Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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S*it,e Nr. 32 Ich zitterte am ganzen Leibe, als ich daran dachte. Das bemerkte meine Braut, da ich t^anz dicht neben ihr sass. Mit grossen, erschrockenen Augen schaute sie mich an. Ich wn'ke sie trösten, ihr ins Ohr sage;- : .,1 - ürehte nicht, mein Liebling, wir werden beide alt werden und noch lange, lange Jahre leben." Aber ich konnte es nicht über die Lippen bringen, sondern machte sie nur auf den einen von den Gästen mit einem Blick aufmerksam . . . Während ich meinen traurigen Gedanken nachging, taten sich die Gäste gütlich. Sie tafelten unverdrossen und tranken einer nach dem anderen mir zu : „Lechajim ,: Chosen! Lechajim , Chosen!" Abraham Heims häufiges Zutrinken war mir alles andere als angenehm, und ebenso seine Gratulation : „ein langes Leben in Ehre und Reichtum". Denn aus seinem Wunsche ,,ein langes Leben" fand ich heraus, dass er schon etwas wusste und. deshalb keinen anderen Wunsch als diesen kenne . . . Schliesslich konnte ich alle diese schwarzen Gedanken nicht abschütteln und liess mich ganz von ihnen beherrschen. Ich fing an, der Hochzeit wie einem Schauspiel mit einer gewissen Ironie zuzusehen. Als ich dies alles sah, stieg in mir der Gedanke ,;u; : Was sind doch die Menschen für Toren! Welche Narrenposse ist doch das Leben!! Es war nach dem Essen. Die Gäste erhoben sich von den Tischen. Manche gingen schon nach Hause. Die Musikanten fingen von neuem zu spielen an und erfüllten den Saal mit rauschenden, stürmischen Takten. LTnd man tanzte . . . Auch ich setzte mich an einen anderen Tisch und schauteden Tanzenden zu. Und ein Ekel erfasste mich bei dem Anblick der satten, roten, verschwitzten Gesichter. Ich sah auf sie wie auf Irrgewordene. Ich wünschte, dieses .,Schauspiel" wollte bald ein Ende nehmen, und ich könnte davonlaufen, um nicht den Geruch der verschwitzten Körper einatmen, die jungen Leute mit den Mädchen ansehen zu müssen, die sich eng aneinanderschmiegten und mit brennenden, flammenden, sinnlichen Augen sich anschauten . . . Aus dem Gewühle machte sich mir wieder die Gestalt Abraham Heims bemerkbar. Er fiel mir immer gleich in die Augen . . . Den Tanzenden schien mir der Tod nachzugrinsen. Niemand sieht ihn, keiner bemerkt ihn. Er tanzt mit. Leichten, unhörbaren Schrittes. Dreht sich mit schadenfrohem Lächeln hinter jeder Schullter. Und alle, alle sind sie ihm doch verfallen. Und ich dachte bei mir: „Und wenn ich auch nicht in acht Tagen eine Leiche bin, werde ich eben einige Jahre später sterben. Ja, sterben, sterben! Sterben müssen wir! .... Abraham Heim zog mich fortwährend mit ins Gewühl hinein, bis ich ihm sagte, ich wäre müde und er solle mich doch in Ruhe lassen. Jetzt kam, um meine Qualen noch zu erhöhen, der „Mizwah-Tanz". Meine Braut stand mitten im Saal, ein weisses Tuch in der Hand. Einer nach dem andern nahm ihr es ab und tanzte einige Schritte mit ihr. Schliesslich kam auch die Reihe an Abraham Heim. Es gab mir ordentlich einen Stich ins Herz, als ich ihn auf meine Braut zugehen sah. Er nahm ihr, wie alle anderen, das weisse Tuch ab und drehte sich mit ihr einigemal herum. Sie tat es aber nur widerwillig, mit kleinen, behutsamen Schritten. Und wie ich1 ihn so sah, erfasste mich wieder ein Schrecken. In meinem gepeinigten Hirn dachte ich, dass der Tod mit meiner Braut tanze, die ganz in Weiss dahinschwebte . . . Und plötzlich wollte ich hinstürtzen, um sie aus den Armen des Totengräbers zu reissen. Doch ich rief nur meinen Vater und fragte ihn im ärgerlichen Tone, wer diesen schrecklichen Menschen nur eingeladen hätte?! Er wollte ihn nicht verletzen, antwortete er, und dann habe er ihn (meinen Vater) ja auch vor einigen Jahren zur Hochzeit seiner Tochter eingeladen. (Dabei ist er gar nicht hingegangen.) Schliesslich dürfe man es siclr doch nicht mit den Leuten verderben. Warum er dies sagte, verstand ich nicht. Doch die Art, wie mein Vater all diese Worte aussprach, sein stiller, trauriger Ton, brachten meine Herzensbeklemmung auf ihren Höhepunkt. Ich sah wieder das Bild meines toten Freundes vor mir. In meine traurigen Gedanken vertieft, bemächtigte sich meiner eine Halluzination . . . Ich glaubte ein Donnern zu hören, ein Klappern von Geschirr, ein Quietschen, Fusstampfen, ein Händeklatschen. Köpfe springen in der Luft auf und ab. Einer stösst sich am andern. . . . Mit einmal nimmt mich jemand unter die Arme und schleppt mich in die Mitte, dreht si h ein paarmal mir mir herum und schleppt mich1 dann irgendwo hinaus. Ich wollte nicht gehen .... Mein Herz klopfte und klopfte zum Zerspringen. Das war die Furcht vor etwas, was ich nicht sagen kann. . . . Das Blut stieg mir in starken betäubenden Wellen zu Kopfe. Alles drehte sich mir vor den Augen .... Die Füsse versagen den Dienst .... Ich fühle wie mir mein Körper schwerer und schwerer wird . . Etwas zieht mich hinunter und immer weiter hinunter . . . Wie ich nun plötzlich in ein finsteres Zimmer komme und meine Braut vor mir sehe zieht es mich in die Tiefe, in die Tiefe .... Ich kam erst wieder zu mir, als ich Lärm hörte und nasse Tropfen im Gesicht fühlte ... Es war das Wasser, mir dem man mich bespritzte. 2£rftschriftefiHRutidschau. In Zürich erscheint eintneue territorialistischc Mo natsschrift „Ito". * * In Ca irr» erscheint eine neue jiddische Wochenschrift „Die Zeit". * * * Demnächst erscheint in Warschau eine Theaterzeitung in jiddischer Sprache. Atelier-Eröffnung. Herr Heinrich R a p p, langjähriger technischer Leiter der Firma Wulkan und. Neubrunn, hat sich ein Spezialatelier moderner Gruft-Denkmäler, III/4, Rennweg 62, errichtet. In bezug auf künstlerische Ausführung wird, das neue Atelier Hervorragendes leisten, und. ist dasselbe soeben mit der Anfertigung eines grösseren Grabdenkmales für einen bekannten Grossindustriellen, sowie anderer grösserer Monu - mente betraut worden. Unsere P. T. Abonnenten werden dringend ersucht, den noch ausständigen Abonnement- Betrag nachzuzahlen. Die Administration.