Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. jüprechsaah Studentenkongresse. Geehrter Herr Redakteur! Am 16, und 17. August s>>]1 in der an Serbien grenzenden Stadt S e m 1 i n der dritte Kunjircss zionistischer Abiturienten und Hoc hschiilcr abgehalten werden. Sonderbar! Wahrend in ganz Kroatien, Slavonien, Bosnien und Serbien von einem jüdischen Leben zwei Jahre hindurch wenig oder gar nichts zu merken war, soll jetzt jedes zweite Jahr ein Studentenkongress stattfinden. Wieder wird man hören von jugendlicher Begeisterung. ni;in wird schöne Reden und Referate halten und sich auch sonst gut amüsieren. Befriedigt werden die Kongressteilnehmer in ihre diversen Heimaten zurückkehren, um weitere zwei Jahre zu — ruhen. Wir wollen keine Philister sein und können es verstehen, dass sich die Tugend austoben, an Phrasen berauschen will. Aber mehr Ernst müssen wir von unserer Jugend doch verlangen. Glückliche Nationen können sich den Luxus erlauben, die Zeit mit Phrasen totzuschlagen . . . I ns Juden kann aber nur ein fester Wille zu ernster Arbeit retten. Unsere Kongresse müpsten sich in realen Bahnen bewegen, jedem Teilnehmer Anregung zu praktischer Mitarbeit für das Judentum geben. Und wir glauben an den Charakter unserer ..Jungen Juden", wir glauben an den guten Kern, trotz der manchmal schlechten Schale. Darum erwarten wir, dass die künftigen Kongresse und auch der bevorstehende Studentenkongress in Semlin — konkrete Vorschläge und nicht zwecklose Resolutionen bringen werden. Und dann wird es heissen, die Worte in Taten umzusetzen, was bisher nie geschah. Zu Taten aber brauchen wir Männer! Der Jude wird oft frühreif genannt - nicht immer in des Wortes bester Bedeutung. Ihr jüdischen Jünglinge, zeiget nun, dass Ihr, wenn auch nicht an Jahren, so doch am ernsten gewissenhaften Erfassen Euerer Bestrebungen Männer seid.' Noch eines! Unser;- zionistis-chen Studenten sind viel zu exklusiv. Sie gründen Studentenvereine, veranstalten Studentenkongresse, anstatt auch die übrige, nicht studierende jüdische Jugend für den Zionismus zu gewinnen. Mit einem Wort, unsere Studenten betrachten sich gewissermassen als geistige Aristokratie. Uns Juden aber ist jede Exklusivität, jedes Absondern und sei es auch der geistigen ..oberen Zehntausend" doppelt verderblich. Und wenn es wahr ist. dass der Zionismus demokratisch ist, so kann man wohl mit Recht sagen: Das Judentum wird demokratisch sein, oder es wird nicht sein! Dies rufen wir unserer Jugend zu, in der Hoffnung, sie schon bald geeint in einem Lager zu sehen — ohne Ansehen des Standes: Studenten, Beamte, geistige und körperliche Arbeiter jeder Art. Und wenn unsere ganz« Jugend ziclbewusst für das Wohl des Volkes mitarbeiten wird — jeder nach seinen Fähigkeiten — dann werden wir wissen, dass auch dem armen Judenvolk bessere Tage bevorstehen. C r i t i c u s. JK0RReiPOND6NZCN ©cstemich-9ti§a?ii. 'VoiTder Assimilation zur Taufe.____ Wien. Von hervorragender Seite erhalten wir nachstehende Zuschrift: Die jüngst erfolgte Taufe des Baurates Heinrich von Kuh ,und seiner Frau Felicia, geborenen R a p p o p u r t von Po r a d a, verdient wohl mit einigen Worten gewürdigt zu werden. Die Frau Baurätin ist die Tochter des jüngst verstorbenen Reichsrats-Abgeordneten Dr. Arnold von Rappoport, der selbst ein Enkel des berühmten Prager Oberrabbiners war. Dieser Abgeordnete ist bekanntlich auf den Schultern der galizischen Juden, speziell der Krakauer Handelskammer, nicht nur zu Ansehen, sondern auch (als Gründer der Länderbank) zu Millionen