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Neue Nationalzeitung · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32. Bürgschaft des Erfolges ist, so bilden die zionistischen Geheimnisse von dieser Regel eine Ausnahme. Die Mittel, welche im Laufe der elf Jahre im Interesse der Verwirklichung" der zionistischen Idee angewendet wurden, h a b j n alle versagt. Die Kolonialbank war dazu ausersehen, als das Finanz-Instrument der zionistischen Bewegung der türkischen Regierung Dienste zu leisten, Konzessionen zu erlangen, Bauten aufzuführen., Unternehmungen zu kapitalisieren, usw. Ein grosser Teil der Aktien, ungefähr ein Drittel, wurde gezeichnet, die Bank als juristische Person besteht, sie hat Filialen in Palästina, sie macht Geschäfte. Aber von der türkischen Regierung ist sie bisher zur Anschaffung eines internationalen Kredits nicht in Anspruch genommen worden, sie hat Leine Konzessionen erlangt, sie führt das bescheidene Dasein eines privaten Bankhauses. Wie sich der Sultan, als absoluter Herrscher des ottomanischen Reiches, der zionistischen Bewegung gegenüber verhalten hat, ist bekannt. Er war nicht geneigt, ihr auch nur die mindeste Konzession zu machen. Der Appell an ihn war vergeblich. Er verschärfte vielmehr das Einwanderungs-Verbot nach Palästina und hat damit bei aller sonstigen judenfreundlichen Gesinnung kundgegeben, dass er eine Ansammlung der Juden in Palästina nicht wünscht. Die Izzet-Paschas und Ragib-Beys haben wohl gern Bakschisch von der zionistischen Partei genommen, aber ihr Einfluss war doch bei einer so bedeutenden Frage zu gering, um den Sultan umzustimmen. Bleibt nur noch die Intervention der Mächte, als dritter und letzter Faktor im diplomatischen Kalkül Dr. Herzls. Die europäischen Mächte, die der Sultan aufs tiefste hasste, wreil er in ihnen seine beutegierigen Feinde sah, »sollten intervenieren, um -den Juden zur Autonomie in Palästina zu verhelfen. . . . Wer erinnert sich da nicht an das fahr 1803. als die polnischen Revolutionäre alles von der Inter - vention Napoleons III. ei warteten? (Fortsetzung folgt.) Dr. S. R, Landau. ^owis Rosenfeld in Karlsbad. Karlsbad, Anfangs August. Wer Zeuge des stürmischen Beifalles war, den Morris Rosenfeld als Vorleser bei dem zahlreichen Publikum im Kurhaus-Saal gefunden hat, der kann sich eine Meinung bilden über seine ungeheure Popularität. Es war ein europäisches Publikum aus aller Herren Ländern und es lauschte voll Andacht und Begeisterung der Vorlesung von Gedichten in jener Sprache, die den meisten von ihnen sonst fremd, ja sogar lächerlich ist. Denn es fesselte und bezwang sie alle jener Hauch des dichterischen Genies, der mit der Sprache nichts gemein hat, der unser Inneres erfasst und in seinem Zauber hält durch die Macht seiner Gedanken und die Tiefe seiner Empfindungen. Das Jargon-Gedicht, ob es lacht und kichert, oder weint und wehklagt, findet trotz seiner „hässlichen Sprache" einen Wiederhall in unserem Innern, denn aus ihm spricht die Volks-Seele. Der jüdische Lyriker, mag er auch noch so persönlich sein — sein Leid und Freud' sind der Spiegel der Volks- Individualität. Darin liegt das Geheimnis der bisherigen grossen Erfolge Rosenfelds, seiner Popularität und seines Ruhmes. Allein gegenwärtig vollzieht sich in der dichterischen Entwicklung Rosenfelds ein merkwürdiger Umschwung. Seine Gedichte verlieren immer mehr die Tendenz; an Stelle des nationalen und proletarischen Charakters tritt das rein künstlerische Streben: l'art pour Part. Er sucht mehr die Form und er schildert mehr das allgemein Menschliche. Was an seinen Gedichten bleibt, ist dann nur die ,,Golus- Sprache", ohne den Ghetto-Geist. * Morris Rosenfekl hatte die Absicht, Sonntag, den 2. August, Karlsbad zu verlassen und über Krakau für kurze Zeit nach Zakopane zu reisen. Leider hat ihn seine noch nicht ganz hergestellte Gesundheit gezwungen, den hiesigen Aufenthalt vorläufig um eine Woche zu verlängern. Dann reist er nach Krakau, um hier wegen der Vortrags-Tournee die Entscheidung zu treffen. Die Zahl der Einladungen, die bisher dem Dichter zugekommen ist, steht jedenfalls über seiner physischen Fähigkeit. Rosenfekl liest seine Gedichte nicht einfach vor. Er gibt ihnen Leben, Kolorit und das spannt ihn sehr ab. Rosenfeld wird daher eine sorgfältige Auswahl bezüglich der Städte treffen müssen, wo er lesen wird. Er reist ja nicht wegen seines Ruhmes oder seiner Popularität, sondern wegen des Verdienstes, auf den er leider angewiesen ist. Es muss daher Sache der veranstaltenden Komitees sein, dem Dichter ein grosses Reinerträgnis unter möglichster Rücksichtnahme auf seinen geschwächten Zustand zu verschaffen. Jedenfalls wird Rosenfeld Anfangs Oktober in Wien vortragen. * Trotz des schweren Leidens, das unseren Volksdichter vor drei Jahren als Folge des Todes seines ausserordentlich begabten 15 jährigen Sohnes heimsuchte, ist er ungemein produktiv. Wiewohl zwei neue Bände seiner Gedichte in den nächsten Tagen im Buchhandel erscheinen, hat Rosenfeld bereits einen weiteren Band druckreif. In diesem Bande werden wir schon jene ,,reine Lyrik" finden, von der oben gesprochen wurde. Allein am Jargon, am „Jiddisch" hängt Rosenfekl als einer wahren Volkssprache. Die Hebraisten sind ihm nichts anderes als Snobs. „Wären wir heute" — meint Rosenfeld— „dabei, uns auf offenem Markte eine Sprache zu kaufen, dann könnten wir uns eine schöne Sprache wählen: französisch, englisch, wahrscheinlich hebräisch. WTr haben aber schon eine Sprache, die mit uns, mit unserem Leben, mit unserem Leiden, mit unserem Golus verkettet ist; in dieser Sprache denken und "empfinden unsere Volksmassen, so lallen sie als Kinder und sprechen sie als Erwachsene. Das Aechzen und Seufzen, das ,Oj' und ,Weih', dieses echt jüdische Wehklagen — ich kann es mir nicht in einer anderen Sprache, als in der jiddischen vorstellen. Oder nehmen Sie das

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