Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33. mislowski, der den Ausschluss der Jv.;u;i von dem Militärdienst beantragte, gestatte'., seine miisemitische Rede vollinhaltlich zu veröffentlichen, wiewohl dieselbe in der geheimen Sitzung gehalten wurde. Dem Herrn Roditschew ist es damit gelungen, eine tiefe Beunruhigung unter den russischen Juden hervorzurufen. Denn dieses Interview wurde ohne jeden Kommentar veröffentlicht und die jüdische Bevölkerung Russlands sowie die jüdische öffentliche Meinung Europas setzten zum grössten Teil alle ihre Hoffnungen auf die — Kadetten. Ich fürchte aber, es dürfte den Juden Russlands mit den Kadetten geradeso gehen, wie den Juden in Westeuropa, speziell in Deutschland und Oesterdeich, mit ihren „Liberalen". Die Kadetten nehmen ebenso gern, wie die Liberalen in. Oesterreich und die Freisinnigen in Deutschland Stimmen und Geld von den Juden; getan haben sie bisher für die Juden gar nichts. Und da sie selbst nichts tun wollen, um nicht als „Judenschutztruppe" zu gelten, so erklären sie, dass sich in der Judenfrage nichts machen Hesse. Nichts charakterisiert die zweideutige Haltung der Kadetten in der Judenfrage besser, als folgende Karrikatur eines Petersburger Witzblattes, die ich vor Monaten gelesen habe: Mehrere Kadetten fahren in einem Omnibus zum Ministerpräsidenten Stolypin wegen ihrer Angelegenheiten. Vor dem Wagen |steht Herr Nisselowitsch und hält unter dem Arm eine Mappe mit der Aufschrift „Judenfrage". Er möchte mitfahren. Allein der Kondukteur winkt ab und sagt: „Hier ist für Sie kein Platz." Herr Leopold Nisselowitsch befindet sich hier zur Kur und ich habe ihn aufgesucht, um seine Meinung über das Interview Roditschews zu hörein. Er ist zwar Mitglied der Kadettenpartei, allein es ist mir bekannt, dass er sich bei seinem Eintritte in dieselbe ebenso wie der zweite jüdische Abgeordnete, Herr Friedmann, in jüdischen Ange - Üegenheiten seine volle Unabhängigkeit gewahrt hat. Diese Unabhängigkeit gepaart mit Unerschrockenheit hat Herr Nisselowitsch bereits zu wiederholten Malen, insbesondere während der Debatten über die Militärpflicht und die Volksschule in der Duma zum Ausdrucke gebracht. Advokat Leopold Nisselowitsch ist ein Mann in den Vierziger-Jahren. Er ist ein geborener Kurländer und aus diesem Lande hat er, als Kornpromiss-Kandidat der Juden und Letem, sein Mandat erhalten. Unter seinen Wählern sind höchstens zehn Prozent Juden. Ein solcher Mann müsste nach westeuropäischen Begriffen den jüdischen Angelegenheiten aus dem Wege gehen, sich zu einem Wortführer der allgemeinen Freiheit aufwerfen und sich zu einem „grossen Politiker" herausbilden. So haben es ja die meisten Juden in den beiden Dumas gemacht, die auch die Judenfrage gehörig totschwiegen. Zudem hat Herr Nisselowitsch, der lange Jahre, als Vize-Inspektor der Reichsbank, in. Staatsdiensten stand und als Kapazität auf dem Gebiete der Arbeitergesetzgebung gilt, die Befähigung, in der Duma hauptsächlich als;volkswirtschaftlicher Fachmann aufzutreten. Herr Nisselowitsch fühlt sich aber einzig und allein als jüdischer Abgeordneter; sein Bestreben und sein Ehrgeiz gehen dahin, nur den Juden zu dienen und für diese zu wirken. Das Ungeheure seiner Aufgabe schreckt ihn nicht ab; entmutigen könnte ihn höchstens der Umstand, dass ihm die grössten Schwierigkeiten seitens der — Juden bereitet werden, die sich wie Herr Winawer u. a. mi'. Haut und Haaren den Kadetten verschrieben haben. Ueber die gegenwärtige Situation in Russland und die Aussichten der luden machte mir Herr N i ssclowits c h folgende M itteilungen : „Die Ansicht Roditschew's ist falsch. Ich bevollmächtige Sie, das zu veröffentlichen. Mit dieser Duma ist was zu machen; eher, als mit den früheren. Aber wir müssen kämpfen, wir müssen schreien. Wenn wir Rechte erlangen wollen, so müssen wir sie fordern. Ich kenne die Stimmung aller Parteien; sie ist keineswegs so judenfeindlich, wie es Roditschew behauptet. Selbstverständlich werden wir auf einmal die vollständige Gleichberechtigung nicht erhalten. Deshalb müssen wir sie stufenweise zu erlangen suchen. Zuerst muss der A n - siedelungs-Rayon aufgehoben werden, dami die Schulnorm*), schliesslich die Ausschliessung der Juden vom Wahlrechte für die Stadtgemeinden. Was die Zulassung der Juden zu den Staatsämtern betrifft, so besteht kein Gesetz, das dieselbe verbietet. Hier entscheidet lediglich die Willkür der Behörden. Ich war selbst Staatsbeamter und heute nehmen noch in Russland viele Juden hohe Staatsämter, ein. Am Wichtigsten für die politische und wirtschaftliche Zukunft der russischen Juden ist jedoch die Aufhebung des Ansiedlungs-Rayons. Darauf ist mein Bestreben in erster Linie gerichtet. Die Parteien der Rechten sind derselben auch nicht ganz abgeneigt. Es spielen da auch egoistische Momente mit. Die Vertreter der Bezirke, in denen Juden wohnen dürfen, möchten den Ueberschuss an Juden los werden; in den anderen Bezirken fehlen sie den Grossgrundbesitzern als Vermittler beim Verkauf der Landprodukte. Es ist, möglich, dass man den Juden erlauben wird, überall, aber nur in den Städten, nicht am flachen Lande, zu wohnen; doch auch dies wäre ein sehr grosser Fortschritt." — „Und wie wird sich die .Regierung dazu verhalten?" „Das ist allerdings r.och zweifelhaft und ich glaube sogar, dass die Regierung vorläufig dagegen sein wird." — „Ist es richtig, dass die Juden in der Duma ohne jede Zensur seitens des Präsidiums beschimpft werden?" „Die Darstellung Roditschews ist in diesem Punkte nicht wahr. Jede Beschimpfung der Juden wird vom Präsidenten gerügt. In dem Falle, den Roditschew erwähnt, drohte der Präsident sogar mit der Entziehung des Wo:;es." — „Wie verhält es sich mit der Publikation der Rede Zamislowskis?" „Hier muss ich Roditschew ergänzen. Es ist in der Geschäftsordnung der Duma vorgesehen, ,dass die in nichtöffentlichen Sitzungen gehaltenen Reden nur dann vollinhaltlich veröffentlicht werden dürfen, wenn der betreffende Minister diese Publikation gestattet. Der Kriegsminister hat allerdings dem antisemitischen Abgeordneten über dessen Ersuchen den Abdruck seiner ganzen Rede bewilligt. Allein es wäre Sache Roditschews gewesen, ebenfalls mit *) Perzentuelle Zulassung zu den. Bildungs-Anstalten. Anm. d, Red..