gelangt. Trotzdem hat er für die galizischen Juden nichts getan. Auch das Versprechen, welches er in den letzten Jahren vor seinem Tode verschiedenen Krakauer Persönlichkeiten gegenüber gemacht hat, dass er zur Erhaltung des Spitals 400.000 K letzt willig vermacht habe, wurde nicht eingehalten. Er hat der Stadt Krakau nicht einen Heller hinterlassen. So lange er aber lebte, hat er sein Polentuni akzentuiert und das sicherte ihm sein Mandat. Die Kinder aber hat er d e u t s c h erzogen und die Töchter an Engländer, resp. Deutsche verheiratet — nach .Möglichkeit mit Adelsprädikat. Mit seinen Länderbank-Millionen konnte er sich dies erlauben. Tnd nun, da der Vater tot ist, beginnen sich die Kinder zu taufen. Herr v. Kuh möchte rasch Obcrbaurat werden und macht den Anfang. Die Enkel des Prager Oberrabbiners als — Christen! R e i t z e s, R a ppoport ... Die Kinder der Börsenjobber taufen sich. Wer wird ihnen eine Träne nachweinen? . . . . Universitäts-Professor Sternbach als — Denunziant. Krakau, I. August. (Orig.-Korrj Es ist eine merkwürdige Tragik in unserem politischen Leben, dass wenn wir nach fahren des Kampfes in irgend einer Körperschaft eine jüdische Repräsentanz erobern, auf diese Stelle gerade ein Mann berufen wird, dem nicht das allgemeine jüdische Interesse am Herzen Jiegt, der nicht mit Mut für die jüdischen Interessen eintritt, sondern der diese Stelle als eine Stufenleiter für persönliche Ambitionen ansieht. So ist es uns auch ergangen mit dem j ü d is c h e n Vertreter im g a 1 i z i s c h e n L a n d e ssc hui rat. Durch Dezennien haben wir dagegen gekämpft, dass die galizischen Juden unter Verletzung ihrer Gleichberechtigung und im Gegensatze zu allen anderen Provinzen der Monarchie im galizischen Landtage keinen Repräsentanten haben. Endlich ist es vor einigen Jahren gelungen, eine Aenderung im Statut des galizischen Landesschulrates herbeizuführen, wonach auch der ^israelitischen Konfession" ein Repräsentant gebührt. Dieser Repräsentant der israelitischen Konfession" wird in jeder Provinz über Vorschlag des Kultusvorstandes der Landeshauptstadt von der Regierung berufen. So ist es der Fall in Wien, Brünn, Czernowitz usw., wo der Präsident, resp. Vize-Präsident der Kultusgemeinde Mitglied des Lande s schulrates ist. Aber in Galizien ist es anders. Dort werden die Kultusgemeinden gar nicht gefragt, wen sie im Landesschulrat als jüdischen Vertreter wünschen, dort weiss der Statthalter besser, wer die Eignung Und die Vorbildung zur Vertretung der jüdischen Bevölkerung hat. LTnd dieser Statthalter hat gefunden, dass kein Präsident oder Mitglied des Kultusvorstandes hiezu befähigt ist — sein Auserwähltcr war der Professor der klassischen Philologie (!) an der Krakauer Universität, Dr. Sternbach. Es würde viel zu weit führen, wollte ich die „Tätigkeit" dieses Landesschulrates im Detail schildern. Der Mann wirkt geradezu verhängnisvoll. Das jüdische Bewusstsein in der jüdischen Jugend wird unter seiner Aegide niedergedrückt, denn der Herr Professor sieht sich von zionistischen Gespenstern verfolgt. Er hält es aber für seine Aufgabe, nicht eine jüdische, sondern eine polnisch-chauvinistische Generation zu erziehen, die sich an der Universität, "bar jedes jüdischen Bewusstseins, umso leichter taufen würde. Dieser erste jüdische Landesschulrat sieht also seine Aufgabe darin, ein wahrer Assimilationsapostel zu sein. Leicht begreiflich ist es daher, dass er alle jüdischen Religionslehrer sorgfältig überwacht. Wer nicht seinen Gesinnungen huldigt, wird verfolgt und -- denunziert. 1