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Neue Nationalzeitung · 1908-08-21 · Heft 33 (21.8.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 33 (21.8.1908)
Date
1908-08-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. sehen Juden: Und in Wirklichkeit muss man geradezu staunen über die Summe von Intelligenz und Wissen, durch welche unsere entrechteten Stammesbrüder aus Russland sich auszeichnen. Ks waren wahrhaft genussreiche Stunden, die ich im Bad Landeck in Gesellschaft dieser intelligenten und ausserdem auch talmudkundigen Juden aus Lodz und ■■ anderen Städten Russlands zubrachte. Auf meiner Reise berührte ich auch Wien, eine Stadt, in der ich viele Jahre zubrachte und die für mich nebst sehr wenigen freudigen Stunden viele traurige Tage, ja Jahre im Gefolge hatte. Diesmal aber war ich besonders freudig bewegt, als ich das Weichbild der Stadt Wien betreten hatte. Vornehmlich muss ein jüdisches Herz höher schlagen, wenn es jetzt Wien vom jüdischen Standpunkte aus betrachtet. Da sieht man gelehrte und ungelehrte Rabbiner, solche, die ordengeschmückt sind und solche, welche Orden zu bekommen hoffen. Ferner kann man in Wien Rabbiner sehen, die vornehm ein verurteilendes Wörtchen über die jüdisch-polnische Moral von der Kanzel herab zu sprechen wissen und wiederum solche, die bei den verschiedenen jüdischen Jubiläen in ihren Reden tiefe Weisheit verraten. So z. B. wusste ich nicht, trotzdem mir nachgesagt wird, ich wäre eia Bücherwurm, dass unser Gesetzgeber, Führer, Befreier und Lehrer Moses der erste Kantor war. In Wien hörte und las ich auch in verschiedenen jüdischen Zeitschriften, dass anlässlich der Feier des fünfundzwanzigjährigen Kantorenvereins-Jubiläums ein Rabbiner mit Hinweis auf II. B. M. C. 15 v. 1 die archäologisch - historische Entdeckung gemacht habe, dass Moses der erste Kantor war. Es ist wirklich jammerschade, dass so manche „Gelehrte" des einen oder anderen Krähwinkels .sich nicht entschliessen können, ihrer häuslichen Ruhe einige Opfer zu bringen, um eine kleinere Reise zu unternehmen. Ihre Erfahrung würde da gewiss bereichert, ihr Gesichtskreis nicht minder ■erweitert werden. So war ich bislang der Ansicht, dass Professor Rohling nur ein Judenfresser, ein Ritualmordmärchenprediger u. dgl. war. Dass er aber auch durch liebliche Reden stiller ruhiger Sanftmut die Juden von der Wahrheit und Wunderkraft des katholischen Glaubens überzeugen wollte, dies erfuhr ich erst auf meiner diesjährigen Erholungsreise. Es •wurde mir da ein Büchlein von Prof. Rohling aus dem Jahre 1874 in die Hand gespielt, in welchem von den angeblichen Wundererscheinungen der Luise Lateau (geb. 1850) die Rede ist. Rohling als Professor der Akademie zu Münster verteidigt die Wunder, gibt sich Mühe, sie als unwiderlegliche Tatsache hinzustellen und spricht die Hoffnung aus, •dass diese wunderbaren Tatsachen, welche nicht in Abrede gestellt werden können, noch dürfen, doch geeignet sein müssten, Protestanten und Juden zur alleinseligmachenden katholischen Kirche zu be - kehren. Bezüglich der Juden sagt er wörtlich folgendes: „In der Masse Israels werden sich noch empfängliche Herzen finden, welche ihre Augen einem Lichtstrahle von oben zu öffnen bereit sind." Man sieht also hieraus, dass dort, wo es galt, einen Bekehrungsversuch an den Juden zu wagen, Rohling auch zartere Saiten anzustimmen pflegte als dort wo er mit der grössten Heftigkeit den Juden andichtete, sie verwendeten Christenblut bei ihren rituellen Bräuchen. MARTIN ZIELONKA: ©ie Uuden *n ßS*$ik*> Ileisebriefe." II. Je