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Neue Nationalzeitung · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. „Neue National-Zeitung" Dr. K a 11 i u s, Direktor des anatomischen Instituts der Universität Grreifswald aur Ersuchen des Herrn Dr. Hirsch Hildesheime r-Berlin in nachstehender Form erstattet: „Greifswald, den 15. Juli 1908. Mit grüsstem Vergnügen bin ich bereil, ihrer Bitte zu willfahren. Seit längerer Zeit schon interessiere ich mich für die Tötungsart des S c h ä c h t e n s, gerade um ein I i teil über die vielfachen Angriffe gegen diese Tötungsmethode /u gewinnen. Ich habe persönlich aut dem Schlachthofe Ei fahrungen gesammelt und kann nur sagen, dass meiner Meinung nach d i e S c h ä c h t u n g ei n '1' i e r a u f d i e s c h n e 11 s t e u n d s c Ii o 11 e nd 5 t e W eise b e w u s s t 1 ■« > s m .1 cht und tutci. Die ausserordentlich sichere Führung des peinlichst scharf und sauber gehaltenen Messers, das gross genug ist, um mit schnellem Zuge die grossen Arterien üurchzus< hntiden, hat auf mich immer einen grossen Findruck gemacht, Ich habe mich daher vollkommen davon überzeugt, dass die Angriffe gegen diese Tötungsmethode durchaus u n g e r e c h t f e r t i g t sind und sicher von Leuten ausgehen, die keine Erfahrungen in dieser Angelegcheit haben. Soweit meine persönlichen Kenntnisse reichen, möchte ich glauben, dass es durchaus wünschenswert sei, wenn den übrigen Tötungsarten die Schichtung allgemein vorgezogen würde." Die titseilschaft „Palästina" in St. Petersburg wurde über Betehi des Bürgermeisters verboten. Es scheint, dass der Kurs in Kussland noch immer antizionistisch ist. JfitepahiF. Dr. Artur Goldmann: ,,D a s J u d e n b u c h d e r S c h e 1 f Strasse zu Wien" 113X9 -1420;. Im Auftrage der Historischen Kommission der Israelitischen Kultusgemeinde in \Vjen herausgegeben. Mit einer Schriftprobe. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumülier * (19081. I. Band der Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Oesterreich. Eine wichtige Duelle der inneren, wirtschaftlichen Geschichte der Juden des Mittelalters ist mit diesem ungemein fleissig gearbeiteten Buche erschlossen worden Es bietet einen tiefen liinblick nicht nur in die geschäftlichen Verhältnisse der Juden Wiens, sondern auch in die der Juden Deutschlands, da das Mittelalter ausgeht. In der vortrefflich geschriebenen Einleitung werden wir zunächst mit der S c Ii e f f s t r a s s e bekannt gemacht, einer Aiisiedhing, die sich seit dem Ende des 13. oder dem Anfange des 14. Jahrhunderts 13151 vor den Mauern Wiens befand, und zwar vor dem Stubentorc, zwischen dem Stadtgraben und dem \\ ienflusse, bis zu dessen Einmündung in die Donau. Sie war, wie die am jenseitigen Wien ufer gelegene Gemeinde E r d 1) u r g (F r d b e r gj Eigentum des Landesfürsten. Aus dem Grundbuche dieser Scheffstrasse, aufbewahrt im k. u. k. Eeiclrsfinanzaretm c in W ien, hat nun Dr. G o 1 dnianu das Satzbuch der Scheffstrasse für Verpfändungen bei Geldgeschäften zwischen Juden und Christen veröffentlicht, das ■mit den Worten: „Hie "hebt sich an das J u d c 11 p 11 c Ii" beginnt. Es ist in der Tat ein Stück Kulturgeschichte, und wahrlich kein uninteressanter Teil der Geschichte der Kapitalswirtschaft des Mittelalters, mit dem wir hier bekannt gemacht werden. Die Juden, von allen Acintcrn, vom Ackerbau, von den Handwerken gänzlich ausgeschlossen, wurden auf die „Geldgeschäfte" hingewiesen, und dass es bei diesen nicht immer ganz reinlich zuging, darüber gibt uns dies .Judenpuech" sehr klaren Aufschluss. Wir lernen diese traurigen V erhältnisse aus der ..Einleitung'" unseres Werkes mit grosser Genauigkeit kennen. Die Schuldner, die Zahlungsverpflichtung, die Gläubiger, die Schuldsumme, bei der es sich den wirtschaftlichen Verhältnissen der Scheffstrasse entsprechend freilich nur um kleine Darlehen handelt die höchte beträgt 100 Pfund;, den Zahlungstermin, das Pfandobjekt, den Zinsfuss, die Einwilligung mitberechtigter Personen, das Datum als Formelschluss der Erkunden lernen wir aus diesem jüdischen Grundbuche kennen. Zahlreiche Wiener Judennamen treten uns hier entgegen, wodurch das Judenbuch zu einer besonders wichtigen historischen (Quelle gestempelt wird. Auch die beiden gleichzeitig wirkenden Rabbiner der Wiener Judengemeinde, R. M e i r b e n B aruch H a 1 c w i, und sein Kollege Meister A b r a h a Jn Klausner; finden sich unter den Geldgebern der Scheffstrasse. Gold mann und andere jüdische Geschichtsschreiber erklären diese sonderbare Erscheinung, die wir nach unseren heutigen Anschauungen auffallend finden, damit, dass die Rabbiner der damaligen Zeit ihren Lebensunterhalt sich verdienen mussten, da sie für ihre Tätigkeit keine Entlohnung erhielten. Den Meister (Judenmeister, nicht