Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Neue National-Zeittmg" Nr. 33. ©ie |Judetihetze in de* föul<o\vina. (Von unserem KorrespondeateH.) Czernnwitz, Mitte August. In der Bukowina herrschen jetzt die verworrensten politischen Verhältnisse. Seit 1V2 Jahren konnte der Bukowinaer Landtag nicht einberufen werden, weil die Regierung und die Parteien sich eine, gedeihliche Arbeit von diesem Landtage nicht versprachen. Die persönlichen Gegensätze zwischen den Führern der Rumänen (Aurel v. O n c i u 1) und der Rüthenen (Nikolai v. Wassilko) sind stark zugespitzt. Zur Verwirrung der Situation hat auch die stark um sich greifende christlich soziale Bewegung beigetragen. Es scheint, dass der Anschluss der rumänischen Reichsratsabgeordneten an die christlichsoziale Partei im Parlamente offiziell noch nicht erfolgt ist, obwohl faktisch zwischen den Rumänen und den Chris: lichsozialcn eincngerZus a m m e n h a n g besteht. Jüngst fand im hiesigen rumänischen Nationalhause eine Art Nationalversammlung statt, in der nach einer lebhaften Debatte beschlossen wurde, das „wirtschaftliche" Programm der Christlichsozialen zu akzeptieren, sich aber in religiösen und nationalen Fragen freie Hmtd zu lassen. Dieser Vorbehalt ist aber keineswegs in favorem judacorum zu verstehen. Denn im Judenpunkte befinden sich die Rumänen in rührender Lebereinstimmung mit den Vorkämpfern der Christiichsozialcn. Dieser Vorbehalt hat nämlich seine eigene Geschichte. Von irgend einer Seile wurde ausgesprengt, dass die Christlichsozialen, und zwar Br. Morsey auf Seelenfang ausgehen und die griechisch-orthodoxen Rumänen des Landes „katholisieren" wollen. Br. Morsey soll dies rumänischen Abgeordneten gesagt haben, Br. Morsey soll auch dem Dberhaupte der griechisch-orthodoxen Kirche, dem Erzbischof von Repta gegenüber gelegentlich einer Sitzung des Herrenhauses eine beleidigende Geringschätzung bekundet haben. Diese Nachricht wurde von den deutschen und ruthenisehen Blättern aufs geflissentlichste verbreitet und breitgetre-en, um einen Zusammenschluss der Rumänen mit den Christlichsozialen zu verhindern. Diese Nachricht schien umso wahrscheinlicher, als der in Rumänien erscheinende „A deveru 1" den hiesigen sozialdemokratischen. Abgeordneten G r i g o r o v i c i interviewte und sich von ihm eine Bestätigung aller Gerüchte holte. Das Interviewwurde wieder i:i allen Blättern abgedruckt, so dass die ganze Geschichte an,Glaubwürdigkeit gewann. Die rumänische Nationalversammlung beschlöss wohl nun den Anschluss an die christlichsoziale Partei, machte aber ihren oberwähnten Vorbehalt, um sich' vor der Proselytenmachcrei der katholischen Kirche zu schützen. Die politisch Einsichtigen haben aber dem ganzen Katholisi.erungsrummel keine Bedeutung beigemessen und haben die Morseyaffaire als das erkannt, was sie wahrscheinlich ist — eine Finte gewisser Politiker, die einen Anschluss der Rumänen an die übermächtige christlichsoziale Partei um jeden Preis verhindern wollten. War auch der Zweck löblich, das Mittel erschien aber ziemlich ungeeignet, ja sogar schädlich, weil der Rückschlag umso stärker wirkt, als sich nach den Dementis des Br. Morsey, des Erzbischofs v. Repta und- — des Abgeordneten Grigorovici herausstellt, dass an der ganzen Geschichte kaum ein Körnchen .Wahrheit ist. Selbstverständlich müssen die Juden für die politischen Finten anderer büssen, das Geschimpfe Und die Hetze des antisemitischen „Bukowinaer Volksblattes" und der rumänischen Zeitungen ist masslos. Die Landesregierung und der von den Juden gefeierte Landespräsident Regner von B 1 q y 1 e b e n rühren nicht eine Hand zum Schätze der Jude n, die Staatsanwaltschaft, die es auf die sozialdemokratische Presse scharf hat, ist gegenüber dem „Bukowinaer Volksblatte" mit Blindheit geschlagein, obwohl dasselbe zu Hass und Verachtung, zu Todschlag und Mord gegen die Juden aufreizt. Der jüdische Einfluss ist bei der Landesregierung nullifiziert. In der Provinz sieht es sehr bedrohlich aus, weil rumänische Hochschüler während der Ferien das Land durchziehen und in allen Dörfern gegen die Juden aufreizende Reden halten. In der Stadt Czernowitz ist zwar die Gefahr geringer, der christlichsoziale Einfluss wird sich aber bei den im Herbste bevorstehenden Gemeinderatswahlen stark bemerkbar machen. Die Juden dürften einen schweren Stand haben, um ihren Besitzstand'zu wahren, umsomehr als das Gros der ausscheidenden jüdischen Gemeinderäte im ersten und zweiten Wahlkörper zu wählen ist, in denen die Juden durch andere Nationen stark majorisiert werden. Immerhin wäre die Situation der Juden nicht aussichtslos, wenn es gelingen könnte, die Juden vollständig zu einigen. Schliesslich muss ich noch bemerken, dass die offiziellen Führer der Juden bis heute,im Lande noch immer nichts getan haben, um die Judenschaft zu organisieren und den Bestand einer eigenen jüdischen Presse sicherzustellen. Noch immer wird das Judentum masslos beschimpft, ohne dass wir ein Mittel haben, um wenigstens die Ehre zu retten. Gerade der jetzige Zeitpunkt wäre sehr geeignet für eine Art von offensiver Defensive. Die Korruption in Stadt und Land stinkt zum Himmel und nicht Juden sind es, die blossgestellt sind. Eine gute jüdische Presse könnte durch Anführung wahrheitsgetreuer Tatsachen der christlichen Bevölke - rung die Augen öffnen über den iwahren Wert der christlichsozialen Beglücker; trotzdem geschieht noch immer nichts. ©estemich-@n£aFn. Jiddische Sprachkonferenz. Czernowitz. Das vorbereitende Komitee der „Jüdischen Sprachkonferenz" versendet folgendes Zirkular: Um die Entwicklung der jüdischen Sprache zu fördern, wird für den 3.—7, Elui (30. August bis 3. September 1908) eine Konferenz nach Czernowitz (Bukowina) einberufen, auf der folgende Themen zur Behandlung gelangen werden: 1. Jüdische Orthographie. 2. Jüdische Grammatik. 3. Fremdworte und Neubildungen. 4. Jüdisches Wörterbuch. 5. Jüdische Bibelübersetzung. 6. Die jüdische Jugend und die Jüdische Sprache. 7. Jüdische Presse. 8. Jüdische Bühnen und jüdische Schauspieler. 9. Die ökonomische Lage der jüdischen Schriftsteller. 10. Oekonomischc Lage der jüdischen Schauspieler. 11. Die Anerkennung der jüdischen Sprache. 12. Literarisches Eigentum und sein Versicherungsrecht. —- Wer an dieser Konferenz Anteil nehmen will, möge seine Adresse der ' „Jüdischen Sprachkonferenz, Czernowitz" bekanntgeben und für die Kosten der Vorbereitung den Betrag" von 5 Kronen einsenden.