten, dass Canada für diese Saison mit Fisenbahnarbciterii reichlich verseilen und für diese Kategorie vmi Auswanderern dort keine B e s <-h ä f t i g 11 n g zu finden ist. Einige Aussichten bieten sieh dort jetzt allenfalls nur für geschulte landwirtschaftliche Arbeiter, für Landwirte, die die Mittel besitzen, eine homestead iIIcüu teile, zu übernehmen und anzukaufen, und für weibliche Dien-,:1. ten. Auf Grund anderweitiger vurlässheher Xa' hrichten wird ferner bekanntgegeben, dass die canadische Regierung die im Herbste vorigen Jahres erlassene, ursprünglich bloss für die Wintersaison bestimmte Verordnung, wonach jeder Einwanderer bei der Landung den Besitz von mindestens 125 K nachweisen muss. bis auf weitres aufrecht erhält. Die strikte Einhaltung dieser Verordnung ist allen kompetenten Behörden und Organen sl ( eng zur Pf lieht gemacht. Infolgedessen sind in neuester Zeit viele Kalle a org'ekoinmen, dass Einwanderer, namenllieh solcheaus G a! i z i e n. die den Besitz von 125 K n i c Ii t n a c h u c i s e n konnten, von der Landung ausgesehlosscn und zur Heimkehr in die Heimat mit demselben Dampfer gezwungen wurden. Das fortwährend noch andauernde Zuströmen mittelloser Auswanderer hat die in letzter Zeit ohnehin ychr traurige Lage unserer Auswanderer noch verschlechtert.

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