Rabbiner) Lcyser, der sich den Rabbinern anschliesst, lernen wir auch in effigie kennen, denn sein Port ritt befindet sich in der Initiale am Beginne des Judenbuches. Sein Bild wird jn der Schriftprobe, welche das W erk ziert, wiedergegeben. Aul die „Einleitung" folgt der Inhalt des „Judcnpuechcs" selbst. Nicht weniger als 345 Erkunden enthält es: Vom Jahre 1380 bis 1420. Darauf folgt eine Nachlese: ,,Aus dem Grundbuche der Herzogin von Oesterreich", 15 Urkunden enthaltend. Wir erfahren nämlich aus einem Privileg des Herzogs Albrechts Iii. vom 21. März 1379, den Bürgern der Scheffstrasse und von Frdberg aufgestellt, dass die Einkünfte aus den beiden Gemeinden in die Kammer der Herzogin ,,die jedes eltislen herzogen von Oesterreich Herzogin und gemahel ist" flössen. Ein in der Tat interessantes Detail über die Nadelgelde!- der Fürstinnen jener alten, nicht sehr guten Zeit, Aber auch mit Erkunden aus dem ,,C h r i s t e 11 b u c h e" de.- (.rimdbuches der Schelf st rasse werden wir bekannt gemacht. Denn dieses scheidet fein zwischen einem ,.Satzbuche für Verpfändungen bei Geldgeschäften der Christen untereinander" und einem solchen für Verpfändungen bei Geldgeschäften zwischen J u d e n u n d C h r i s t e n. Wie man demnach sieht, war das Geldleihen und Verpfänden, mit anderen Worten ,,der heilige Hunger nach Gold" schon damals interkonfessionell. Totgeschlagen, verbrannt, ins Wasser geworfen aber wurden nur die luden. End so bietet uns Gold mann in einem Anhange ein seinem Inhalte nach ebenso ergreifendes, als furchtbares Dokument dar: die Schilderung der „Wiener G e s e r a h" vom jähre 1421 und die zwei C r t c i 1 s - Y e rk ü n d i g u n g e 11 aus diesem Jahre des Herrn. Diese Veröffentlichung ist umso dankenswerter, als sich die gleichzeitigen Geschichtsquclleii über die blutige Verfolgung der Juden in Oesterreich, die Vernichtung des ..Geschäftsbetriebes" nicht nur in der Schelfstrasse, sondern auch der blühenden Judengemeinden in Wien, Krems, Klosterneuburg, llerzogenburg, Feubs, Linz, Ibs (vielleicht Ennsj. Steier, Wels. Leopoldsdorf, Hamburg, Zistersdorf, Marchegg (Pcitlim-Winkim??i ziemlich aiissehweigen. Die „Geserah", welche der „Dukus", Herzog Albrecht V. (als deutscher Kaiser Albrecht 11., Schwiegersohn König Sigismunds und Vater des schwachen Ladislaus Posthumus) über die österreichischen Juden brachte, beginnt damit, dass den luden befohlen wurde, am 9. Thammus 21. Juni) 5180 ,14-01 die Stadt Wien für immer zu verlassen und erreichte ihren Höhepunkt, als der Herzog, nahe vor dem jüdischen Passah, am Mittwoch den 12. März 1421. die übrig gebliebenen Männer und Frauen ..mit dem Brand" zu richten befahl . . . Auch die Mutter lies Israel Isserlein, des Verfassers der berühmten Gutachtensammlung „Theiumath-I ladeschen" hat, wie wir nebenbei ergänzend bemerken, damals ihren Tod gefunden. Sie wurde „mit dem Brande" gerichtet. Ein menschlich Rühren ergriff ob all' diesem „Brande" den damaligen Papst Martin V., der mit seiner BulL .,Licet Judac omni" anordnete, dass fortan kein Kind der unter der Herrschaft der Herzoge von Oeslerreich und Venedigs lebenden Juden, sofern es unter 12 Jahre alt war, zur Taufe gezwungen werden sollte. Schhe-seu wir mit diesem etwas milderen Akkord die Besprechung des vorliegenden Buches, das auch mit einem Personen- und topographischen Register in ungemein dankenswerter Art versehen, und, den Tradi - tionen der Ivochangeseheneii Verlagsbuchhandlung gemäss, sehr schön ausgestattet ist. Der Jude der Gegenwart bekommt durch dieses Werk einen Einblick in die dunkelste Vergangenheit. Mit grausamer Hand trieb man die Juden dem Geldwucher in die Arme und dann wurde ihnen der Mammon entrissen, sie selbst aber auf die Scheiterhaufen gestellt und „mit Brand gerichtet". Ein erschreckliches Einerlei weist diese Geschichte unserer Vorfahren auf . . . Niedrige Prosa des Gelderwerbes und erhabensten Idealismus des Märtyrertunis. Das vorliegende Quellenbuch gibt wieder einen Beweis dafür. End, wenn wir in Sonderheit die Schilderungen der „Wiener Geserah" von 1421 lesen, wessen die Juden Oesterreichs damals angeklagt und weshalb sie verurteilt wurden, dann vergleichen wir die traurigen Berichte aus längst vergangener Zeit mit den heutigen Verhältnissen. „Mit dem Brande gerichtet" wird allerdings der Jude heute nicht, aber viel, sehr viel, alles kann er aus seiner Geschichte lernen. Wir empfehlen deshalb Goldmanns Buch zur fleissigen und eingehenden Lektüre. G r ä f e n b e r g, im Monate Ab 5668. Dr. M. Grünfeld. * * * Die Adler-Truppe in New-York bereitet für die nächste Theatersaison ein neues Stück vor: „Die Juden von Brünn". Dasselbe wurde von Dr. Deutsch englisch geschrieben und von Jacob Adler ins Jiddische ■ übersetzt.

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