Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4. wNeue National-Zeitung" Nr. 32. kajni nicht ohne entsprechende Folgen auf die russische Judenschaft bleiben; Andererseits aber hat die Emigration auch ihre guten Seiten. Dieselben bestehen darin, dass sie nicht nur zerstörend; sondern auch schattend wirkt: unbemerkt, ruhig, aber mit einer wundervollen, rein amerikanischen Schnelligkeit wuchs jenseits des Ozeans ein bedeutendes jüdisches Zentrum heran» Die zwei Millionen Juden, in wenigen grossen Städten der Vereinigten Staaten .Nordamerikas konzentriert, die unter gänzlich neuen'soziai ökonomischenjUnidkuiturell-pohtischen Bedingungen leben, bilden einen mächtigen Faktor für uie nächste Zukunft des jüdischen Volkes; Und das sind doch nur die ersten Blüten, die ersten Folgen der grossen jüdischen Wanderung — was noch kommt, lässt sich schwerlich voraussagen» Man kann die Emigration verschieden auf - fassen: man kann sie beklagen oder loben, man kann in ihr den Prozess des Verderbens und des Aussterbens oder den des Erwachens sehen. Unverzeihlich ist es aber, sie zu ignorieren. Und trotzdem müssen wir leider konstatieren, dass die jüdische Emigration bisher sowohl in der Presse, als auch im öffentlichen Leben gänzlich ignoriert wurde. Der Vorwurf des Totschweigens der jüdischen Emigration lastet besonders auf den verschiedenen jüdischen Arbeiterparteien, denn schliesslich und endlich sind docii die meisten Emigranten Arbeiter, die in Tausenden ihre Wohnorte verlassen haben und deren Plätze in den Reihen aller Parteien gänzlich leer bleiben. Im Verlaufe nur des einzigen Jahres 1906 wanderten nach den „Vereinigten Staaten von Nordamerika" jüdische Arbeiter aus: gelernte Arbeiter 51,141, landwirtschaftliche Arbeiter 1712, ungelernte Arbeiter 8378, Diener 9839, zusammen 71.070 Arbeiter. Das heisst: die Zahl der ausgewanderten jüdischen Arbeiter innerhalb eines Jahres übersteigt diejenige aller jüdisch-proletarischen Parteien zusammengenommen. k Eine weit grössere Anzahl emigrierte im Jahre 1905. gelernte Arbeiter 60.135, Landarbeiter 498, ungelernte Arbeiter 8159 und 8000 Diener, zusammen 7Ö.792 Arbeiter. Die Auswandererzahl der Arbeiter in den früheren Jahren ist noch tviel grösser. Umsonst würden wir eine ähnliche Erscheinung in der ganzen jüdischen Geschichte der letzten 1800 Jahre suchen — seit der Zeit der Zerstörung des jüdischen Reiches. Die grosse Vertreibung der Juden aus Spanien, die einen hervorragenden Platz in der jüdischen Geschichte einnimmt, veranlasste 300.000 Menschen, den .Wanderstab vzu ergreifen. Die Vertreibung der Juden aus England hat 16.000 Menschen zur Auswanderung gezwungen. Jetzt aber sind aus Russland allein schon mehr als Million Juden ausgewandert. Wie wird diese bedeutende Erscheinung in der jüdischen Welt gewürdigt? Wie verhalten sich die jüdische Presse und die Parteien dazu? Auf diese Fragen müssen wir mit Bedauern folgende Antwort geben: die jüdische Emigration ist bis vor kurzem weder studiert noch reguliert worden. Ja, nicht einmal eine Silbe ist darüber geschrieben oder nur gesprochen worden. Erst in der letzten Zeit ist dank der Anregung der praktischen Territorialisteii in dieser Hinsicht was geschaffen worden. Um abeT die jüdische Emigration richtig verstehen und schätzen zu können, müssen wir dieselbe vorerst statistisch erforschen. Das könnte uns zu weiteren Schlüssen verhelfen; wir könnten dann die Lage der eingewanderten Juden in Amerika näher studieren. Aber erst, wenn wir diesen ganzen Stoff autgearbeitet haben werden, können wir auch mit Gewissheit die Frage entscheiden, ob die Emigration für die Zukunft des jüdischen Voitces eine erwünschte Erscneinung sei und daher rege Unterstützung verdiene, oder, ob sie eine krankhatte Erscheinung und daher unerwünscht sei. Wenn wir von der Erforschung der Emigration sprechen, beschränken wir uns vorläufig nur auf die Vereinigten Staaten von .Nordamerika. Denn erstens nehmen sie 85 bis 90 Prozent der ganzen jüdischen Emigration in sien auf und zweitens sind sie das einzige Land, we3:hcs im Verlaufe mehrerer Jahre die genauesten Daten und Ziffern über der jüdischen Emigration gesammelt hat. Die wertvollsten Daten liefern uns die alljährlich veröffentlichten Berichte des Generalkommis - sariates in Angelegenheiten der Immigration.l) Viel Interessantes über der jüdischen Emi - gration können wir dem Berichte der „Senatorischen Industriellen-Kommission", dessen 15. Band der Immigration gewidmet ist, entnehmen.-J Ausserdem gibt es noch eine ganze Menge von (Quellen, aus denen wir manches entnehmen könnten. , Die Immigration hat in. den V ereinigten Staaten von Nordamerika eine ungeheure Literatur geschaffen. Die Literatur über speziell jüdische Immigration ist jedoch sowohl quantitativ als auch qualitativ unbedeutend. Viel bedeutender ist die der irländischen, der italienischen und germanischen Immigration. > Für die Interessenten in Immigrationsfragen wurde vom Oberbib'iogi aphen der Kongressbibliothek zu .Washington ein uibjographischer W egweiser zusammengestellt und herausgegeben.3; Als gutes Hilfsmittel dient auch diJ vom „Departement für Handel und Gewerbe" ausgegebene iirosehüre, die sämtliche Gesetze über Immigration enthält.4) Zur Erforschimg der amerikanischen Immigration würden sich am besten die Arbeiten des Prot. Mayo-Smith-'J und Preskott-HulF; empfehlen, antiquiert sind jedoch die Werke des l'rof. Walker') und Robert Hunter8). Zur Erforschung der speziell-jüdischen Immigration würde am besten das .Werk des Engländers ü,vans Gordon dienen/') l) Aiuuial Reports of the Commissioner General of Immi gration. Washington. 2j Reports of the Industrial Commissiou on Immigration including testiuiony. Vol. XV of the Comniissions Reports. Washington lyui. ') A list of Books (with references to periodicals) on Immigration etc. P. Clark Gitfrin, Second lssue. Washington lyüö. *) Immigration Laws und Regulation etc. Washington 1907. Departement of Commerce and Labor. ») Prof. Richmond Mayo-Smith : Emigration and Immigration, New-Yoik 189^. *) Preskott Hüll. Immigration and its Effects upon the United States. New-York lyOü. (American Public Problems.) T) Prof. Francisk Walker 4 Diskussions in Economics and ^tatistics. Vol. 11. Aew-York löyy. Robert Hunter, Poverty. New-York 1904. ») W. Ewans Gordon. The Alien Immigrant. New-York 19C3