Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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,Meue ^ationai-Zeitung,i fett»! Nr. 32. .Wort ,Bilkc' (Semmel)" — meint lächelnd Rosenfeld — „wie wollen Sie der jüdischen Frau beibringen, dass sie statt dessen ein hebräisches .W ort benütze?" .... * Rosenfeld ist kein weltfremder Dichter. Er studiert das Leben und die Menschen. Sein Samstag- Feuilleton „Ueber Menschen und Sachen", welches allwöchentlich im New-Yorker Arbeiterblatt „Vorwärts" erscheint, gibt ihm Gelegenheit zu tiefen Betrachtungen der Wochen-Ereignisse. Wiewohl Redakteur eines sozialdemokratischen Blattes, ist er dennoch nicht Sozialdemokrat; er ist vielmehr Nationaljude. Seine Anschauungen über den Zionismus bewegen sich ausserhalb jeder Schablone. Alles in allem : auch als Mensch und Publizist sehr interessant. L. Dr. K. FORNBERG (New-York) : JJuf gtatistil< de* jüdischen Emi^paMon. Das letzte Viertel des vorigen und das ablaufende Jahrzehnt dieses Jahrhunderts bilden eine markante Epoche im Leben des jüdischen Volkes. V/ie unsere historisch-philosophische Weltanschauung auch sein mag, welchem sozialen Faktor wir aen bestimmenden Einfluss auf die historischen Schicksale der Völker auch zuschreiben wollten, sehen wir uns dennoch verpflichtet, dieser merk - würdigen Epoche unsere vollste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Im Laufe dieser Epoche wird die russische Judenschaft gänzlich in den allgemeinen ökonomischen Wirbel des Landes hineingezogen; die alten, abgelebten Formen des ökonomischen Lebens w erden vom Siegeszuge des Kapitalismus unbarmherzig hinweggespült. Im Zusammenhange mit diesem natürlichen Wechsel im sozial-ökonomischen Dasein des jüdischen Volkes ändert sich auch die sozialpolitische Physiognomie desselben; es entstehen neue Klassenbeziehungen, und eine neue Klasse — das Proletariat — taucht auf der Arena des jüdischen Volkes auf und bringt einen frischen Geist, neue Bestrebungen und Ideale hervor, die das eingeschlummerte jüdische Leben aufs neue aufwirbeln. Die äussere Lage des jüdischen Volkes hat sich in gewisser Hinsicht auch geändert. Diese Epoche trägt die Marke des Kampfantisemitismus an sich. Die Verfolgungen seitens der Bureaukratie gehen Hand in Hand mit dem gesellschaftlichen Ostrazismus; der ,,theoretische" Antisemitismus artet in eine wilde Judenverfolgung aus und die Geschichte des vielgeprüften jüdischen Volkes wird um neue Blätter, die uns von blutigen Pogroms erzählen, bereichert. Diese Umwälzungen im Leben des jüdischen Volkes änderten endlich auch seine Weltanschauung, und sowohl unter den oberen, als auch unter den niederen Schichten ist eine gänzliche Revolution des Geistes zu verzeichnen. In den oberen Schichten leben sich die ..patriotischen Illusionen" allmählich aus; die Hoffnung auf baldige ,,Lösung der Judenfrage" und somit auf volle Gleichberechtigung der Juden wird von den meisten bereits aufgegeben. Die Assimilationsideologie, die zur Zeit der grossen Reformen unter der jüdischen Bourgeoisie und Intelligenz herrschend war, verliert mehr und mehr ihren ideal - progressiven Wert und muss schliesslich der nationalen Ideologie den Platz räumen. Es entsteht eine mächtige nationale BeWegungj die eine gänzliche Umschätzung der .Werte im jüdischen Volke hervorruft. In die breitesten Schichten des Volkes eindringend, liefert uns diese Bewegung ein überaus reich nuanciertes Bild der ver* schiedenartigsten jüdisch-nationalen Anregungen — vom philistcr-sentimentalcn Palästinensismus einerseits, bis zum progressiv-demokratischen Territorialismus andererseits. Gleichzeitig geht auch eine intensive geistige Arbeit unter den niederen Schichten vor sich. Es entsteht und blüht eine mächtige nationale Arbeiterbewegung, die nicht bloss die Trägerin, der sozialistischen, sondern auch' der demokratischen Ideen ist und die in! dieser Hinsicht auf die breiten jüdischen Massen ihren Einfluss ausübt. Wir sehen somit, dass im Verlaufe dieser kurzen Zeit das Wesen und Bewusstsein des jüdischen Volkes sich radikal geändert haben. Allein nicht dadurch allein zeichnet sich diese letzte Epoche aus. Vielmehr durch die Erscheinung der jüdischen Wirklichkeit — durch die Emigua« t i o n —die sich mehr und mehr ausbreitete lind die endlich solche grandiose Zahlen annahm, dass ihr das jüdische Volk unwillkürlich die grösste Aufmerksamkeit zuwenden, muss. Dem Ewigen Wanderer" ist zwar das Wandern von einem Ort zum anderen nichts ineues; es ist aber doch eine Tatsache und zeigt eben5 dass das jüdische Umherirren noch nicht zu Ende und dass die letzte Etappe des langen Weges noch keineswegs passiert worden sei. Die Emigrations-Periode kam ganz unerwartet herbei. , Die Juden glaubten in den von ihnen bewohnten Ländern schon dauernd ansässig zu sein und waren nur bestrebt, Gleichberechtigung zu erlangen. Sie fühlten sich mit diesen Ländern,jeeg verbunden. Aber die rauhe Wirklichkeit verwandelte plötzlich diese schönen Träume in nichts und ivor unseren Augen entfaltet sich oin mächtiger Ermgratfamsprozess. Diese Emigration wurde umfangreicher und umfangreicher. Sie übersteigt bereits alle Grenzen; ungeheure Massen längst ansässiger Juden werden von ihr mitgezogen. Die jüdische Eoa*- gration geht wellenartig: systematisch, nach einer kleinen zeitlichen Ebbe, tritt eine grosse Uebersehwemmung heran, die , neue Gegenden berührt. Schon längst ist die , Emigration der entscheidende Faktor, der das Wachstum und die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Russland, Rumänien und Galizicn reguliert. Besonders aber in Russland, wo die Emigration den natürlichen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung bereits übersteigt. In dieser Beziehung erreichte die jüdische Emigration dieselbe Stufe, wie 'die irländische in der Mitte des XIX. Jahrhunderts*). Eine solche fürchterliche Emigration, ein so ungeheurer Abfluss von Menschen, *) Der natürliche Zuwachs der jüdischen Bevölkerung-in Russland beträgt 92.000 im Jahre (vergl. „Die sozialen Verhiltnisse der Juden in Russland.* Veröffentlichungen des' Bureau für Statistik der Juden. Berlin-Charlottenburg 1906, Seite*-«1, wibretid die Emigration der Juden aus Russland bloss nach den Vereinigten Stauten Nordamerikas im Jahre 1906 (vom .1. Juli —- 3ÜL J«»i> 125.243, und im Jahre 1905 92 388 ausgemacht hat.