Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. „Neue National-Zeiturig" Seite 11. Feuilleton. J ROSKNFELU ©ie gestörte ffochzcH. (Eine psychologische Skizze.) Uebersetzt aus dem Jiddischen. Mir wurde ganz traurig zu Mu*e, als ich den Totengräber Abraham Heim so plötzlich in den Saal hereinkommen sah. Es war schon u Uhr. Die Diener und Dienerinnen hatten die Tische zum Hochzeitsmahl schon vorbereitet, auf welche die Gäste, von einem zum andern gehend, müde und hungrig verlangende Blicke warfen. Man wollte eben endlich zur Hauptsache kommen - zum Essen .... Doch der verspätete Gast. Auf den hatte ich gar nicht gerechnet, weil ich sein Kommen für aus geschlossen hielt. Ich ha\e ihm ja gar keine Einladung geschrieben. Jeder frisch angekommene Hochzeitsgast war mir willkommen gewesen und auch jene, die spät kamen und auf deren Erscheinen ich weniger gehofft hatte . . . Allein nur mit diesem Gast da, dem Abraham Heim, dem Totengräber, hatte ich mich nicht gefreut. Wie ich ihn nur erblickte, musste ich mich an meinen armen Freund erinnern, der vor zwei Monaten, knapp eine Woche nach seiner Hochzeit gestorben war. Damals stand ich bei der Thar.i (Leichenwaschen) und sah, wie Abraham Heim und noch andere ihn anzogen .... Mein Vater ist ihm gleich entgegengegangen und hat ihn zu mir geführt. Er gibt mir die Hand und bringt seine Gratulation vor. Dann beugt er sich zu meiner Braut und beglückwünscht sie gleichfalls. Aber sie antwortet ihm nur mit halber, zitternder Stimme. Sie bringt die Worte nur stammelnd hervor, als ob sie sich erschrocken hätte. Als er sich unter die Leute setzt, scheint es mir, als ob seine Nähe auf sie unangenehm wirkte. Der Vater hat ihm das erste Gläschen Schnaps eingegossen. Er stösst mit mir an: „Zum Wohlsein." Wie er dies sagt, fröstelt es mich und ich glaube, dass er auf meinen baldigen Tod sein Glas geleert hat. Plötzlich stand mit grossen .schwarzen Lettern das Wort „Tod" vor meinen Augen. Der kalte Schweiss trat mir auf die Stirn und mir wurde es ganz schwer ums Herz, als er mir seine grosse kalte Hand gab, durch die schon so viele Tote gegangen waren ... Ich hatte ihm meine Hand entzogen und wollte damit sagen, dass er mich lieber nicht anrühren sollte. Als er aber auf mein Wohlsein trank und beinahe wie zum Hohn meine Hand hin und her schüttelte, da glaubte ich, der Tod habe mich in •den Krallen und wolle mich nie mehr loslassen. Er sprach zu mir — es schien ein Wunsch zu sein — aber was er sagte, habe ich nicht verstanden . . und ihn vielleicht auch nicht gesehen . . . Vor meinen Augen drehten sich Tote im bunten tollen Reigen, tanzten Schatten Gestorbener. In tiefster Qual stöhnte ich auf. „Wer hat ihn nur zur Hochzeit gebeten?" — fragte mich meine Braut plötzlich. Erschrocken wandte ich mich ihr zu. Erstaunt richtete ich meine Augen auf sie, sagte nichts, sondern dachte nur bei mir: „Sie denkt das gleiche wie ich!" ... Gleich verstand ich, wen sie unter ,,ihn" verstand. Ich blickte ihr in das zartblasse Gesicht und antwortete im gleichen stillen, traurigen Ton ihrer Frage: „Ich weiss es nicht." Ihre Frage steigerte noch meine Misstimmung. Denn das Bild des toten Freundes tauchte wieder vor mir auf. Sein Sterbetag kommt mir ins Gedächtnis mit allen seinen traurigen Einzelheiten. Ich sah ihn mit seinem kranken, gelben Gesicht wieder vor mir. Ich höre seine traurige, stille Stimme, seine hingehauchten Worte: ,,Ich sterbe. Abrascha!" Eines hatte er nur bedauert: Wenn er seinen Tod hätte voraussehen können, dann hätte er sich nie verlobt. Nun ahnte mir, es würde mit mir gerade so gehen, wie mit meinem armen Freund. Auch' ich müsste eine Woche nach meiner Hochzeit sterben. . Und wie hatte er damals vor Freude gestrahlt, als er, wie ich jetzt, mit seiner Bratrt oben an der Tafel sass; wie haben wir, seine Freunde, seine Freude geteilt . . Jetzt tanzen sie auf meiner Hochzeit genau so wie damals — — und Keiner weiss, was mit uns in kurzen acht Tagen geschehen sein wird. Auf allerlei Weise versuchte ich, diese traarigen Gedanken von mir zu weisen. Ich schalt mich einen Narren, der sich von seiner närrischen Phantasie beherrschen Hess, statt ihr straffe Zügel anzulegen. Doch alles vergeblich. Immer grösser wurde mein Grauen, meine Misstimmung über den Gast steigerte sich zur Wut. Ich verwünschte diesen Menschen, der mich auf alle diese Gedanken gebracht hatte und mich so um die schönsten Stunden meines Lebens bestahl. Die Gäste wendeten ihre ganze Aufmerksamkeit dem Essen zu, während die Musikanten zwischen den Tischen standen und ein „ganz feines Maseltof" aufspielten. Ich strengte mich an, auf die Musik aufzupassen, meine Aufmerksamkeit den „Gästen zuzuwenden, um so mein Inneres zu beruhigen. Doch das half mir auch nichts. Die Musik schien mir von einem leisen Schluchzen und Weinen begleitet zu werden -- von einem Schluchzen und Weinen wie bei einer Beerdigung .... So nahm der Gedanke, ich würde meinem toten Freunde bald folgen, von meinem gequälten Herzen ganz Besitz . . . Ich stand unter einer schrecklichen Autosuggestion. Es stand bei mir ganz fest, dass ich, wie mein Freund, auch nur noch eine kurze Zeit zu leben hätte . . . So lastete jetzt in der Stunde, die ich früher so oft herbeigesehnt hatte, ein furchtbarer Alp auf meiner Brust. Meine Braut sollte doch nicht so unglücklich werden, wie die meines Freundes! . . .