Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ffr. 38. „Meue ttatiorial-£eitunga Seite 3. diesem Wunsche an den Kriegsminister heranzutreten. Roditschew hat dies aber nicht tun wollen; er erklärte, dies sei eine Demütigung. Als Parteigenosse musste daher auch ich auf die Veröffentlichung verzichten. Uebrigens veröffentliche ich in den nächsten Tagen einen ausführlichen Bericht über meine bisherige parlamentarische Tätigkeit. Ich schildere genau alle Vorgänge in der Duma, soweit sie die jüdischen Angelegenheiten betreffen. Auch die Arbeiten der Parlaments-Kommissionen werden eingehend berücksichtigt werden. Man wird sehen, dass die Lage keineswegs so verzweifelt ist. Aber wir müssen arbeiten, wir m ü ssen selbst für uns sorgen und dürfen nicht von anderen Parteien unser Heil erwarten. Wenn ich mir selbst nicht helfe, wer denn?" Diesen bekannten Ausspruch unseres grossen .Weisen zitierte Herr Nisselowitsch hebräisch. Sie waren der würdige Abschluss der Aussprache eines Mannes, der den russischen Juden zur Ehre gereicht: ein guter Jude, ein offener Charakter, ein ehrlicher Mensch. L. Karlsbad, Mitte August. * * Der parlamentarische Bericht des Herrn Reichsduma-Mitgliedes L. N i s s e 1 o w i t s c h, dessen Porträt wir auf der i. Seite reproduzieren, wird gleichzeitig mit dem russischen Original in der „Neue National-Zeitung" zur Veröffentlichung ge - langen. j^eisenotizen von Nachum Hamaschgiach. Wenn man, wie ich, in so einem Krähwinkel das ganze Jahr sozusagen gefangen ist, gewöhnt man sich daran, über Dinge herzufallen und Verhältnisse zu kritisieren, die vielleicht gar keine Kritik herausfordern; und über manchen Menschen den Stab zu brechen, der vielleicht, wenn nicht um die Menschheit, so doch um gewisse Gemeinschaften sich verdient gemacht hat. Im jüdischen Gemeindeleben haben solche Krähwinkelblüten durch ihre kleinlichen Existenzbedingungen und ihren beschränkten Gesichtskreis viel Unheil gestiftet, zumal in solchen, den europäischen Kulturzentren entlegenen Nestern der niedrige Egoismus gepaart mit Neid und Scheelsucht das grosse Wort führt. Da raffte ich mich einmal auf und beschloss endlich, wenn auch nur für eine kurze Zeit von vier Wochen zum Wanderstab zu greifen. Meine erste Station war eine sehr schöne Stadt in einem südslavischen Lande unserer Monarchie, in dieser Stadt, deren herrliche Lage nicht beschrieben werden kann, sondern empfunden werden muss, existiert auch eine hübsche jüdische Gemeinde, die im Gegensatz zu derartigen modernen Gemeinden in Ungarn, es sich angelegen sein lässt, jüdisches Wissen zu pflegen. Allerdings geschieht dies erst, seitdem die ersten zionistischen Schwalben ins Land gekommen waren. Als ich mich in der genannten Stadt aufhielt, gab es ein geschäftiges jüdisches Treiben, das mich sehr angenehm berührte. Der Kantor dieser Gemeinde, den die Leute für einen hochgebildeten Mann halten und der bei seinen Gemeindemitgliedern in ziemlichem Ansehen steht, hat zur Beratung über Standesfragen gerade zu jener Zeit eine Kantorenversammlung einberufen, an der acht Berufsgenossen teilgenommen hatten. Wie es hiess, sollen bei dieser Versammlung die Rabbiner mit einem blauen Auge davongekommen sein. Der Vorsitzende hat cn. eine neue Offenbarung verkündet, dass nämlich nach dem Talmud ein „Predigeran sie h" nicht würdig sei, vorzubeten. Solch' tiefe Weisheit und profunde Gelehrsamkeit konnte ich nicht mehr ertragen. Und trotz der herrlichen Parkanlagen und des saftigsten Grüns, dessen sich diese prachtvolle südslavische Stadt erfreut, wurde es um mich her schwül. Mit Spinoza sagte ich mir: Man muss lernen, die Handlungen, aber auch die Reden der Menschen zu begreifen, und dampfte hierauf ab. In der Hauptstadt Arpads Hess ich mich nieder. Zuerst betrachtete ich das herrliche Treiben auf der gefalteten Spiegelfläche der Donau und so manches Phantasiegebilde Maurus Jokais stieg in meiner Erinnerung auf. Doch gleich entsinne ich mich, dass mir als Juden andere Pflichten auferlegt sein müssen, als an Jokai oder Petöfi, zu denken. Ich suchte daher Juden und fand auch welche. Aber Gott sei dank auch solche, die nicht fortwährend rufen, Arpad sei ihnen lieber als Abraham! Man findet jetzt in Budapest Nationaljuden, Zionisten, und zwar begeisterte, mutige und aufopferungsfähige, organi - sierte und nichtorganisierte. Ich verkehrte mit allen und kann nur sagen, dass sie alle, ob Nationaljuden, ob Zionisten, wahre Apostel des jüdischen Gedankens sind. Dagegen konnte ich mich nüt der Natur des ungarländischen Assinülationsjuden nicht befreunden. In Südungarn beispielsweise gilt bei den älteren Juden der selige Kassel aus Gross-Kanizsa als ein förmlicher Halbgott. Und fast jeder zweite Jude rühmt sich, ein Schaler Kassels zu sein. Bei alledem müsste man einen Hymnus zu Ehren Gottes anstimmen, wenn es sich in der Kolge herausstellt, dass diese Schüler Kassels die jüdischen Gebete in hebräischer Sprache verrichten können. Diese Assimilantcn, die keine Ahnung davon haben, . was Grosses und Heiliges di^ jüdische Volksseele bewegt, erklären unsere Stammesbrüder in Russland und Galizien als inferior und sp-echen von ihnen mit einer solchen Verachtung, dass man nicht weiss, worüber man sich mehr ärgern soll, ob über die geradezu abschreckende Unbildung und Unwissenheit dieser Assimilanten oder aber über ihre Anmassr-ing. Ihre ganze jüdische Kultur besteht darin, dass sie sich im günstigsten Kalle am Sabba teingang den Sabbatgruss L'cho-dodi mir Chor und Orgelbegleitung anhören. In rasendem Tempo ging es nun nach Deutschland, wo die hübsche Portion Antisemiten, die infolge des Eulenburg-Prozesses ein wenig kleinlaut geworden ist, sich noch immer über die vielen Juden aufhält, welche „die Kurorte infizieren". Aber das liebe Geld von den „vielen Juden" ist ihnen angenehm. Uebrigens scheinen auch in dieser Hinsicht die Dinge eine Wendung zum besseren genommen zu haben. So verkehrte ich beispielsweise im Bad Landeck (Regierungsbezirk Breslau) sowohl in jüdischen wie in nichtjüdischen Kreisen, ohne etwas von Antisemitismus wahrgenommen zu haben. Landeck wird von unseren Stammesbrüdern aus Russland, hauptsächlich aus Lodz, infolge seiner wirkungsvollen Thermen mit Vorliebe besucht. Man könnte nicht sagen, dass sie in irgendwelcher Weise belästigt werden. Die preussischen Christen haben von den russischen Juden eine bessere Meinung, als die sich als Kassels Schüler gebärdenden südungäri-