weiter icli m das Innere .Mexikos eindrang, desto klarer wurde es mir, dass eine gewisse Anzahl Leute, die als Juden bekannt sind; und deren Biographic ein offenes Buch ist, ihr Judentum \crlcuguen und mit jüdischen Angelegenheiten nichts zu tun haben w illen. Einige davon haben einheimische Frauen geheiratet und deren Glauben angenommen, und .sind daher iur das Judentum verloren. Andere verbergen ihre Identität hinter dem .Namen des Landes, aus welchem sie kamen, und sind als Franzosen, Deutsche, Llsässer, Spanier inul Amerikaner bekannt, i )as is! eine Tatsache, die unsere zionistischen Freunde ms Auge lassen müssen. Man hat uns gesagt, dass ein Jude zu allen Zeiten ein Jude sei und unter allen Verhältnissen als solcher betrachtet werde; doch hier gibt es eine Anzahl Männer und Frauen, welche als Repräsentanten verschiedener Lander und nicht als Juden angesehen werden. In Aguasealientes, einer Stadt mit mehr als 35.000 F.inwohnern, welche wegen ihrer natürlichen, heissen Quellen bekannt ist, (diesem Faktum verdankt die Stadt auch ihren Namen, fand ich nur zwei judische Familien, und diese waren verhältnismässig >. euankönimiingc, denn ich habe sie schon von Fl Faso her gekannt. Ausserdem waren noch zwei oder drei junge Leute da, weiche wenig Interesse für die laufenden, jüdischen Angelegenheiten hatten, weil ihnen das Judentum nichts als eine FAinneiung an die. Zeremonien war, die sie dahenn gesehen, llie und da fand ich ein paar ausgesprochen jüdische Namen, aber ihre Träger verwahrten sich dagegen, Juden zu sein, und verleugneten sogar ihre jüdische Abstammung. Die Stadt ist wirklich schon and birgt unbegrenzte Möglichkeiten für energische und fähige Menschen. In den Vereinigten Staaten wurde eine ähnlich gelegene Stadt mit den. gleichen Hilfsquellen eine starke - Kongregation ^Gemeinde) haben oder wenigstens ein gutes Minjan. Das Fehlen jüdischer Ansiedler beim Vorhandensein so gunstiger Bedingungen ist beinahe unerklärlich. Wirft che römische Kirche noch jihre Schatten über sie? Die Verhältnisse in derartigen Städten werden am besten durch coe Daten illustriert, die mir ein alter Einwohner von Irapanto —- der Fmsteig-Station nach Guadalajara gab. In dieser Stadt, die 30000 Eamvohner hat, sind zw anzig Kirchen, aussei dem noch zw ei im Bau begriffene, und nur ein Schulhaus. Kann es uns dann Wunder nehmen, wenn überall L'nwissenheit herrscht, wenn die Armut; dem Reisiiukn allenthalben entgegentritt, wenn blinde und krüppelhafte Männer und Frauen und nackte, kleine Kinder erbärmlich schreien: ,.dame im centavo" ■— bitte um einen Benny! Wir verlassen Aguascalientes um Mitternacht, erreichen Irapanto um 5 F hr morgens und begeben uns direkt nach Guadalajara, 100 Meilen oder 200 km weiter westlich. Wenn wir von den Möglichkeiten, die sich dem weitblickenden Juden, der Schutz vor Verfolgung sucht, in anderen Städten bieten, entzückt waren, sind wir von den vernachlässigten Chancen, die diese Stadt. — die zweitgrösste der Republik - aufweist, geradezu gebannt. Guadalajara ist eine prächtige, moderne Stadt mit 125.000 Einwohnern, asphaltierten Strassen, eleganten Wagen und schönen Häusern. Die Merkmale einer geschäftigen Yankee-Stadt sind überall erkennbar. Die blühenden Felder, welche der Zug durcheilt, und die schöne Aussicht von der Spitze der Kathedrale zeigen die Fruchtbarkeit des Bodens und die Möglichkeiten des Landes. Wenn dieser Boden nur gestreichelt wird, ist es unnötig, ihn ausgiebig zu bearbeiten. Das Klima ist ganz so wie in der

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